Matthäus in New York Lothar, who?
New York - Ein Taxifahrer schneidet einem Radfahrer den Weg so kunstvoll ab, dass der nur dank artistischen Fahrvermögens einen Crash vermeiden kann. Eine Gruppe zukünftiger Models steigt in eine mindestens einen Kilometer lange Stretch-Limousine. Verirrte Touristen fragen verwirrte Touristen nach dem Weg. Ein ganz normaler Freitag in New York, und doch ist dieser Freitag kein gewöhnlicher. Es ist der Tag, an dem Lothar Matthäus die Bühne New York betritt.
Flughafen Newark, New Jersey. Gerade mal eine Handvoll Fans, eine zwei Mann starke Abordnung von Matthäus' neuem Verein und ein Kamerateam aus Deutschland haben sich zur Begrüßung des deutschen Rekordnationalspieler nebst Freundin Maren eingefunden. Nächster Auftritt. Inmitten einer riesigen Asphaltwüste von Parkplätzen und Betonbauten liegt das Giants-Stadium. Hier ist das Football-Team der New York Giants zu Hause, und hier spielen auch die MetroStars. Das neue Team von Lothar Matthäus hat bisher keinen bleibenden Eindruck beim Stadion-Personal hinterlassen, und erste Zweifel werden wach, dass sich das mit der Ankunft des Länderspielweltrekordlers ändern könnte. Die Frage, was sie von dem Fußball-Weltstar halte, wird von der Frau im Büro der Stadionverwaltung mit einer lapidaren Gegenfrage beantwortet: "Lothar, who?"
Pressekonferenz im neunten Stock des Stadions. Gut 60 Prozent der Journalisten kommen aus Deutschland, viele sind speziell wegen des großen Ereignisses aus der Heimat angereist. Dazu Südamerikaner, Franzosen, Japaner, und auch ein paar amerikanische Medienvertreter haben sich herbemüht. Drei Tage zuvor hatte die "New York Times" mit ein paar dürren Zeilen auf den neuen Starspieler hingewiesen und zur Einstimmung das Champions-League-Spiel der Bayern gegen Real Madrid empfohlen, das auch in den USA übertragen wurde.
Besonders die nackten Zahlen hatten es den statistikbegeisterten Amerikanern angetan: die zahlreichen Titel und Spiele, vor allem jedoch die einmalige WM-Bilanz: "Mit 25 Einsätzen bei 5 Weltmeisterschaften hat er alleine mehr WM-Erfahrung als das gesamte US-Team", staunte die "Times" anerkennend. In Manhattan allerdings lässt das die meisten kalt. Matthäus "who?" ist hier weniger bekannt als viele College-Football oder -Basketballspieler. Allenfalls in Gegenden wie Jackson Heights, Queens, einer Hochburg süd- und mittelamerikanischer Immigranten, weiss man einen verdienten Kicker zu schätzen. Anerkennend schnalzt der Kassierer im 99-Cent-Laden an der Roosevelt Avenue mit der Zunge und meint: "Matthäus es un jugador grande" - Matthäus ist ein grosser Spieler.
Der Hauptdarsteller übersteht die Presskonferenz im Giants-Stadium ohne jedes Eigentor. Um sich in der Heimat nicht weiterem Spott wegen seiner dürftigen Englischkenntnisse aussetzen zu müssen ("I hope we have a little bit lucky"), beantwortet Matthäus sämtliche Fragen auf deutsch, mit Hilfe eines Übersetzers - und ganz im Sinne seines neuen Vereins. Den Wechsel von einem Club der Weltklasse zu einer Truppe, die in der zweitklassigen amerikanischen Liga einen grandios herausgespielten letzten Platz (7 Siege bei 25 Niederlagen) belegt hat, betrachtet er als "spannende Herausforderung". Sein Ziel ist, "nicht nur das Endspiel zu erreichen, sondern es auch zu gewinnen." Immerhin haben die MetroStars kräftig aufgerüstet, unter anderem mit einem alten Bekannten aus Münchner Tagen: Adolfo "El Tren" Valencia.
Besonders eine Bemerkung des 38-Jährigen elektrisiert die Amerikaner: "Ich kann mir, sofern die Leistung stimmt, auch vorstellen, länger als nur die eine Saison in New York zu spielen, die wir vertraglich vereinbart haben." Mit dem Mangel an öffentlicher Beachtung kann er hervorragend leben: "Ich bin hergekommen, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen - und mein Privatleben zu geniessen."
Die Sonne dieses Privatlebens, Freundin Maren Müller-Wohlfahrt , macht ein paar Meter weiter gute Figur. Sie erobert die Herzen der einheimischen Journalisten mit charmantem Lächeln, flüssigem Englisch und Infos aus der Privatschatulle. Lothar empfinde den Druck bei seinem neuen Verein nicht besonders stark: "Die waren so schlecht, dass sie mit ihm eigentlich nur besser werden können."
Nach 45 Minuten, wie passend, ist alles gesagt - Ende des ersten Aktes. Doch einigen freudestrahlenden TV-Journalisten ist für den nächsten Tag bereits eine Zugabe versprochen worden. Stolz haben sie ausgekungelt, was sie den deutschen Zuschauern am Wochenende präsentieren werden, und freuen sich auf einen Höhepunkt ihres beruflichen Schaffens: Joggen im Central Park, um 11 Uhr. Mit Lothar. Fortsetzung folgt...