Nationalelf Angst vor der Blamage
Miyazaki - Das zweite WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft hatte für Rudi Völler drei Halbzeiten. Schlaflos wälzte sich der Teamchef nach dem 1:1 (1:0) gegen Irland im Hotelbett hin und her, ehe er seiner inneren Unruhe nachgab. Er schaltete den Fernseher ein und sah spät in der Nacht noch einmal 45 Minuten seiner Mannschaft, die ihm weiteren Schlaf raubten. "Leider war es die zweite Hälfte", sagte Völler, der den Punktgewinn der Iren durch ein Tor in letzter Minute als "verdient" bezeichnete, nach der Rückreise von Ibaraki ins DFB-Quartier in Miyazaki.
Der Teamchef musste in der nicht eingeplanten Late-Night-Analyse feststellen, dass seine Spieler den kraftstrotzenden Iren in der Schlussphase körperlich nicht gewachsen waren. "Am Ende hat uns die Kraft gefehlt, wir waren müde", sagte Völler. Die deutschen Kicker versuchten die Erschöpfung zu kompensieren, indem sie sich weit zurückfallen ließen. Zu weit, wie Völler monierte: "Wir waren zu passiv." Denn mit der Kondition war auch die Konzentration geschwunden.
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Zum Spielaufbau zu erschöpft
Obwohl die DFB-Auswahl die erste Begegnung der Iren gegen Kamerun studiert hatte, in der das Team von der Grünen Insel ebenfalls in der zweiten Hälfte das Tempo erhöht und einen Rückstand egalisiert hatte, war sie gegen den simplen Power-Fußball der Iren nicht gewappnet. "Wir wollten nur den 1:0-Vorsprung über die Zeit retten, und das wurde brutal bestraft", bilanzierte Völler. Zu einem geordneten Spielaufbau war seine erschöpfte und verunsicherte Elf nicht mehr in der Lage, Kontermöglichkeiten wurden schon im Ansatz überhastet vergeben.
Carsten Ramelow zum Beispiel wagte nur zu Beginn der zweiten Halbzeit eine offensivere Interpretation seiner Rolle als Abwehrchef, ließ sich aber durch die Zurückhaltung seiner Mannschaftskollegen davon schnell wieder abbringen. "Es bringt nichts, wenn nur einer vorne wegrennt", sagte der Leverkusener und reihte sich wieder brav vor dem besten deutschen Akteur, Kapitän Oliver Kahn, ein. Allein Dietmar Hamann im defensiven Mittelfeld übernahm so etwas wie eine Führungsrolle in der DFB-Auswahl. Von Michael Ballack dagegen war in der kritischen Phase kaum etwas zu sehen.
"Ich muss da lauter werden und auf die Mannschaft einwirken", nahm sich die Neuverpflichtung der Bayern München AG die Kritik ihres zukünftigen Aufsichtsratsvorsitzenden Franz Beckenbauer zu Herzen, der einen "Chef auf dem Platz" vermisste. Allerdings hinkt der überragende deutsche Spieler der abgelaufenen Saison seiner Bestform noch weit hinterher. Auch wenn Ballack beteuerte, "hundertprozentig fit" zu sein, machen ihm die Folgen seiner Fußverletzung offensichtlich noch zu schaffen. Völler konstatierte: "Michael konnte nicht solche Akzente setzen, wie wir es gewohnt sind. Er wird in den nächsten Tagen so trainieren, dass er im nächsten Spiel wieder bei Kräften sein wird."
Manierliche Ausgangsposition
Trotz des in letzter Minute verpassten Sieges steht die deutsche Mannschaft vor dem letzten Gruppenspiel am Dienstag gegen Kamerun an der Tabellenspitze der Gruppe E. "Unsere Ausgangsposition ist nach der Enttäuschung noch recht manierlich", findet der Teamchef. Ein Unentschieden würde der DFB-Elf zum Achtelfinaleinzug langen. Falls Irland nicht ebenfalls 8:0 oder höher gegen Saudi-Arabien gewinnt, würde ein Punktgewinn sogar für den Gruppensieg reichen.
Bei einer Niederlage gegen den von Winfried Schäfer trainierten Afrika-Meister allerdings würde die deutsche Mannschaft, die seit 1954 bei jeder Weltmeisterschaft mindestens unter die letzten Acht gekommen ist, selbst das Minimalziel Achtelfinale verpassen. "Der Druck ist groß", weiß Rudi Völler um die Gefahr einer Blamage, in der sich die Mannschaft schon vor den WM-Relegationsspielen gegen die Ukraine befand. Nach Ansicht von Michael Ballack ist mit dem Remis gegen Irland nur "eine ganz normale Situation eingetreten". Der 25-Jährige sagte: "Wir wussten vorher, dass wir durch die Gruppe nicht einfach durchmarschieren."
Nur lockeres Auslaufen stand für die Nationalspieler am Donnerstag auf dem Programm. Völler erkennt einen großen Vorteil darin, dass das deutsche Team vor dem "Endspiel" (Schäfer) einen Tag länger pausieren kann als Kamerun: "Es ist wichtig, kräftemäßig den Akku wieder aufzuladen." Die bisherigen ausnahmslos in hohem Tempo ausgetragenen Spiele der WM 2002 rücken die physische Fitness wieder stärker in den Mittelpunkt des Fußballspiels. "Wir müssen aus unseren Fehlern lernen, um gegen Kamerun zu bestehen", sagte der gegen Irland in der Schlussphase völlig erschöpfte Ballack. Zumal er bemerkt hat: "Afrikanische Mannschaften haben - wie sie laufen, springen und sich bewegen - einen kleinen Vorteil."