Metzelder-Interview "Hoffentlich macht Klinsmann weiter"
SPIEGEL ONLINE: Herr Metzelder, Deutschland ist draußen. Haben Sie eine Erklärung für die 0:2-Niederlage in der Verlängerung gegen Italien?
Metzelder: Die Enttäuschung ist riesig. Wir hatten uns berechtigte Hoffnung gemacht, das Endspiel zu erreichen und Weltmeister zu werden. Nur zwei Minuten haben bis zum Elfmeterschießen gefehlt. Unsere Vision vom WM-Titel, die wir zwei Jahre lang gelebt haben, ist nun vorbei. Das ist sehr sehr traurig.
Abwehrspieler Metzelder: "Einen guten Fight geliefert"
Foto: DPASPIEGEL ONLINE: Wäre ein Elfmeterschießen gerechter gewesen?
Metzelder: Ich denke schon, dass es für beide Mannschaften verdient gewesen wäre. Ich glaube auch, dass beide Teams erkannt hatten, dass sie eigentlich die Entscheidung in der Verlängerung nicht mehr hätten herbeiführen können. Es sei denn durch so eine Standardsituation wie diese.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Situation vor dem 0:1 denn erlebt?
Metzelder: Ich glaube, dass es im Anschluss an eine Standardsituation passiert ist. Pirlo täuscht am Sechszehner einen Schuss an, gleich mehrere von uns gehen drauf, um ihn zu blocken. Anstatt aber zu schießen, steckt er den Ball dann einfach durch zum freistehenden Grosso. Das war ein genialer Pass, ein genialer Moment, der das Spiel letztendlich entschieden und unseren Traum zerstört hat.
SPIEGEL ONLINE: Der Sieg der Italiener ist aber nicht unverdient.
Metzelder: Wir haben ihnen 120 Minuten einen guten Fight geliefert. Es war kein Klassenunterschied zu sehen. Beide Teams hatten ihre Chancen. Innerhalb von vier Tagen zweimal über 120 Minuten gegen zwei Weltklassemannschaften wie Argentinien und Italien zu gehen, war für uns eine riesige Herausforderung. Wir mussten absolut an unsere Grenzen gehen.
SPIEGEL ONLINE: Am Samstag steht in Stuttgart das Spiel um den dritten Platz gegen Portugal oder Frankreich an. Können Sie sich für diese eigentlich bedeutungslose Partie überhaupt noch motivieren?
Metzelder: Das wird uns natürlich schwer fallen. Doch wir wollen das Turnier vernünftig abschließen und Dritter werden. Wir müssen das Halbfinale, so enttäuschend das alles für uns ist, möglichst schnell abhaken, um am Samstag eine gute Leistung zu bringen. Ich bin sehr zuversichtlich.
SPIEGEL ONLINE: Ist die enorme Euphorie, die unter den deutschen Fans entstanden ist, nun der große Erfolg, den die Mannschaft aus dieser WM mitnehmen wird?
Metzelder: Absolut. Das sind Momente und Emotionen, die wir nie vergessen werden. Das was in den vergangenen Wochen in Deutschland passiert ist, hat keiner von uns Spielern in diesem Ausmaß schon mal erlebt. Von dieser Unterstützung haben wir auch viel gezehrt, nur deshalb waren wir in der Lage, so gute Leistungen zu bringen.
SPIEGEL ONLINE: Wann werden Sie die WM als Erfolg sehen können?
Metzelder: Erst wenn ein paar Wochen ins Land gezogen sind. Dann werden wir wissen, was wir erreicht haben. Dann werden wir auch an den Punkt kommen, an dem wir sagen können, dass wir sehr stolz auf unsere Leistung sein können.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig wird es sein, dass Jürgen Klinsmann und Joachim Löw als Bundestrainer weitermachen?
Metzelder: Es ist natürlich klar, dass die Mannschaft sich wünschen würde, dass sie weitermachen. Was aber in jedem Fall entscheidend sein wird, ist, dass die Philosophie und die vielen richtigen Dinge, die angestoßen worden sind, im DFB unbedingt weitergelebt werden ganz unabhängig davon, welche Personen die Ämter ausführen.
SPIEGEL ONLINE: Ist schon zu erkennen, wie sich Klinsmann entscheiden wird?
Metzelder: Nein, keine Ahnung. Das ist noch viel zu früh. Zu diesem Zeitpunkt kann man das unmöglich sagen.
Die Fragen stellte Oliver Lück