Maric-Interview "Kroatien stand 1998 im Zenit"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Maric, als die Ärzte vor wenigen Monaten bei Ihnen muskuläre Disbalancen diagnostizierten, drohte Ihnen das Karriereende. Macht Ihnen die Erkrankung noch zu schaffen?
Tomislav Maric: Im Großen und Ganzen ist alles in Ordnung. Ich mache jeden Tag meine Übungen und hoffe, dass ich bald wieder von Anpfiff an spielen kann.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben also keine Atemprobleme mehr?
Maric: Nein. Ich glaube, dass ich schon wieder Kraft für 90 Minuten habe.
SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Gedanken schauen Sie auf den EM-Test zwischen Kroatien und Deutschland?
Maric: Ich wäre gerne dabei gewesen. Aber das Länderspiel kommt zu früh für mich. Ich bin im Verein nach sieben Monaten Pause erst dreimal eingewechselt worden. Jetzt werde ich mir das Spiel im Fernsehen angucken. Borussia Mönchengladbach hat momentan sowieso Priorität für mich. Dort muss ich meine Leistung abrufen und Tore schießen. Dann erst kann mich mir wieder Gedanken über die Nationalmannschaft machen.
SPIEGEL ONLINE: Das Ziel von Mönchengladbach ist der Klassenerhalt. Träumen Sie vom Pokalsieg?
Maric: Hey, wir sind im Halbfinale. Jetzt wollen wir den Pott nach Gladbach holen.
SPIEGEL ONLINE: Ein anderes großes Ziel von Ihnen ist die EM-Teilnahme. Hat sich Kroatiens Nationaltrainer Otto Baric schon wieder bei Ihnen gemeldet?
Maric: Wir hatten regelmäßig Kontakt. Als es mir schlecht ging, hat er mich sogar besucht. Wenn ich regelmäßig von Anfang an spiele und meine Leistung bringe, dann werde ich auch wieder eine Einladung bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Heilbronn geboren. Wann stand für Sie fest, dass Sie für Kroatien spielen wollten?
Maric: Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber kroatisch erzogen worden. Mit 20 Jahren habe ich für die kroatische U21 gespielt. Die Frage, ob ich für Deutschland spielen sollte und könnte, ist erst vor zwei, drei Jahren gekommen. Da war es aber schon zu spät.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das mal bedauert?
Maric: Nein. Ich habe sehr schöne Spiele für Kroatien gemacht und tolle Sachen erlebt. Ich bin Deutschland für alles dankbar, habe hier eine schöne Kindheit verbracht. Aber ich bin Kroate. Deshalb bin ich auch stolz, für mein Land zu spielen.
SPIEGEL ONLINE: Fast alle kroatischen Nationalspieler spielen im Ausland. Ist das ein Vor- oder Nachteil?
Maric: Kroatien bringt viele gute Talente hervor, die sehr früh von ausländischen Vereinen geholt werden. Dass sie im Ausland sehr früh lernen, auf sich alleine angewiesen zu und sich durchzubeißen, ist ein Vorteil. Die Spieler haben nach einigen Jahren Erfahrungen, die sie auch an die Spieler weiterreichen können, die noch in Kroatien spielen.
SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Kollegen stehen Sie in Verbindung?
Maric: Aus der Bundesliga habe ich mit Joe Simunic, Boris Zivkovic und den Kovac-Brüdern regelmäßig Kontakt. Aber auch Dado Srna, Giovani Rosso und Ivica Mornar sind Spieler, mit denen ich regelmäßig telefoniere. Wir haben ein sehr gutes Klima in der Nationalmannschaft. Es macht jedes Mal Spaß, dorthin zu fahren.
SPIEGEL ONLINE: Kroatien ist für seine hervorragenden Stürmer wie Alen Boksic oder Davor Suker bekannt. Wer ist Ihr Vorbild?
Maric: Natürlich habe ich früher Spieler wie Boksic, Suker oder auch Zvonimir Boban und Robert Prosinecki bewundert. Aber ein richtiges Vorbild habe ich nie gehabt. Diego Maradona war für mich der sagenhafteste Fußballer. Es wird lange dauern, bis so einer mal wieder auf die Welt kommt.
SPIEGEL ONLINE: Wer sind heute Ihre schärfsten Konkurrenten um einen Platz im kroatischen Sturm?
Maric: Wir haben fünf, sechs gleichwertige Stürmer. Mornar, Prso, Tomo Sokota zum Beispiel sind Hochkaräter, die in England, Frankreich und Portugal unter Vertrag sind. Aber wenn ich fit bin, habe ich die Qualität, in der Nationalmannschaft zu spielen. Und ich bin wieder fit. Deshalb muss ich mir keine Gedanken machen, wer meine Konkurrenten sind.
SPIEGEL ONLINE: Ein neuer Konkurrent für die Angriffsposition ist Ivan Klasnic von Werder Bremen. Was halten Sie von ihm?
Maric: Ich kenne ihn privat, weil wir beide ein Apartment in Baska Voda am Meer haben. Er ist ein sehr talentierter Fußballer und hat dieses Jahr einen sehr guten Lauf. Er hat eine gute linke Klebe und wird seinen Weg machen.
SPIEGEL ONLINE: Nach dem sensationellen dritten Platz bei der WM 1998 ist es bergab gegangen mit Kroatiens Nationalteam. Woran liegt das?
Maric: Die Mannschaft ist seitdem im Umbruch. Bis dahin hatten die Spieler seit ihrer Jugend immer zusammengespielt - eine sagenhafte Generation. Alle spielten in europäischen Spitzenmannschaften. 1998 hatten sie dann ihren Zenit erreicht. Danach hat es gedauert, bis eine neue Hierarchie entstanden ist. Aber jetzt ist die Mannschaft wieder gefestigt. Natürlich wird es schwer, den dritten Platz von der Weltmeisterschaft zu toppen, aber gewisse Chancen bei der EM rechnen wir uns schon aus.
SPIEGEL ONLINE: Hat nicht auch der Stolz auf das junge, unabhängige Kroatien die Spieler damals beflügelt?
Maric: Das hat auch eine Rolle gespielt. Der Nationalstolz hat vielleicht zehn Prozent mehr aus jedem Spieler rausgeholt. Denn das Land war noch jung, es war eine schwierige Zeit so kurz nach dem Krieg. Aber man darf nicht die Qualität der Spieler vergessen. Das waren alles großartige Fußballer. Das war eine Kunst, wenn die gespielt haben. Da gab es kein taktisches Geplänkel. Von den elf Mann, die auf dem Platz standen, konnten zehn das Spiel entscheiden.
SPIEGEL ONLINE: Welche Stars hat Kroatien heute?
Maric: Wir haben auch sehr gute Fußballer, vor allen Dingen auf den Flügeln mit Srna und Milan Rapaic, die Flanken schlagen können wie David Beckham. Oder im Sturmzentrum Prso, der nicht nur kopfballstark ist, sondern sehr gut den Ball halten und eine Eins-Eins-Situation lösen kann. Doch der große Unterschied zwischen der Mannschaft von 1998 und der heutigen ist, dass wir jetzt im Kollektiv spielen. Wir haben keine Superstars wie damals, aber sind taktisch sehr gut geschult und können es deshalb jeder Mannschaft der Welt schwer machen.
Das Interview führte Till Schwertfeger