Milan-Stürmer Schewtschenko: "Gegen Wolfsburg wird es schwierig" - DER SPIEGEL
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Milan-Stürmer Schewtschenko "Gegen Wolfsburg wird es schwierig"

Sein Name steht für Tore: Andrej Schewtschenko, 32, stürmt seit Sommer 2008 wieder für den AC Milan. Vor dem Uefa-Cup-Spiel gegen Wolfsburg spricht der Angreifer über seine Freundschaft zu Michael Ballack, die Zeit beim FC Chelsea und einen ungewöhnlichen Friedhofsbesuch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Schewtschenko, am Mittwoch spielt der AC Milan im Uefa Cup gegen den VfL Wolfsburg. Wie schätzen Sie Ihren Gegner ein?

Schewtschenko: Wolfsburg hat eine gute Mannschaft und ist Tabellenführer in der Gruppe. Das wird also sehr schwierig. Aber ein Sieg im San-Siro-Stadion würde uns die Tabellenführung einbringen.

SPIEGEL ONLINE: Der AC Milan scheint dieses Jahr stärker zu sein als in vergangenen Saison. Wird er stark genug sein, den Uefa Pokal und die Meisterschaft zu gewinnen?

Schewtschenko: Alles hängt von uns ab. Wir arbeiten an diesen Zielen und wollen jedes Spiel gut vorbereiten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie wählen könnten: Scudetto oder Uefa Pokal?

Schewtschenko: Scudetto! Hier in Italien träumen die Fans schon so lange davon, die Meisterschaft zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Der AC Milan steht derzeit auf dem dritten Platz in der Tabelle der Serie A. Die Mannschaft hat viele Punkte verschenkt, "La Gazzetta dello Sport" beschrieb sie als "ohne Laufleistung und ideenlos". Wie beurteilen Sie die Leistung des Teams?

Schewtschenko: Vor zwei Wochen waren wir Tabellenführer, und die "Gazzetta dello Sport" schrieb, was das für ein tolles Milan sei und was für ein spektakuläres Spiel. Das ist Teil des Fußballs: Es reicht, ein Spiel zu verlieren und eins unentschieden zu spielen, schon fangen sie an, dich zu kritisieren. Wer weiß, in einem Monat sind wir vielleicht wieder Tabellenführer, und eine andere Mannschaft ist in der Krise. Milan erfüllt alle Voraussetzungen, um die Meisterschaft zu gewinnen, denn wir alle - Mannschaft, Trainer, Betreuer - arbeiten in eine einzige Richtung. Das ist die Kraft Milans.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben noch nicht zu Ihrer Bestform zurückgefunden. Hängt das vom Vertrauen des Trainers oder von Ihrem Selbstvertrauen selbst ab?

Schewtschenko: Ich kam hierher nach eineinhalb Jahren voller Probleme. Ich hatte zwei Operationen, eine Art Bandscheibenvorfall, und als ich wieder zu Milan kam, waren das allerschwerste Bedingungen. Ich musste hart arbeiten, um mich zu verbessern, was ich auch jetzt tue. Jedes Training ist für mich ein Schritt nach vorn, um mich körperlich fit zu fühlen und auf hohem Niveau zu spielen. Inzwischen geht es besser, ich fühle mich gut und bin schmerzfrei. Das hilft mir, auf dem Spielfeld zur Bestform zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie lieber ein System des 4-4-2 oder ein 4-3-2-1, das heißt spielen Sie lieber als einzige Spitze oder mit einem Mitspieler im Sturm?

Schewtschenko: Ich habe mit einer Spitze gespielt und auch mit zwei Spitzen. Aber das Spiel, bei dem ich mich besser entfalten kann, ist das mit einem anderen Stürmer zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Die vergangenen beiden Jahre spielten Sie in England. Inwiefern hat diese Zeit Ihre Spielweise verändert?

Schewtschenko: Mit Milan hatte ich immer ein 4-4-2 gespielt und war die erste oder zweite Spitze gewesen. Als ich bei Chelsea ankam, spielte die Mannschaft meist ein 4-3-3 mit Drogba als erster Spitze. Ich musste also über außen kommen. Ich spielte zwar nicht auf meiner Stammposition, aber machte trotzdem 14 Tore.

SPIEGEL ONLINE: Michael Ballack ist wie Sie 2006 zu Chelsea gekommen. Was halten Sie von ihm?

Schewtschenko: Michael! Ich habe eine großartige Freundschaft mit ihm. Wir hören immer wieder voneinander, auch unsere Familien sind befreundet. Ich mag Michael sehr und schätze ihn als Fußballer und als Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Welches war Ihr bislang schönstes Tor und welches Ihr wichtigstes?

Schewtschenko: Das schönste, das wäre schwierig zu entscheiden. Aber das wichtigste war sicherlich der Elfmeter in der Champions League gegen Juve 2003, weil wir das Finale damit gewonnen haben. Das hat mir wiederum die Möglichkeit gegeben, Europas Fußballer des Jahres zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Titelgewinn haben Sie den Pokal in die Ukraine an das Grab Ihres ehemaligen Trainers Valeri Lobanovski gebracht. Warum?

Schewtschenko: Weil ich ihn für einen grandiosen Meister halte. Er hat mir als Mensch sehr viel gegeben und mir den Weg zum Weltfußball geöffnet. Diese Geste war eine Anerkennung für ihn, weil wir 1999 mit Dynamo Kiew ins Halbfinale der Champions League gekommen sind, wo wir gegen Bayern München verloren haben. Er hat die Champions League nie gewonnen. Ich als einer seiner Schüler, dem es gelungen ist, dieses Ziel zu erreichen, hatte das Gefühl, dass ich das tun müsse.

SPIEGEL ONLINE: Die Ukraine hat heute eine gute Mannschaft, die sich aber schwer auf internationaler Ebene durchsetzen kann. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Schewtschenko: Wir sind eine junge Nation. Der Fußball hat unter den Veränderungen gelitten. Erst jetzt beginnt die Meisterschaft wieder, neue Mannschaften entstehen. Das beeinflusst die Nationalmannschaft, denn wenn es keine Spieler gibt, ist es sehr schwierig, etwas aufzubauen. Das ist nicht wie in Deutschland, Spanien, Italien oder England, wo die Ligen seit langer Zeit auf fantastischem Niveau spielen. Wir bauen unser Land erst auf - und auch unseren Fußball. Wenn die Liga wächst, wird auch die Nationalmannschaft ein stabileres Team haben.

Das Interview führte Antje Luz