Fotostrecke: Die Stationen von Mitchell Weiser
Bayern-Talent Er ist Weiser
Es war die 51. Minute im Rückrunden-Auftakt des FC Bayern gegen den VfL Wolfsburg. 2:0 führten die Wolfsburger, Bayern-Trainer Pep Guardiola musste reagieren. Er musste etwas tun, denn die Spieler des VfL hatten seine Bayern mit ihrem Überfall-Fußball in den ersten 50 Minuten überfordert.
Guardiola wechselte, auf der Bank saßen Claudio Pizarro und Mario Götze, immerhin Schütze des entscheidenden Tores im WM-Finale. Zwei Spieler, die eine Partie durchaus drehen können. Doch sie mussten noch 20 Minuten auf ihren Einsatz warten. Guardiola brachte stattdessen Mitchell Weiser ins Spiel. Und überraschte damit viele, vermutlich sogar Weiser selbst.
Denn Mitchell Weiser, 20, ließ sich bisher nur mit viel gutem Willen als fester Bestandteil des FC Bayern zählen. Zu erfolglos war seine bisherige Zeit in München. Seit dem Sommer 2012 stand er beim Rekordmeister zwar unter Vertrag, unterbrochen nur von einer halbjährigen Leihe nach Kaiserslautern. Doch die Niederlage gegen Wolfsburg war erst sein fünftes Bundesligaspiel für die Münchner. Nur zwei Mal stand er in der Hinrunde überhaupt im Kader. Seine hoffnungslose Lage in München zeigte sich auch in einer unwürdigen Episode während der vergangenen Sommerpause.
Seit er bei den Bayern unter Vertrag stand, trug Weiser die Rückennummer 23. Im Sommer nun wechselte der Torhüter Pepe Reina nach München und übernahm die 23 von Weiser. Reina ist Welt- und Europameister und Champions-League-Sieger. Dass er die Nummer eines Nachwuchsspielers übernahm, ist nicht ungewöhnlich. Mitchell Weiser erhielt die 24. Dann aber kam Sinan Kurt von Mönchengladbach. Ein Nachwuchsspieler. 18 Jahre alt, ohne ein einziges Bundesligaspiel. Kurt wollte die 24, die Nummer von Weiser. Und Kurt bekam sie. Weiser wechselte erneut und erhielt die 30. Seine Nummer abgeben zu müssen gilt im Fußball als Zeichen, dass man nur geringe Wertschätzung genießt. Die Nummer zwei Mal abgeben zu müssen ist eine Demütigung.
Rückkehr in der Winterpause
In der Winterpause allerdings trainierte Weiser sich wieder in den Kader, arbeitete sich mit guten Leistungen in die Mannschaft und kam in den Testspielen regelmäßig zum Einsatz. Er selbst sagt, es habe eine Veränderung bei ihm gegeben, er sei reifer geworden. "Meine Einstellung zum Training ist eine andere", sagte er in einem Interview auf der Bayern-Homepage. Er habe verstanden, wie das Geschäft funktioniere. "Mit 90 Prozent kommt man nicht weiter."
Manfred Schadt, 55, trainierte Weiser in der A-Jugend des 1. FC Köln. "Früher wollte Mitchell auf dem Platz immer nur sein Ding machen", sagt er. Weiser, der Waldorfschüler, sei ein Freigeist gewesen. "Er dachte, dass er viel mehr weiß als sein Trainer. "Man kann sich vorstellen, dass Pep Guardiola von solchen Spielern in etwa so viel hält wie von langen Bällen und kantigen Mittelstürmern. "Es tut ihm gut, dass er sich bei Guardiola einordnen muss", sagt Schadt.
Seine letzte Chance
In seiner zweiten Saison unter Guardiola scheint Weiser nun genau das zu gelingen. Er ordnet sich unter, trainiert, bietet sich an. Vielleicht brauchte er die Zeit, um diese grundlegenden Dinge zu lernen. "Er war immer der Jüngste", sagt sein Jugendtrainer Schadt. Nach der U17-WM in Mexiko 2011 spielte er in der U19 des FC Köln, mit 18 wechselte er in die Männermannschaft des FC Bayern. Im April, wenn er 21 wird, steht er im dritten Jahr beim FC Bayern unter Vertrag. Es ist der Weg eines Ungeduldigen, der in den vergangenen Jahren zur Geduld gezwungen wurde. Und sich für diese Geduld nun belohnen kann.
Philipp Lahm, der Bayern-Kapitän, fällt bis mindestens Ende Februar verletzt aus. Auch Rafinha fehlt den Bayern noch zwei Wochen. Und Sebastian Rode hat sich mit seiner Leistung gegen Wolfsburg eigentlich selbst aus der Mannschaft genommen. Der einzige verbliebene Spieler für die rechte Abwehrseite im Kader des FC Bayern ist Mitchell Weiser. Das Spiel gegen Schalke könnte die Chance für Weiser sein, sich in die Mannschaft zu spielen. Seine erste richtige Chance in zweieinhalb Jahren. Im Sommer läuft sein Vertrag aus. Es könnte seine letzte sein.