Michael Meier "Uns entgleitet hier nichts!"
SPIEGEL ONLINE:
Das Fachblatt "Kicker" spricht in der aktuellen Ausgabe von einer "riesigen Schuldhalde, die Mannschaft und Management in den letzten Monaten und Jahren aufgebaut haben", die "Süddeutsche Zeitung" von "einer zusammengekauften Mannschaft aus mittelmäßigen Schaumschlägern und verunsicherten Einzelkämpfern". Hat Borussia Dortmund ohne Konzept eingekauft, Herr Meier?
Michael Meier: Man muss in unserer Situation nicht noch Kommentare zu solchen Meldungen abgeben. Dass wir in Dortmund seit Jahren Fehleinkäufe tätigen, ist jedem bekannt, der sich in den letzten Jahren mit Borussia Dortmund beschäftigt hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie flüchten sich in Ironie. Niemand spricht davon, dass die Borussia zehn Jahre lang alles falsch gemacht hat...
Meier: Nein, ich bin kein Zyniker, aber es ist in der Tat so, dass die Leute, die uns in Bezug auf die heutige Mannschaft falsche Personalpolitik vorwerfen, dies auch schon vor Jahren getan haben, etwa in Bezug auf Stéphane Chapuisat, den man als "Schweizer Käse" bezeichnet hat. Alle waren sie ein Fehleinkauf: der Riedle, der Sammer, der Freund...
SPIEGEL ONLINE: Mit dem Unterschied, dass Ihre damalige Einkaufspolitik im Gewinn der Champions League resultierte. Heute zeigt sich Ihr Spieler Evanilson nach miserablen Leistungen uneinsichtig.
Meier: Natürlich hat er gegen Galatasaray schlecht gespielt. Natürlich muss sein disziplinloses Verhalten geahndet werden. Evanilson ist aber brasilianischer Nationalspieler, das ist doch eine Tatsache, die kaum von ungefähr kommt. Dass er Probleme hat, sich zu integrieren, ist keine Frage. Aber bedenken Sie die Diskrepanz der Urteile über den Bremer Ailton von heute und von vor einem Jahr. Das zeigt doch, dass wir Geduld haben müssen mit Südamerikanern.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch sehen Sie, Ihr Präsident Dr. Niebaum und auch Sportmanager Michael Zorc sich immer wieder mit dem Vorwurf der Konzeptionslosigkeit bei Spielereinkäufen konfrontiert...
Meier: Wenn Presseleute, die uns seit Jahren begleiten, behaupten, dass hier ein zwei, drei Leute Spieler einkaufen, dann strotzt das von einem solchen Unwissen, dass ich nur noch sagen kann: Das ist unglaublich! Für die Einkäufe ist hier ein Gremium verantwortlich, dem natürlich auch der Trainer angehört, der diesbezüglich erster Mann im Staate ist. Natürlich haben wir im Augenblick bei Tabellenplatz zehn relativ wenig Argumente, und doch sage ich, die Diskussion, die wir jetzt führen, müssen wir mit einer gewissen Erfahrung und mit Geduld führen.
SPIEGEL ONLINE: Wie im Fall Ihres Ex-Trainers Michael Skibbe? Dessen Vertrag wurde zuerst verlängert, um ihn wenig später aufzulösen.
Meier: Zunächst mal bleibt festzuhalten, dass Michael Skibbe nicht rausgeschmissen wurde. Es hat wohl nur selten eine Entscheidung um einen Trainer gegeben, die so transparent gemacht wurde, wie im Fall Skibbe/Krauss.
SPIEGEL ONLINE: Bernd Krauss soll nur zweite Wahl gewesen sein. Sie wollten den Franzosen Arsène Wenger aus seinem Vertrag bei Arsenal London rauskaufen.
Meier: Das Organ "Sportbild", das diese Behauptung verbreitet hat, ist kein Organ, das über Borussia Dortmund objektiv urteilt. Über Jahre stellen wir diese Politik fest. Der Wahrheitsgehalt dieses Artikels ist so schwach, dass er keiner Überprüfung standhält. Rufen Sie David Dean, den Vize-Präsidenten von Arsenal an und fragen Sie ihn, ob er das, was dort steht, wirklich gesagt hat.
