Metzelder-Interview: "Schwerste Saison der Clubgeschichte" - DER SPIEGEL
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Metzelder-Interview "Schwerste Saison der Clubgeschichte"

Nach den durchwachsenen Leistungen der deutschen Abwehr beim Konföderationen-Cup wurde der Ruf nach ihm laut: Christoph Metzelder. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 24-jährige Dortmunder Innenverteidiger nach langer Verletzungspause über sein Comeback in der DFB-Elf, Robert Huth - und den Druck, Deutscher Meister werden zu müssen.
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SPIEGEL ONLINE:

Herr Metzelder, nach dem Konföderationen-Cup gelten Sie mehr denn je als Hoffnungsträger für die doch recht anfällige deutsche Defensive - werden Sie bei der WM 2006 dabei sein?

Christoph Metzelder: Ich habe während meiner gesamten Verletzungszeit eigentlich nie den Kontakt zur Nationalmannschaft verloren, weder unter Rudi Völler noch jetzt unter Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff. Ich denke, sie kennen meine Qualitäten und es ist nun meine Aufgabe, gesund zu bleiben, die nötige Fitness und damit die erforderliche Form zu bekommen. Dann bin ich auch überzeugt, dass ich dabei sein werde.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Abwehr wirkte bei dem Turnier alles andere als sicher. Teilen Sie den Eindruck?

Metzelder: Mag sein, grundsätzlich ist mir zunächst aufgefallen, dass in allen Spielen sehr viele Tore gefallen sind. Alle Mannschaften sind ein sehr, sehr hohes Risiko eingegangen und haben die Offensive gesucht. Das war teilweise schon ungewöhnlich, gerade auch in Bezug auf die deutsche Nationalmannschaft, von der man das so nicht gewohnt ist. Der Keeper und die vier Abwehrspieler stehen dann schnell im Fokus und auch am Pranger. Ich bin aber überzeugt, dass bei der WM jede Mannschaft gerade in den ersten Spielen versuchen wird, dieses Risiko zu minimieren...

SPIEGEL ONLINE: ... Was für die DFB-Elf bedeuten würde, dass Robert Huth Ihnen in der Innenverteidigung weichen müsste...

Metzelder: ... und niemand den Hurra-Fußball spielen wird, den wir beim Konföderationen-Cup gesehen haben. Damit erledigen sich dann schon einige Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Huth als Problem?

Metzelder: Für die Innenverteidigung ist mein Teamkollege Christian Wörns zurecht gesetzt. Es folgen Per Mertesacker und Robert Huth. Dann müsste ich schon kommen. Und zu den Leistungen meiner Kollegen möchte ich mich lieber nicht äußern.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der direkte Konkurrent um einen Platz im WM-Kader patzt, kommen dann keine Schadenfreude oder Genugtuung auf?

Metzelder: Überhaupt nicht. Ich erinnere mich, dass die Defensive vor der WM 2002 ebenfalls in der Kritik stand. Rudi Völler hat damals aber an uns festgehalten. So, wie es nun auch Jürgen Klinsmann gemacht hat, um Huth und den anderen Selbstvertrauen zu geben. Dennoch bin ich überzeugt, dass ich - wenn ich wieder die Form von vor meiner Verletzung habe - fester Bestandteil dieser Nationalmannschaft sein werde.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es heute um diese Fitness, wie weit sind Sie nach Ihrer fast zweijährigen Verletzung und lediglich einer Rückrunde schon wieder hergestellt?

Metzelder: Ich kann das nicht in Prozent beziffern, aber ich habe in der Saison-Vorbereitung jedes Training und jedes Testspiel mitmachen können und merke, dass ich körperlich endlich wieder zu mir finde. Die Rückrunde dagegen habe ich am absoluten Limit und wohl teilweise auch darüber gespielt. Wochenlang nicht richtig trainiert und dann samstags gespielt - das war enorm hart.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es unterbewusst noch Blockaden, die Sie in bestimmten Situationen hemmen?

