Nationalelf Schutzpatron Rudi Völler
Seogwipo - In weiser Voraussicht hatte Rudi Völler einige Wochen vor seiner ersten WM als Teamchef den Allmächtigen des deutschen Fußballs um Rat gebeten. Franz Beckenbauer, DFB-Teamchef bei den Weltmeisterschaften 1986 und 1990, empfahl seinem früheren Schützling, sich auf das Wesentliche seiner Arbeit zu konzentrieren und sich nicht beeinflussen zu lassen.
Der Kernsatz des kaiserlichen WM-Verhaltenskodex lautet: Lies nicht so viele Zeitungen. Eine Regel, die Völler rund 10.000 Kilometer entfernt von der Heimat in Südkorea und Japan, wo deutsche Presseprodukte Mangelware sind, lange Zeit problemlos einhalten konnte. Bis "ein Zufall", so Völler, dazwischen kam.
Am Montag nach dem mühsamen Achtelfinalsieg gegen Paraguay wollte der Teamchef gerade das Mannschaftsquartier "Paradise Hotel" in Richtung Pressekonferenz verlassen, als er Mittelfeldspieler Michael Ballack im Foyer vor einem Computer hocken sah. "Unsere Spieler surfen da täglich herum", sagte der 42-Jährige, "logisch, das ist eine neue Generation."
"Das ist etwas sehr Negatives"
Eigentlich wollte er sich bei Ballack nach dem Befinden der lädierten Wade erkundigen, doch als er die ausgedruckten Online-Artikel sah, packte Völler die Neugier. "Was sagt denn mein alter Kumpel Cha Bum?", fragte Völler. Zu lesen gab es höchst Unerfreuliches. Asiens Fußballer des Jahrhunderts wurde mit den harschen Worten zitiert, er könne sich an kein schlechteres Spiel einer deutschen Nationalmannschaft erinnern als das gegen Paraguay. Völler ließ sich auch das Traktat von Ex-Nationalspieler Thomas Berthold reichen. Auch dessen Aussagen fanden nicht Völlers Zustimmung. "Er hat etwas sehr Negatives gesagt", lautete das Urteil des Teamchefs.
Nach der Pressekonferenz auf die hämische Kritik an der DFB-Auswahl angesprochen, platzte Völler etwa eine Stunde später fast der Kragen seines Sportdresses: "Cha Bum hat wohl zu viel Aspirin gegessen, als er damals bei Bayer Leverkusen gespielt hat." Und: "Es gibt so ein paar Ex-Kicker, auch welche, mit denen ich noch zusammengespielt habe, die ein paar blöde Kommentare geben. Da muss ich sagen: ein paar Kopfbälle zu viel gemacht in der Karriere." Leverkusens Manager Reiner Calmund, der Völler als Bayer-Sportdirektor anlernte, hat einmal über den DFB-Teamchef gesagt: "Wenn der Rudi ausrastet, hat er alles drauf. In seinem Jähzorn schlägt er richtig um sich."
"Ich bin wohl übers Ziel hinausgeschossen"
Am Tag nach dem kurzen, aber heftigen Rundumschlag betonte Völler sein "sehr gutes Verhältnis" zu Cha und erklärte: "Es war im Spaß gemeint. Aber ich bin wohl übers Ziel hinausgeschossen. Das tut mir Leid." Der knappen Entschuldigung folgte allerdings umgehend eine Art Kampfansage: "Gewisse Dinge lassen wir uns nicht gefallen." Was er meinte, war allen Journalisten klar: seiner Meinung nach ungerechtfertigte oder überzogene Kritik an seinen Schützlingen. "Ich stelle mich 1000-prozentig vor die Mannschaft. Das werde ich immer tun, solange ich Teamchef sein werde", kündigte Völler an.
Scharf und präzise definierte der Hanauer seine Kernkompetenzen als Chef der deutschen Elitekicker: "Es ist nicht nur meine Aufgabe, ob die Jungs links oder rechts herumrennen, sondern die Nationalmannschaft bis ins letzte Detail zu schützen." Vor Hohn und Spott wie zum Beispiel von Berthold. "Dafür habe ich kein Verständnis. Es ist ein alter Spezi von mir, wir haben das Zimmer und viele Dinge geteilt," sagte Völler.
"Ich bin hin und wieder auch nur ein einfacher Mensch"
Beim AS Rom und in der Nationalmannschaft waren er und Berthold Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre Mannschaftskameraden gewesen. Jetzt hat Völler anstelle einer Entschuldigung nur noch ein italienisches Sprichwort für den Ex-Kollegen und ehemaligen Nachbarn seiner aus Italien stammenden Ehefrau Sabrina übrig: "Er hat die Gelegenheit verpasst, still zu sein." Einsichtig fügt er eine Sekunde später aber hinzu: "Ich auch."
Eine sich mehrere Wochen hinziehende Weltmeisterschaft zehre einfach an den Nerven, bat Völler um Verständnis. "Ich versuche, mich einigermaßen im Griff zu halten, aber ich bin hin und wieder auch nur ein einfacher Mensch." Gegen derlei fundamentale Anwandlungen kennt wohl selbst Franz Beckenbauer kein Gegenmittel.