SPIEGEL ONLINE: Bernd Krauss war also erste Wahl?
Meier: Er war sogar unsere einzige Wahl.
SPIEGEL ONLINE: Aber davon, dass Michael Skibbe Bernd Krauss ein intaktes Umfeld hinterlassen hat, wie Ihr Präsident Dr. Niebaum meint, kann ja nun wirklich nicht die Rede sein.
Meier: Gegen Ulm ist der Vulkan "Publikum" ausgebrochen, weil man schlicht einen dicken Hals hatte. Schon im nächsten Heimspiel aber hat man die Mannschaft wieder bedingungslos unterstützt. Wir haben das Umfeld also im Griff, uns entgleitet hier nichts. Wir werden auch noch in dieser Saison mit dieser Mannschaft positive Schlagzeilen schreiben. Genau genommen ist unsere Situation noch relativ komfortabel. Wenn der Knoten platzt, kann man mit ein, zwei Siegen wieder weit nach vorne kommen.
SPIEGEL ONLINE: Solche Theorie verbreiten Sie seit Wochen...
Meier:... seit Wochen aber brechen wir nicht richtig ein, ausgenommen gegen Galatasaray. Unsere Mannschaft hat aber auch schon gute Spiele geliefert, gegen Trondheim oder gegen Glasgow.
SPIEGEL ONLINE: Wenn alles nicht so tragisch ist, warum spricht Bernd Krauss dann davon, "dass es nicht reicht für die Ansprüche von Borussia Dortmund"?
Meier: Bernd Krauss spricht von unserem Anspruch und von der klaffenden Diskrepanz zur momentanen Realität. Und da hat er nicht Unrecht. Manch einer meint wohl, dass es schon reicht, einen Vertrag bei Borussia Dortmund unterschrieben zu haben. Dieses Phänomen findet sich aber auch bei anderen Vereinen.
SPIEGEL ONLINE: Das mag sein, und doch entsteht immer wieder der Eindruck, dass man in Dortmund nach Ausreden sucht. Da musste der schlechte Rasen im Westfalenstadion für schlechte Spiele herhalten - bis Galatasaray kam und zeigte, welchen erstklassigen Fußball man auch auf so einem Platz spielen kann.
Meier: Das war gut so. Galatasaray hat eindeutig sehr guten Fußball auf diesem Rasen gespielt und unserer Mannschaft vor Augen geführt, dass man so nicht argumentieren kann. Diese Ausrede dürfen wir also auf gar keinen Fall gelten lassen. Im übrigen wird das kein Thema mehr sein, sobald die Mannschaft wieder erfolgreich ist.
SPIEGEL ONLINE: Es war zu lesen, dass Ihr Verhältnis zu Dr. Niebaum "zerrüttet" sei?
Meier: Diese Behauptung ist absolut falsch. Und wenn man von einem "distanzierten" Dr. Niebaum spricht, dann sollte man sich überlegen, dass dieser Mann seinen Job ehrenamtlich betreibt.
SPIEGEL ONLINE: Also ist alles gut in Dortmund, und im Sommer wird mit vollem Elan an die Börse gegangen.
Meier: Jetzt haben Sie die ganze Palette abgehakt. Okay, wir sind davon überzeugt, dass wir das entsprechende Kleinklima für einen Börsengang haben. Ich sehe keine Erlahmung in der Interessenslage für einen Aktienkauf. Natürlich werden wir uns aber den Zeitpunkt überlegen, wann wir an die Börse gehen. Wenn uns das Wasser in sportlicher Sicht bis zum Hals stünde, dann würde ein Börsengang natürlich kaum Sinn machen. Diesen Fall aber sehe ich nicht. Es gibt nur eine Antwort, und die ist auf'm Platz. Das hat Adi Preißler gesagt, und der war ein Vordenker!