Nachwuchsmisere "Zu Tode gefördert"
Hamburg - "Unsere jungen Fußballer werden zu Tode gefördert und nicht gefordert", prangert Werder Bremens Nachwuchs-Manager Wolf Werner die Missstände im deutschen Jugendfußball an. 20 Millionen Mark investiert der Deutsche Fußball-Bund (DFB) jährlich in die Nachwuchsförderung, weitere 54 Millionen Mark die Vereine, doch die deutschen Junioren sind international kaum konkurrenzfähig.
Die deutsche U21-Auswahl hat sich in diesem Jahr weder für die EM-Endrunde noch für Olympia qualifiziert, die U16 scheiterte im Viertelfinale am späteren Europameister Portugal, die U17- und U20-Teams schieden 1999 schon in den Vorrunden der Junioren-Weltmeisterschaften aus. Die letzte Hoffnung ist die U18, die bei der EM ab Mitte Juli im eigenen Land das Image des deutschen Fußballs etwas aufpolieren kann.
Das Versagen im internationalen Vergleich beginnt schon im zarten Alter und ist für Werner zwangsläufig. "Die Anforderungen für unsere A- und B-Junioren beginnen doch erst mit den Spielen um die deutsche Meisterschaft. Es ist ein Witz, von Leistungsfußball zu sprechen." Die Folge: Nur ganz wenige Jugendliche schaffen am Ende ihrer Ausbildung den Sprung in die Lizenzmannschaft.
Längst nicht jeder Bundesliga-Verein steckt die von DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder angegebene Summe von drei bis fünf Millionen Mark im Jahr in die Ausbildung von Talenten. Der FC Bayern und 1860 München, die gemeinsam mit Unterhaching auch ein Schulprojekt auf die Beine gestellt haben, geben zwar mehr aus. Eintracht Frankfurt (1 Million) und Energie Cottbus (1,5 Millionen) liegen aber weit darunter. Andere Vereine wollen über die Höhe ihrer Aufwendungen keine genauen Angaben machen. Aus gutem Grund: Vielerorts hat Nachwuchsförderung keine Priorität. Die Clubs kaufen für den Erfolg lieber hoch dotierte Stars ein.
"Ich würde mir mehr Mut wünschen, auf Talente zu setzen. Aber der Erfolgsdruck ist groß, und kein Trainer der Welt wird dafür seinen Erfolg gefährden", sagt Ralf Minge. Der frühere DDR-Nationalspieler und ehemalige Bundesliga-Trainer von Dynamo Dresden leitet seit Jahresbeginn bei Bayer Leverkusen das Förderkonzept für die 16- bis 21-Jährigen. Im "Ausbildungs- und Sichtungssystem Ost" hat er wertvolle Erfahrungen gesammelt, die in die Bayer-Zukunftspläne einfließen sollen. "In Dresden hat in jedem Jahr mindestens ein Spieler den Sprung in die erste Mannschaft geschafft", berichtet Minge und zählt Beispiele auf. "Was aus Fußballern wie Sammer, Kirsten, Jeremies oder Zickler geworden ist, weiß jeder."
Solch eine "Ausbeute" hält Minge im Moment für unrealistisch. Doch zumindest kann es sich bald kein Elite-Club mehr leisten, den Nachwuchs als Stiefkind zu behandeln: Ab der Saison 2001/2002 zwingt der DFB jeden Bundesligaverein, ein Leistungszentrum für den Junioren-Fußball einzurichten. Das muss kein Internat sein, wie es Hansa Rostock oder der Hamburger SV betreiben, mindestens aber von der U11 aufwärts je ein Nachwuchsteam sowie eine bestimmte Anzahl Rasenplätze und ärztliche Betreuung. Allein für die Talente bis 14 Jahre müssen die Clubs künftig insgesamt fünf qualifizierte Trainer hauptamtlich beschäftigen.
Ines Reichelt