Nationalelf-Presseschau "Ein Steilpass nach hinten"
Christof Kneer ("Süddeutsche Zeitung") beschreibt die ersten Minuten des Spiels als Neuorientierung: "Die Mannschaft hat sich anfangs sehr schwer getan gegen flinke und handlungsschnelle Iren, man sah ihr förmlich an, wie sie in allen Winkeln des Feldes verzweifelt die WM-Automatismen suchte und nicht fand." Der Rest des Spiels hat Kneer jedoch überzeugt: "Es dürfte Löw Mut machen, dass seine Elf willens und imstande ist, sich vorübergehend selbst aus der Krise herauszuspielen; es klemmt und hakt noch da und dort, aber es ramelowt und wörnst nicht mehr. Die gute Nachricht war, dass Lösungen in dieser Mannschaft stecken."
Michael Horeni ("FAZ") unterstreicht, dass die Mannschaft nach der WM freier und unabhängiger geworden sei: "Und vom angeblich unersetzlichen Jürgen Klinsmann und seiner Einmaligkeit redet auch niemand mehr. Die Nationalmannschaft, und das ist vielleicht das wichtigste Erbe der Weltmeisterschaft, hat sich emanzipiert. Sie führt ein Eigenleben aus eigener Kompetenz, das die Bestätigung aus der Bundesliga nicht mehr braucht. Und schon gar nicht muss sie sich belehren lassen. (...) Der erste Teil der schönen deutschen Fußball-Fortsetzungsgeschichte ist geglückt."
Andreas Lesch ("Berliner Zeitung") hingegen kann der Darbietung nichts abgewinnen: "Bei der WM war der Steilpass nach vorn ein Markenzeichen des deutschen Teams. Diesmal war es der Steilpass nach hinten. Bei der WM prägten Mut und Wagnis das Spiel. Diesmal flackerte das auf, was die Welt unter German Angst versteht. Bei der WM hat Deutschland den Gegnern seinen Stil aufgezwungen. Jetzt hat es sich Irlands Spielweise angepasst und Kreativität durch Kampf ersetzt. Bei der WM steigerte sich das Publikum in Ekstase, jetzt pfiff es schnell. Bei der WM verwandelte sich das Stadion nach dem Schlusspfiff in einen Ort ohne Grenzen. Jetzt schlichen die Spieler müde ihr Ehrenründchen ab, und das Gekreische aus den Lautsprechern zeigte den Kontrast zur Vergangenheit nur deutlicher."
Joachim Löw bietet weniger Angriffsfläche als Jürgen Klinsmann und kommt vielen deutschen Sportjournalisten nicht so fremd vor; der Sieg hilft Löw, Klinsmanns Schatten zu entweichen. Andreas Rüttenauer ("taz") nimmt den Irland-Sieg zum Anlass, dem Amerikaner Klinsmann einen schönen Gruß zu schicken: "Es wird ruhiger werden um die Person des Bundestrainers. Löw versteht sich als Fußballfachmann. Seine Welt ist die der Taktik. Seine Welt ist klein. Redet Löw vom großen und ganzen, dann meint er nicht mehr als das Spiel auf dem Platz. Er wird der Nation keinen Mentalitätswandel verordnen wollen wie Jürgen Klinsmann, der den ohnehin schon großen Fußball noch größer geredet hat, indem er sich zum penetrant gut gelaunten Lautsprecher der Alles-muss-anders-werden-in-diesem-Land-Prediger aufgeschwungen hat. Er ist auch kein Volkstribun wie Rudi Völler, der die Arbeit der Medien als Scheißdreck bezeichnen und deshalb die Lufthoheit über den Stammtischen verteidigen kann."
Zur Einzelkritik: Die "FAZ" tätschelt Manuel Friedrich für seinen "willensstarken, aber auch sportlich fast schon routinierten Auftritt mit Führungsfähigkeiten. Der Mainzer, in den Zweikämpfen nahezu fehlerfrei und mit erstaunlicher Ruhe gesegnet, hat bei seinem Debüt von Beginn an gleich sein Reifezeugnis abgelegt." Kritik muss sich Michael Ballack anhören; die Financial Times schimpft ihn und steckt ihn mit Torsten Frings in einen Sack: "Bei der WM diente das defensive Mittelfeld als Geheimnis des Erfolges; jetzt war es die Gefahrenzone. Es lebte von Wucht und Witz, von Kraft und Kreativität; jetzt produzierte es Furcht erregende Fehlpässe, die zehn Meter am Ziel vorbeigingen. Frings und speziell Ballack boten eine wirklich schlechte Leistung."
Die FR unterscheidet: "Frings ist es aber gelungen, sich nach langem Anlauf ins Spiel zu beißen. Ballack schaffte das nicht. Selten fiel ein Kapitän der deutschen Nationalelf so krass gegenüber seinen Kollegen ab wie er." Immerhin, Philipp Selldorf ("SZ") betont Ballacks Anteil am Siegtor: "Hätte Ballack von seinem Kapitänsrecht Gebrauch gemacht (§ 3, Artikel 1: Das Freistoß-Privileg), dann hätten die Deutschen wohl weiterhin auf den Führungstreffer warten müssen. Er hätte den Ball in die dichte irische Menschenmauer gesetzt. Oder weit übers Tor. Das stand fest. Man wusste es einfach. Da aber Ballack ein kluger Spieler ist, hat er es selbst gewusst."