DFB-Torwart ter Stegen Deutschlands Nummer eineinhalb
DFB-Torwart Marc-André ter Stegen
Foto: Bongarts/Getty ImagesAserbaidschan gegen Deutschland - da sind die Rollen klar verteilt. Der Weltmeister zu Gast bei dem Team, das auf Platz 89 der Fifa-Weltrangliste festhängt, zwischen Kenia und Antigua. Was soll da schon passieren, wenn sich beide am Sonntag zur Partie der WM-Qualifikation in Baku (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL, Internet: Dazn) treffen?
Aber es gibt zwei Menschen, die mit dem aserbaidschanischen Fußball zu tun haben und genau wissen, wie es ist, wenn Deutschland verliert. Beide haben das allerdings nur an der Seitenlinie miterlebt.
Zum einen ist dies der aktuelle Trainer Robert Prosinecki, Nachfolger von Berti Vogts. Der Kroate war als Ersatzspieler dabei, als sein Team die damals von Vogts betreute deutsche Mannschaft bei der WM 1998 in Frankreich aus dem Wettbewerb warf.
Und dann gibt es da noch Tofik Bachramow, den berühmtesten Linienrichter der Welt, der noch bis zu seinem Tod darauf beharrte, dass das Wembley-Tor 1966, dem er zur Anerkennung verhalf und das England zum Weltmeister gegen Deutschland machte, auch wirklich ein Tor war.
Bachramow wird bis heute in seinem Land verehrt, vor dem Stadion, in dem Deutschland am Sonntag seine Partie austrägt, steht seine lebensgroße Statue. Der Name der Arena lautet Tofik-Bachramow-Stadion.
Ter Stegen erstmals unbelastet im DFB-Team
Marc-André ter Stegen kam 26 Jahre nach dem Wembley-Tor zur Welt, und als Prosinecki und seine Kroaten die DFB-Elf in Frankreich demütigten, war er gerade sechs Jahre jung. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass der Torhüter gänzlich unvorbelastet die Reise hinter den Ural antreten kann.
Unbelastet - das ist ein Zustand, den der Torwart des FC Barcelona in der Nationalmannschaft noch nicht allzu oft erlebt hat. Der Mönchengladbacher hat bisher neun Länderspiele absolviert. Bislang erinnerte man sich an sie nur deswegen, weil der Keeper sich regelmäßig abenteuerliche Aktionen leistete, regelrechte Slapstick-Tore waren darunter.
Gleich in seinem ersten Spiel kurz vor der EM 2012 schenkten ihm die Schweizer fünf Treffer ein, auf der Amerikareise 2013 fabrizierte er gegen die USA ein kurioses Eigentor, beim Test gegen die Slowaken vor der EM 2016 ließ er einen einfachen Ball durch die Beine rutschen. Die Nationalmannschaft und ter Stegen - das schien sich zu einer eher bizarren Beziehung zu entwickeln. Zumal das reine Stellvertreter-Dasein für den unumstrittenen Manuel Neuer für einen ehrgeizigen Profi wie ter Stegen ohnehin dauerhaft unbefriedigend sein dürfte. Die Aussicht, in Deutschland bestenfalls die Nummer zwei hinter Neuer werden zu können, hat etwas Nervendes.
Starke Aktionen gegen die Engländer
Seit dem vergangenen Mittwoch hat sich das bislang bekannte Bild allerdings verschoben. Ter Stegen hatte im Testspiel gegen England den angeschlagenen Neuer wieder einmal ersetzt, aber diesmal sah das Publikum einen anderen ter Stegen als sonst. Nervenstark, hoch konzentriert, ballsicher - all die Qualitäten, die der Torwart im Verein eigentlich seit Jahren aufzeigt. Kurz vor der Pause blieb der Torwart im Eins-zu-eins-Duell gegen Dele Alli ganz cool und verhinderte so die sichere Führung der Engländer. "Er hat zwei, drei Aktionen großartig vereitelt", gab es entsprechend Lob vom Bundestrainer. Gegen Aserbaidschan spielt zwar sein Kollege Bernd Leno von Bayer Leverkusen, dennoch hat sich ter Stegen mittlerweile zwar nicht den Rang der deutschen Nummer eins, aber den der Nummer eineinhalb erkämpft.
Von Selbstzweifeln geplagt war der Torwart noch nie, ter Stegen ist immer von seinem Können überzeugt gewesen. Das hat ihm die Sache in der Nationalmannschaft nicht unbedingt erleichtert, ständig wähnte er sich in Konkurrenz. Deutschland ist schließlich Torwartland. Bernd Leno, Kevin Trapp, Ron-Robert Zieler, sie alle haben und hatten ihre Ansprüche. Der Wechsel von Borussia Mönchengladbach zum großen FC Barcelona war zudem zunächst ein Schritt ins Reservistendasein. In der Liga saß ter Stegen in den ersten beiden Spielzeiten grundsätzlich auf der Bank - wenn auch ein Jammern auf höchstem Niveau, dafür durfte ter Stegen mit den Katalanen die Champions League gewinnen.
Mittlerweile ist ter Stegen Stammtorwart bei Barcelona, er steht in einem Team mit den berühmtesten Spielern der Welt, die Sturmreihe vor ihm heißt Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar, sein Spiel hat an Sicherheit gewonnen - auch wenn die Patzer nicht aussterben. Ter Stegen reist jetzt nicht mehr zur Nationalmannschaft mit dem Gefühl, es dort allen erst noch beweisen zu müssen.
"Er hat durch den Stammplatz in Barcelona eine Weiterentwicklung genommen. Natürlich ist bei ihm auch zu spüren, dass das Selbstbewusstsein wächst", attestiert Torwarttrainer Andreas Köpke dem Keeper im Fachmagazin "Kicker". Köpke war immer schon ein ter-Stegen-Förderer, er hat sich früh festgelegt, dass der 24-Jährige derjenige sei, der "unserem Torwartspiel am ehesten entspricht". Wenn Neuer beim Confed Cup im Sommer geschont werden sollte, dürfte der Barça-Torwart die besten Karten haben.
Ter Stegen selbst sagt: "Ich versuche immer, meinen Job zu machen." Im Moment macht er einen ziemlich guten Job.