Nationalelf-Analyse: Permanente Revolution - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nationalelf-Analyse Permanente Revolution

Pokerabende, Datenbanken und Yoga: Auch vor dem schweren Qualifikationsspiel in Prag gegen Tschechien zeigt sich das Umfeld der Nationalmannschaft als Innovationszentrum des deutschen Fußballs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sicherlich wäre Nationaltrainer Joachim Löw ziemlich irritiert, wenn man ihn mit Leo Trotzki vergleichen würde. Und Oliver Bierhoff wäre es wahrscheinlich sogar richtig unangenehm, mit dem bärtigen Revolutionär aus Russland in einem Atemzug genannt zu werden. Denn als einen Mann der radikalen politischen Linken sieht sich der Manager des deutschen Teams nun wirklich nicht. Dennoch haben Bierhoff und Löw in dieser Woche indirekt wieder einmal an den Gründer der Roten Armee erinnert, dessen politische Theorie den Begriff der permanenten Revolution umkreiste.

Nun ging es beim Zusammentreffen der deutschen Nationalmannschaft vor dem wichtigen Qualifikationsspiel am Samstag in Tschechien (20.45, Liveticker SPIEGEL ONLINE) um Pokerabende mit Spielgeld, Generationszusammenführung oder Yoga und nicht um die proletarische Revolution. In einem andauernden Kampf gegen Verkrustungen befinden sich aber auch Löw, Bierhoff und Co. Wobei manche Ideen so einleuchtend sind, dass man sich fragt, warum darauf nicht schon früher jemand gekommen ist. Der Schnupperkurs für die Spieler aus der U 21-Mannschaft von Dieter Eilts beim "richtigen" Nationalteam gehört dazu. Er wird bei den Youngstern die Anstrengungen fördern, irgendwann auch mal dabei zu sein. Zudem werden sie dadurch auf diesen Moment vorbereitet.

Ähnliches gilt für die Datenbank, mit Hilfe derer die Entwicklung der Spieler demnächst besser dokumentiert werden kann. Wie das genau aussehen soll und was dabei alles erfasst wird, ist noch nicht öffentlich gemacht worden. Das Ziel indes ist klar: Man soll auf diese Weise zu einer objektiveren Bewertung kommen. Außerdem wird man Karrieren im Nationalteam über viele Jahre nachzeichnen können, wenn sie schon in der Jugendnationalmannschaft beginnen.

Dass vor dem schwierigen Spiel in Prag überdies nicht das Fehlen wichtiger Spieler beklagt wurde, sondern viel von der Zukunft die Rede war, ist ein gutes Zeichen. Auch fast ein dreiviertel Jahr nach der Weltmeisterschaft hat sich die Nationalmannschaft nicht zur Ruhe gesetzt oder beschränkt sich allein auf das erfolgreiche Absolvieren der Spiele, ihr Umfeld bleibt das Innovationszentrum des deutschen Fußballs.

Zweifellos wird man im Laufe der Zeit auch einmal feststellen, dass der ein oder andere Versuch als gescheitert oder gar als Kuriosum zu verbuchen ist. Doch Bierhoff, Löw oder Flick wird es trotzdem nicht so gehen wie Leo Trotzki. Der Gegenspieler Stalins wurde erst in die Verbannung geschickt, floh dann ins Exil und wurde dort von russischen Agenten mit einem Eispickel erschlagen.