Nationalelf Showtraining in der Freiluft-Disco
Nürnberg - Wer am Donnerstag nach dem Training der deutschen Nationalmannschaft im Nürnberger Frankenstadion auf der Pirsch nach O-Tönen war, hatte nicht allzu viel Glück. Das lag weniger an der Zurückhaltung der Spieler, sondern an einer außergewöhnlichen Geräuschkulisse.
Denn nur wenige Sekunden, nachdem Teamchef Rudi Völler seine insgesamt 18 Spieler abschließend zusammengerufen und die Übungseinheit für beendet erklärt hatte, setzte laute Musik ein. Ein ohrenbetäubender Lärm wummerte durch die Arena. Zwar standen einige Nationalspieler als Gesprächspartner kurzzeitig bereit, doch nur wer die Technik des Lippenlesens beherrschte, konnte so die eine oder andere zusätzliche Information ergattern.
So ließ Hannovers Angreifer Fredi Bobic wissen, dass ihm "ein Training im Stadion immer mehr Spaß macht, weil dort eine andere Atmosphäre herrscht". Arne Friedrich sagte, ihm sei es egal, auf welcher Position er in der Abwehr spielen würde. "Innen oder außen, ich habe schon beides gespielt", so der Berliner Jungnationalspieler.
Ungeheurer Lärmpegel
Der Grund des ungeheuren Lärmpegels vor und nach der Trainingseinheit des Vizeweltmeisters, der sich in diesen Tagen auf das EM-Qualifikationsspiel am Samstag um 19 Uhr gegen Litauen in Nürnberg vorbereitet, war ein Playback-Auftritt des deutschen Popquintetts Bro'Sis.
Rund 1500 kreischende Jugendliche waren zum öffentlichen Training ins Frankenstadion gekommen, um ihre Idole zu treffen. Schon in Hannover beim letzten Qualifikationsspiel der Deutschen gegen die Faröer hatte die Teengroup für das musikalische Rahmenprogramm gesorgt. Bro'Sis sind so etwas wie die offizielle Band der "DFB-Talentförderung", ein Programm, mit dem die Funktionäre aus Frankfurt hoffen, das Fundament für die Zukunft des deutschen Fußballs legen zu können.
"Oli, wink' a'mal"
Vor dem Stadion waren deshalb Torwände, Slalom-Parcours und Streetball-Spielfelder aufgebaut, auf denen sich die deutschen Nachwuchshoffnungen beiderlei Geschlechts bereits den ganzen Nachmittag tummelten. Im Stadion lauerten die Autogrammjäger mit dicken Filzstiften. Auf welche Unterschriften die Sammler schärfer waren, war nicht auszumachen. Bro'Sis oder Rudi Völlers Truppe?
Um 17.08 Uhr war es endlich so weit. Der DJ hatte kurz zuvor noch "Stand up for the champions" und den fast schon vergessenen Hit des vorigen Sommers "Es gibt nur ein' Rudi Völler" angestimmt, ehe der Teamchef gefolgt von Bundestrainer II, Erich Rutemöller, und dem erstmals in die Nationalelf einberufenen Stuttgarter Stürmer Kevin Kuranyi unter Applaus den Rasen betrat.
Zu sehen bekamen die Zuschauer ein Showtraining, das für das Spiel am Samstag kaum zur Erhellung beitrug. Höhepunkte waren rar. Ein bisschen Dehnen, ein wenig Kleinklein-Gekicke. Für Stimmung sorgte nur das juvenile Publikum. "Oli, wink' a'mal" wurde Oliver Kahn aufgefordert. Der reagierte natürlich nicht, man ist schließlich nicht zum Vergnügen hier.
Dann eben Bro'Sis. Immer wieder Kreischen, denn einige Popdarsteller hatten sich inzwischen hinter das Tor gestellt. Trainingskiebitze de luxe. Doch auch sie sahen nichts. Wirklich Neues war auch nicht zu erwarten. Der Bundestrainer I, Michael Skibbe, hatte bereits am Vormittag verkündet: "In der Abwehr haben wir uns noch nicht festgelegt. Wir wollen auch abwarten, ob es über Litauen noch neue Erkenntnisse gibt."
Ausspionieren konnte Skibbe den Gegner bis dahin noch nicht, denn die Delegation aus Litauen traf erst am Donnerstag in Nürnberg ein. Auf jeden Fall werden einige Spieler der Balten, die im Hinspiel dabei waren, fehlen. Mit Raimondas Zutautas muss sogar der Kapitän wegen einer Knieverletzung passen. "Das ist ein herber Verlust für uns", stöhnt Trainer Algimantas Liubinskas. Zudem fehlen Stürmer Robertas Poskus und Verteidiger Aurelius Skarbalius, die beide ebenfalls angeschlagen sind.
Unabhängig von den Problemen des Gegners, will die deutsche Nationalmannschaft am Samstag souveräner auftreten als noch beim letzten Gruppenspiel gegen die Faröer vergangenen Oktober in Hannover. Damals schrammte die Nationalmannschaft nur knapp an einer Blamage vorbei.
Selbstverständlichkeit mit Tücken
"Wir wollen mit der guten Ausgangsposition von neun Punkten zum nächsten Qualifikationsspiel im Juni zu unserem schärfsten Konkurrenten Schottland reisen", definiert Mittelfeldspieler Dietmar Hamann das Ziel für die Partie gegen Litauen. "Wir hoffen alle, dass wir das Spiel früher und klarer für uns entscheiden als beim 2:1 gegen die Färöer", so der Liverpooler, der im September beim 2:0-Sieg in Litauen sein letztes Länderspiel bestritten hatte.
Hamann weiß, dass die Selbstverständlichkeit, mit der ein Sieg der DFB-Elf gegen den 104. der Fifa-Weltrangliste erwartet wird, auch seine Tücken hat. "Man hat in der Quali schon wieder gesehen, dass es keine kleinen Gegner mehr gibt und es immer wieder zu Überraschungen kommt", sagte der ehemalige Münchner.
Auch Völler warnt vor Übermut in seiner Mannschaft und dem Umfeld. "Natürlich spielen wir zu Hause, und wir wollen gewinnen", so der Teamchef, "aber es entspricht nicht der Realität von vornhinein zu sagen: Wir gewinnen hoch und zeigen attraktiven Fußball."
Deutschland - Litauen Sa. 19 Uhr
(voraussichtliche Aufstellung)
Deutschland: Kahn - Friedrich, Ramelow, Wörns - Rehmer, Schneider, Hamann, Frings,
Rau - Klose, Bobic