Nationalelf Hoch spielen, flach gewinnen
Seogwipo - Wenn die deutschen Nationalspieler in diesen Tagen auf dem Hotelzimmer durch die TV-Programme zappen, sehen sie vor allem: Tore, Tore und noch mehr Tore. "Es vergeht keine Stunde, keine Minute, keine Sekunde, ohne dass im Fernsehen Treffer der Koreaner gezeigt werden", kommentiert DFB-Teamchef Rudi Völler die rote Torflut in der medialen Endlosschleife. Der Goalgetter von einst ist gleichwohl fasziniert von der Euphorie der Südkoreaner vor dem WM-Halbfinale am Dienstag in Seoul: "Was hier in den Stadien und auf den Straßen los ist, ist beeindruckend."
Von der Stimmung in Deutschland bekommt Völler "relativ wenig" mit. Der 42-jährige Publikumsliebling ist aber überzeugt: "Die große Masse steht hinter uns. Und das ist das Wichtigste." Die Treue der deutschen Fußballfans hat die Nationalmannschaft in den vergangenen Wochen genauso arg strapaziert, wie sie sich um sie bemüht hat. Denn nach dem locker rausgespielten 8:0-Auftaktsieg gegen Saudi-Arabien im japanischen Sapporo mussten die Völler-Schützlinge in jeder der vier folgenden Begegnungen an die körperlichen und mentalen Grenzen gehen.
"Wir haben gegeben, was machbar war"
Gegen Irland (1:1) kassierte die DFB-Auswahl in der Nachspielzeit den Ausgleich, gegen Kamerun (2:0) musste sie bei einer Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent mehr als eine Halbzeit in Unterzahl spielen, gegen Paraguay (1:0) fiel der Siegtreffer erst in der 88. Minute, und gegen die USA (1:0) zitterte sie den Sieg gerade so über die Zeit. Ansehnlicher Angriffsfußball, den das Trainergespann Rudi Völler/Michael Skibbe auf seine Fahnen geschrieben hat, blieb eine Wunschvorstellung. Er konnte von einer Mannschaft, die durch die verletzungsbedingten Absagen von Jens Nowotny und Sebastian Deisler sowie den Verzicht von Mehmet Scholl entscheidend geschwächt zur WM fuhr, spätestens nach dem ernüchternden 0:1 im Testspiel gegen Wales allerdings von niemandem ernsthaft erwartet werden. "Wir haben gegeben, was machbar war", resümiert der Teamchef die bisherige Leistung.
Überraschend ist also weniger das limitierte Offensivspiel der DFB-Elf als die Tatsache, um den Einzug ins WM-Finale kämpfen zu dürfen. "Ich glaube, dass wir eine große Chance haben, ins Endspiel einzuziehen", sagte Völler am Montag unmittelbar vor der Abreise nach Seoul. Der Optimismus des Teamchefs speist sich vor allem aus dem Wissen, mit Oliver Kahn den besten Torhüter der Weltmeisterschaft zwischen den Pfosten stehen zu haben. Gemeinsam mit ihren beiden anderen Stärken wird die deutsche Mannschaft möglicherweise auch Favoritenschreck Südkorea in die Knie zwingen.
Teamgeist wie 1996
Der WM-Mitgastgeber zieht seine große Stärke aus dem Kollektiv, kämpft leidenschaftlich und mit unbändigem Siegeswillen. "Wir wollen mit gleicher Münze zurückzahlen", kündigt Völler an. Seit der Europameisterschaft 1996 demonstrierte die DFB-Auswahl keinen so ausgeprägten Teamgeist mehr wie bei diesen Welttitelkämpfen. "Unser Zusammenhalt ist eine ganz wichtige Komponente. Mit der entsprechenden Einstellung überbrückt man das eine oder andere Defizit", sagte Völler. Der Teamchef weiß aber, dass sich eklatante spielerische Mängel wie im USA-Spiel gegen Südkorea kaum noch einmal wettmachen lassen: "Ich bin kein Träumer. Wenn wir uns da nicht steigern, ist im Halbfinale Endstation."
Gegen die quirligen Koreaner wird es die deutsche Mannschaft aber dennoch weniger mit filigranen Ballstafetten am Boden als mit scharfen Flanken auf hohem Niveau probieren. "Die herausragende Stärke des deutschen Fußballs ist das Kopfballspiel", hat Bundestrainer Skibbe zutreffend formuliert. Die DFB-Elf erzielte in den bisherigen fünf WM-Partien bereits acht Treffer per Kopf, steht in dieser Kategorie dank Miro Klose, Michael Ballack und Thomas Linke unangefochten an der Spitze und hat noch Oliver Bierhoff in der Hinterhand. Gegen die im Durchschnitt kleiner gewachsenen Südkoreaner kann das deutsche Erfolgsrezept demnach wieder nur lauten: hoch spielen, flach gewinnen.