Nationalelf: Mensch Kahn - DER SPIEGEL
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Nationalelf Mensch Kahn

Rudi Völler macht sich Sorgen. Man müsse aufpassen, dass nebensächliche Themen auf Dauer nicht den Blick auf den Sport verbauen würden, ließ der Teamchef wissen. Kapitän Oliver Kahn, neuerdings beliebtes Objekt der Klatschpresse, fordert sein Recht ein, einfach nur Mensch zu sein.
Von Andreas Lampert
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nürnberg - Auf der letzten Pressekonferenz vor dem EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft am Samstag in Nürnberg (19 Uhr) gegen Litauen gerieten Fragen zur sportlichen Perspektive in den Hintergrund. Zwar gab Teamchef Rudi Völler einen kurzen Einblick zur gesundheitlichen Verfassung seiner Truppe ("Freier ist wieder fit, Lehmann muss mit dem Training aussetzen"), doch die genaue Aufstellung und Taktik wollte Völler vor dem am Freitagnachmittag stattfindenden Geheimtraining nicht preisgeben.

Völler wehrt Spekulationen ab


So wurde Völler schnell auf ein Thema festgenagelt, das die deutsche Öffentlichkeit seit knapp einem Monat nicht mehr loslässt: Was ist mit Oliver Kahn? Verkraftet der Nationalmannschaftskapitän den Rummel, den die Boulevardblätter um seine Person entfacht haben, seit er einen Seitensprung mit einer Jüngeren gewagt und sich von seiner Frau Simone, 31, getrennt hat? Die Münchner "Abendzeitung" hatte am Freitag zudem den Autofahrer Kahn zum Titelthema gemacht, nachdem der Keeper am Dienstag zwischen Salzburg und München mit 154 Stundenkilometern geblitzt worden war. Kahn soll bei dieser rasanten Fahrt gerade auf dem Weg ins fränkische Herzogenaurach gewesen sein, wo sich das DFB-Team seit Anfang der Woche auf das Spiel gegen Litauen vorbereitet.

"Olli wird sich nicht aus der Bahn werfen lassen, wenn er zwei, drei Monate nicht Auto fahren darf", antwortete Völler etwas genervt, als er seine Meinung zum jüngsten Geschwindigkeitsrausch Kahns kundtun sollte. Auch den angeblichen Streit zwischen Kahn und Dietmar Hamann, der aufgrund eines Interviews nach dem verlorenen Länderspiel gegen Spanien (1:3) die Stimmung im Team gefährdet haben soll, habe es nicht gegeben. "Das ist Blödsinn", so Völler, fügte aber hinzu, "wir drei haben uns vorgestern zusammengesetzt und ausgesprochen."

"Gesunde Mischung im Team"


Im Mannschaftssport Fußball seien derlei Meinungsverschiedenheiten nichts Außergewöhnliches, bekräftigte Völler. Gegensätzliche Charaktere würden in einem Team "die gesunde Mischung" bilden, die letztlich zum Erfolg führe. "Kahn ist extrem in seiner Ausstrahlung, einer der gerne überzieht", beschrieb der Teamchef seinen verlängerten Arm auf dem Spielfeld, während Hamann eben der Ruhigere sei. "Wir müssen aufpassen, dass derlei Themen nicht dauernd hochgespielt werden, schließlich sind wir nicht im Kindergarten", lautete Völlers Machtwort.

Eine Viertelstunde nachdem Völler verschwunden war, wurde Oliver Kahn vom DFB-Fahrdienst zur Turnhalle der Berufsschule in Herzogenaurach gekarrt, wo die Pressekonferenzen der Nationalmannschaft stattfanden. Mit grimmiger Miene, eine schwarze Baseballkappe tief über die Stirn gezogen, betrat Kahn das Podium und wehrte die Fragen der Presse reaktionsschnell ab - wie es sich für einen guten Torhüter gehört.

Situation bei den Bayern "genau beobachten"


Die Sache mit Hamann? "Wer mich kennt, weiß wie engagiert ich bin und dass ich dabei ab und zu über das Ziel hinausschieße." Litauen? "Wir werden hochkonzentriert sein. Ich habe das WM-Relegationsspiel gegen die Ukraine noch im Hinterkopf - auf so einen Stress habe ich keine Lust mehr. In der Nationalmannschaft müssen wir es so wie bei den Bayern machen: Wer gewinnt, braucht nicht auf die anderen zu achten."

Nach diesen beiden Standardsituationen wurden die Fragen mit mehr Effet gestellt. Steht wegen des jüngsten Rummels möglicherweise die Karriere in der Nationalmannschaft auf dem Spiel? "Ein Rücktritt kommt für mich nicht in Frage. Die WM 2006 ist mein Ziel." Werden Sie ins Ausland gehen? "Ich werde die Situation genau beobachten." Nachschuss: Heißt das, Sie werden die Bayern verlassen? "Ich werde die Situation genau beobachten." Im Nachfassen gehalten.

Auch von einem Zusammenhang zwischen Mediendruck und möglichen Leistungsabfall wollte Kahn nichts wissen. "Ich habe in der Vergangenheit viele Mechanismen entwickelt, um weiter meine Topleistung zu bringen", verteidigte sich der 33-Jährige, "der Rummel um mich geht ja schon einige Jahre. Da entwickelt man eine dicke Haut."

"Kein Mensch muss sich irgendetwas gefallen lassen"


Aus seiner dicken Haut fuhr der Bayern-Keeper aber, als er nach dem Führerscheinentzug gefragt wurde. "Ich weiß nicht, ob das irgendeine Relevanz mit dem Aufenthalt in Herzogenaurach zu tun hat", stellte Kahn den Fragesteller ins Abseits. "Im Grundgesetz gibt es keinen Artikel, in dem steht, dass man als öffentliche Person gewisse Dinge ertragen muss", wehrte Kahn den Vorwurf ab, "kein Mensch muss sich irgendetwas gefallen lassen."

Aber als Nationalmannschaftskapitän würde er doch eine Vorbildsfunktion besitzen, lautete die Nachfrage, die gleichzeitig die letzte der Pressekonferenz sein sollte. DFB-Pressesprecher Harald Stenger drängte zum Aufbruch, denn im "Hotel Herzogspark", dem Mannschaftsquartier, stand das Mittagessen bereits auf dem Tisch. "Vorbildfunktion ist für mich ein sehr wichtiger Begriff", holt Oliver Kahn aus, "allerdings bin ich auch noch Mensch. Mein Leben besteht nicht nur daraus, permanent den Erwartungen anderer Menschen gerecht zu werden und Vorbildfunktion zu erfüllen. Ich versuche es da zu tun, wo es mir möglich ist. Ich mache abseits, privat und im Sport genauso Fehler wie alle anderen auch - und das bitte ich zu respektieren."

Dann sprang Kahn nach diesem Befreiungsschlag auf, verließ die Turnhalle der Berufsschule Herzogenaurach und ließ sich in einer Limousine zum Mannschaftsquartier chauffieren. Für Samstag steht Kahn eine relativ leichte Aufgabe bevor. Gegen Litauen muss er nur seinen Kasten sauber halten und sich nicht dauernd für seine Art zu leben rechtfertigen.

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