Nationalelf: DFB-Team auf dem Mythos-Trip - DER SPIEGEL
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Nationalelf DFB-Team auf dem Mythos-Trip

Mit zwei Siegen und einem Remis hat die DFB-Auswahl als Gruppensieger Japan in Richtung Südkorea verlassen. Das in Unterzahl gewonnene Spiel gegen Kamerun lässt die fürs Achtelfinale qualifizierten Nationalkicker hoffen, dass alles wieder wird wie in guten alten Zeiten.
Von Till Schwertfeger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seogwipo - Als es für die deutschen Nationalspieler hieß, zumindest vorerst Abschied zu nehmen von Japan, stand Carsten Jancker wieder im Mittelpunkt. In der Abflughalle von Nagoya war der kahl geschorene Münchner begehrtestes Fotomotiv der Einheimischen, die den deutschen Hünen wie einen Außerirdischen anhimmeln. Jancker sehe aus, als sei er dem neuesten "Star Wars"-Streifen entsprungen, schrieb unlängst die Tageszeitung "Japan Times". Über die sportliche Leistung des bulligen Angreifers hingegen gab es nach dem 2:0 (0:0)-Sieg gegen Kamerun weniger Spektakuläres zu berichten.

In der schwachen deutschen Elf der ersten 45 Minuten fiel Jancker nämlich besonders negativ auf und wurde zur Halbzeit von Teamchef Rudi Völler aus der Mannschaft genommen, die durch die Gelb-Rote Karte von Carsten Ramelow (40.) dezimiert war. "Fünf Minuten lang war Ruhe in der Kabine. Dann wurde angesprochen, was geändert werden muss, und dann gesagt 'Jetzt erst recht'", beschrieb Jancker die Stimmung im deutschen Halbzeithort. Völler stellte von der Dreier- auf die Viererabwehrkette um - mit Erfolg. Torsten Frings, Christoph Metzelder, Thomas Linke und Christian Ziege ließen in der gesamten zweiten Hälfte nur noch eine Großchance zu.

"Wir haben gezwungenermaßen 4-4-1 gespielt. Jetzt spricht einiges dafür, dass wir im nächsten Spiel ein 4-4-2 daraus machen", leistete Marco Bode, Jancker-Ersatz und Torschütze zum vorentscheidenden 1:0, seinen Beitrag zur neu entflammten Debatte über das Defensivsystem. Grundsätzlich wollte der notorisch abwägende Bremer aber nicht werden: "Das ist bei uns weniger eine Systemfrage. Wenn wir Engagement zeigen und Selbstsicherheit haben, können wir in jeder Formation nahezu jeden Gegner schlagen." Ähnlich hatte sich der unmittelbar betroffene Metzelder direkt nach dem Schlusspfiff geäußert: "Wenn alle konzentriert sind, ist es egal, ob Dreier- oder Viererkette."

Kapitän Oliver Kahn warnte vor vorschnellen Aufstellungen: "Wir müssen erst mal ganz ruhig analysieren, wer alles gesperrt ist." Hatte doch der spanische Schiedsrichter Antonio Lopez Nieto mit zwölf Gelben und zwei Gelb-Roten Karten in der Partie Deutschland - Kamerun eine neue WM-Bestmarke aufgestellt. Neben Ramelow muss die DFB-Auswahl im Achtelfinale auch auf Dietmar Hamann und Christian Ziege verzichten. Vor allem der Ausfall von Hamann dürfte schwer zu kompensieren sein, auch wenn Bundestrainer Michael Skibbe betont: "Wir haben einen ausgeglichenen Kader."

Die Geschlossenheit der Mannschaft könnte tatsächlich ihr großes Plus bei dieser WM sein. Bode erzählte vor der Abreise ins südkoreanische Seogwipo - mit leuchtenden Augen wie ein Pfadfinder von gegenseitigem Schulterklopfen, aus Freude, "dass wir das Spiel noch gedreht haben". Der frühere Kapitän des Nationalteams und dreifache WM-Teilnehmer Karl-Heinz Rummenigge lobte die Art und Weise, wie die numerisch unterlegene DFB-Auswahl in der zweiten Hälfte auftrat. "Da wird etwas zusammenwachsen", sagte der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern AG, der als einer der Gesandten der Deutschen Fußball-Liga die Nationalmannschaft bei den Weltspielen begleitet.

Oliver Bierhoff erinnerte nach dem Gruppensieg an das blamable Ausscheiden bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren. "Der Mythos der Deutschen hatte gelitten. Jetzt sind wir auf dem besten Wege, ihn wieder herzustellen." Diesen Mythos hatte der englische Goalgetter Gary Lineker in dem legendären Satz zusammengefasst: "Fußball ist ein Spiel mit 22 Leuten, und am Ende gewinnt Deutschland." Jens Jeremies, der im Achtelfinale die Rolle des zentralen defensiven Mittelfeldspielers einnehmen könnte, hat die DFB-Elf im Kopfkino bereits die nächsten drei Partien in Südkorea gewinnen und ins WM-Endspiel einziehen sehen: "Wir haben alle den Traum, nach Yokohama zu fahren." Die Japaner würden sich über die Rückkehr von Carsten Jancker ganz bestimmt freuen.

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