Matthäus Zu langsam, zu träge, zu schwerfällig
Lüttich - Nein, man kann nicht sagen, dass Lothar Matthäus direkt das 0:1 gegen Rumänien verschuldet hat. Das war, wie auch Erich Ribbeck erkannte, "ein anderer Spieler, den ich hier aber auch nicht in die Pfanne hauen will".
Namentlich war es Thomas Linke, der sich bei einem Pass von Dorinel Munteanu auf Adrian Ilie verschätzte und so dem Stürmer von Valencia die Flanke auf Viorel Moldovan ermöglichte. Oliver Kahn und Jens Nowotny taten in synchroner Paralysiertheit das ihre, dem zweiten rumänischen Stürmer in der 5. Minute den Torschuss leicht zu machen. Thomas Linke hatte danach des Öfteren Glück, dass der rumänische Sturm aus den Stellungsfehlern des Bayern-Verteidigers kein weiteres Kapital schlug. Nowotny hatte Glück, dass ein Foul an Ilie nicht mit Strafstoß geahndet wurde.
Aber wo war eigentlich Matthäus die ganze Zeit? Oft irgendwo im defensiven Mittelfeld. Und dort von einer Unentschlossenheit, die erbarmungswürdig war. Das war kein Matthäus mehr, der etwas erreichen wollte, sondern einer, der aussah, als sei er froh, wenn Ball und Spiel doch irgendwie an ihm vorbei gehen würden. Zu langsam, um den rumänischen Stürmern zu folgen. Zu schwerfällig, um Zweikämpfe zu bestehen, zu träge, um etwas für das Spiel nach vorne zu tun.
Fast tragisch war Matthäus' Selbsteinschätzung, er habe "75 Minuten gut gespielt und für Ordnung im defensiven Mittelfeld" gesorgt. Dass er es war, der Mitte der zweiten Halbzeit einen Schuss von Moldovan vor der Linie klärte, als Kahn längst an der Strafraumgrenze geschlagen war, mag er sich selbst als Heldentat zugute halten. Eine andere Frage ist, ob die Defensive in dieser und in anderen Situationen überhaupt hätte derart in die Bredouille geraten müssen. Zwischen Kahn und Matthäus gibt es darüber keinen Konsens. Die rumänischen Angriffe Revue passieren lassend, klagte Kahn: "Jedes Mal stand da plötzlich einer frei." Und was unter anderen die Szene, die zur genannten Matthäus-Rettungsaktion führte, anbelangt, war Kahn genervt über die Ausweitung seines Arbeitsraumes als Torhüter: "Wenn man an der 16-Meter-Linie klären muss, ist das jedes Mal Harakiri ."
Matthäus setzte sich zur Wehr und mahnte an, dass ein modernes System mit einer Defensive auf einer Linie es erfordere, "dass sich der Olli darauf einstellen muss, zehn Meter vor dem Tor und nicht auf der Linie" zu spielen. Dass Lothar Matthäus modernes System zur Rettung der eigenen Ehre anführt, ist neu. Gespielt hat er es ohnehin nicht. Man kann nun auch über Rink sagen, dass er nicht näherungsweise einen Stürmer gespielt habe. Oder über Ziege, dass eine linke Außenbahn auch anders, nämlich überhaupt und dann vielleicht sogar noch produktiv als Arbeitsgebiet angesehen werden könnte. Aber keine dieser Notlagen ist so gravierend, wie die, die der Alterungsprozess Lothar Matthäus' mit sich bringt.
Dass Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt nach dem Spiel, in dem Matthäus nach 77 Minuten den Platz verlassen hatte, verkündete, sein derzeitiger Patient habe "nichts, gar nichts, keine Beschwerden", macht es nicht besser, sondern eher noch schlimmer.
Es geht einfach nicht mehr. Nur geht es eben auch nicht mehr nicht. Lothar Matthäus ist das Fundament, auf das Teamchef Erich Ribbeck baut. Ribbeck musste sich in den vergangenen Jahren nicht um Perspektive scheren. Nur darum, irgendwie bis zur Europameisterschaft zu kommen. Lothar Matthäus war immer gesetzt. Wie also soll Ribbeck ihn nun abservieren? Selbst wenn auf dem Platz längst Jens Nowotny es ist, der in der Abwehr hervorsticht und der im Rahmen seiner rustikalen, aber effektiven Möglichkeiten von dort hinten aus bemüht ist, für Impulse nach vorne zu sorgen?
Erich Ribbeck erstarrte förmlich, als er nach dem Spiel gegen Rumänien nach Lothar Matthäus befragt wurde. Dann sagte er: Ich bin nicht bereit, über einzelne Spieler herzuziehen." Eigentlich müssten alle Beteiligten, vor allem Matthäus selbst, hoffen, dass im Training wieder ein überanstrengter Oberschenkelmuskel schlapp macht und sich die Frage nach Matthäus' Beteiligung an weiteren Spielen von allein erledigt.
Viel gewonnen aber muss selbst damit nicht sein. Selbst als Ribbeck in Lüttich Matthäus vom Platz nahm, ließ er nicht Nowotny zentral spielen, sondern Babbel zur ungewohnten Ehre des Abwehrchefs kommen. Es gibt, so scheint's, immer Wege, dem Weg nach vorne aus dem Weg zu gehen.