Metzelder: Nein, was vielleicht auch daran liegt, dass mir ja nie in einer Spielsituation ein Band, eine Sehne oder was auch immer gerissen ist. Bei mir handelte es sich um eine Degeneration der Achillessehne, also einen schleichenden Prozess, so dass ich schon beim ersten Training im letzten November keine Hemmungen hatte in die Zweikämpfe zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Vielmehr dürfte Sie die Situation bei Borussia Dortmund nach dem UI-Cup-Aus gegen Olmütz hemmen. Nach dem Zwischenhoch der letzten Rückrunde und dieser nun neuerlichen Enttäuschung stellt sich wieder einmal die Frage "Quo vadis, BVB?"

Metzelder: Es mag wie eine Ausrede klingen, aber es ist zu diesem Zeitpunkt der Saisonvorbereitung schwierig, richtig in solche Spiele hineinzukommen. Auch der HSV und Wolfsburg hatten dieses Problem, haben dann aber die Tore gemacht, die es braucht, um Sicherheit zu gewinnen. Wir haben diese Tore - im Gegensatz zur letzten Rückrunde, wo wir auch schlechte Spiele gemacht haben - diesmal nicht geschossen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Mannschaft von der damaligen Erfolgsserie blenden lassen und die eigene Leistungsfähigkeit überschätzt?

Metzelder: Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe schon unmittelbar nach Saisonende gewarnt, dass diese Saison vielleicht eine der schwersten der Vereinsgeschichte wird. Zwölf Spieler sind gegangen und auch wenn nicht alle Stammspieler waren, so haben sie doch die Qualität des Kaders in der Breite gestützt. Wenn gewechselt werden musste, war Kontinuität gesichert. In dieser Saison bedeuten Wechsel, dass erfahrene Bundesligaspieler ersetzt werden müssen von Jugendlichen, die wie Nuri Sahin gerade noch in der B-Jugend gespielt haben. Und das wirft dann eine Menge Fragezeichen auf.

SPIEGEL ONLINE: War es diesbezüglich also kurzsichtig, ausschließlich auf Sparkurs zu gehen und etwa einen Tor-Garanten wie den Brasilianer Ewerthon abzugeben?

Metzelder: Man konnte und durfte ihn nicht halten. Es gibt Vorgaben, die zu erfüllen sind, wenn die Gläubiger den Sanierungsprozess weiter stützen sollen. Da hatte und hat der Verein überhaupt keine Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Trainer Bert van Marwijk muss also nahezu ohnmächtig mit ansehen, wie ihm das Team auseinander gekauft wird...

Metzelder: Natürlich sieht er das - nicht erst seit dieser Saison - mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Schließlich wurde er unter ganz anderen Voraussetzungen zum BVB geholt. Trotzdem strahlt der Trainer gerade bei dieser jungen Mannschaft in der täglichen Arbeit viel Freude aus. Für den Weg, den Borussia nun gehen muss, gibt es keinen Besseren.

SPIEGEL ONLINE: Druck gibt es auch durch den Großaktionär Florian Homm, der eine Million Euro für den Titel-Gewinn auslobt und damit bei den Fans Erwartungen weckt, die diese Elf kaum einlösen kann.

Metzelder: Ich glaube nicht, dass unsere Fans so realitätsfremd sind, dass sie deshalb gleich vom Titel träumen. Das Ganze war eine PR-Aktion, durchaus ernst gemeint, aber vor allem wohl gedacht, um Homms Image und den Kurs der BVB-Aktie zu stärken.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es diese Saison für Borussia sogar gegen den Abstieg gehen?

Metzelder: Sind alle gesund, dann hat diese Mannschaft eine Qualität, die garantieren sollte, dass wir mit dem Abstieg sicher nichts zu tun haben. Läuft es sogar optimal, wie in der letzten Rückrunde, dann halte ich auch Platz Fünf und damit den Einzug in den UEFA-Cup für möglich. Stellen sich aber Widrigkeiten ein, wie lange Verletzungsserien, dann wird man akzeptieren müssen, dass es hier nicht nur ums wirtschaftliche, sondern auch ums sportliche Überleben geht. Ich will nicht schwarzmalen, aber auch diese Möglichkeit sollte jeder vor Augen haben.

Die Fragen stellte Andreas Kötter