Nationalelf Olli gegen den Rest der Welt
Seogwipo - Man stelle sich vor, es ist Weltmeisterschaft und Oliver Kahn will nicht spielen. Undenkbar? Der Kapitän der deutschen Nationalelf erinnert sich allerdings noch sehr genau an eine WM-Partie, auf die er freiwillig verzichtet hätte. 1994 nämlich, als die DFB-Auswahl in Dallas zur dritten Vorrundenbegegnung gegen Südkorea antreten musste.
"Das Spiel war um die Mittagszeit, und wir hatten 54 Grad Celsius", erzählt Kahn, damals dritter Keeper im deutschen WM-Kader, "ich hätte nicht spielen wollen." Deutschland führte durch drei Klinsmann-Treffer schon mit 3:0, ehe die Südkoreaner noch auf 3:2 herankamen. Stefan Effenberg stieg die Hitze so zu Kopf, dass er den pfeifenden deutschen Fans den Stinkefinger zeigte. "Die Koreaner sind gelaufen wie aufgezogen", hat Kahn nicht vergessen, "wir hatten schon damals erhebliche Probleme."
Im Halbfinale am Dienstag in Seoul gegen Südkorea würde Deutschlands Nummer eins vermutlich selbst dann spielen, wenn das Thermometer 60 Grad Celsius anzeigen würde. Denn Kahns Betriebstemperatur liegt offenbar noch um einiges höher. Das Fußballfieber, das sich in den vergangenen Wochen flächendeckend im Gastgeberland ausgebreitet hat, lässt den erfahrenen Keeper nicht unberührt. "So eine Emotionalität habe ich noch nirgends erlebt. Ich brenne auf dieses Spiel", sagt Kahn und ermahnt seine Teamkollegen, auch im mit 64.000 Zuschauern ausverkauften World Cup Stadium von Seoul kühlen Kopf zu bewahren.
Portugiesen, Italiener und Spanier - alle drei Titelaspiranten - schieden nach knappen Niederlagen gegen den Gastgeber aus und fühlten sich hinterher als Opfer ungerechter Schiedsrichterentscheidungen. "Man darf sich durch den Heimvorteil Südkoreas nicht beirren lassen", hat Kahn erkannt. "Wenn wir ein Tor schießen, das nicht anerkannt wird, dann müssen wir einfach noch eins schießen. Und wenn das auch nicht zählt, dann noch eins", flüchtet sich der weltbeste Keeper in Weiter-immer-weiter-Rhetorik. Es hört sich an, als sei Kahn in seinem Kampf gegen den Rest der Welt überzeugt davon, dass erneut ein einziger Treffer der deutschen Mannschaft zum Finaleinzug reicht.
Südkoreaner mit "Pferdelunge"
Ob seine Teamkameraden allerdings die Kondition besitzen, gegen die scheinbar nimmermüden Koreaner immer wieder eigene Angriffe zu inszenieren, ist nach dem Eindruck des Viertelfinals gegen die USA zumindest fraglich. Michael Skibbe, der den Gegner im Spiel gegen Spanien unter die Lupe nahm, attestierte jedem einzelnen Südkoreaner hernach eine "Pferdelunge". Dennoch ist der Bundestrainer - wie bislang vor jedem Spiel - zu dem Schluss gekommen: "Deutschland wird gewinnen." Dass die deutschen Kicker nach dem mühsamen 1:0-Sieg gegen die USA zu Boden sanken, sei mehr ein Ausdruck der Erleichterung gewesen als der Kraftlosigkeit.
Aus Motivationsgründen ist es legitim, dass der Fachmann Skibbe Optimismus in den eigenen Reihen zu verbreiten versucht. Ansonsten könnte Kahn noch auf die Idee kommen, die Halbfinalteilnahme der DFB-Auswahl eigenhändig abzusagen. "Wenn wir körperlich nicht hundertprozentig fit wären, müssten wir gar nicht antreten", sagt der 33-Jährige. Gegen Südkorea erwartet der ehrgeizige Kapitän "einen Marathonlauf" und freut sich sichtlich darüber - wie immer, wenn es ans Limit geht.
"Vorteil, einen sensationellen Torwart zu haben"
"Die Teams, die in Glanz und Gloria spielen, sind schon seit 14 Tagen am Strand", erinnert Kahn ohne einen Hauch Wehmut an die in der Vorrunde ausgeschiedenen Ballvirtuosen aus Frankreich, Argentinien oder Portugal, "diese WM steht unter einem anderen Stern." Es ist der Slogan des Gegners am Dienstag, der es dem Ausnahmekeeper angetan hat: "Korea Team Fighting."
Gegen die Leidenschaft und Kühnheit der Asiaten wirft Michael Ballack seinen Kapitän in die Waagschale: "Unser Vorteil ist, dass wir so einen sensationellen Torwart haben." Den vielstimmigen Lobeshymnen in diesen Tagen entgegnet Kahn: "Ohne die zehn anderen in der Mannschaft bin ich gar nichts." Tatsächlich ist dem deutschen Team jedoch nur mit einem erneut überragenden Oliver Kahn zuzutrauen, auch den Kampf gegen Südkorea zu bestehen.