Nationalelf Wiedergutmachung auf schmalem Grat
Seogwipo - Schon einmal schickten Rudi Völler und Karl-Heinz Rummenigge sich an, die deutsche Nationalelf zu retten. Im WM-Finale 1986 lag die DFB-Auswahl aussichtslos mit 0:2 gegen Argentinien zurück. Der eingewechselte Rummenigge leitete mit dem 1:2 die Aufholjagd ein, Völler erzielte bei glutofenähnlichen Temperaturen im Aztekenstadion von Mexiko City den Ausgleichstreffer. Außenseiter Deutschland durfte wieder auf den Titel hoffen, bis Burruchaga sechs Minuten vor dem Abpfiff das 3:2 für Argentinien gelang.
14 Jahre später, im Sommer 2000, verschwendete niemand - nicht einmal im Traum - einen Gedanken daran, die Nationalmannschaft könnte bei der Weltmeisterschaft in Korea und Japan ins Endspiel einziehen. Deutschlands Eliteauswahl musste nach einer 0:3-Niederlage gegen Portugals B-Elf die EM als Gruppenletzter blamiert und ohne Sieg nach der Vorrunde verlassen.
Die Nation war erschüttert, der deutsche Fußball rief den Notstand aus, und die früheren Weltklassestürmer kamen wieder ins Spiel: Rudi Völler, Sportdirektor von Bayer Leverkusen, wurde wie durch Zufall Nachfolger von Erich Ribbeck als DFB-Teamchef, Karl-Heinz Rummenigge, Vizepräsident von Bayern München, als Leiter der Task Force installiert, einem Gremium hochrangiger Vereinsfunktionäre, welches das Nationalteam unterstützen sollte.
"Halbfinale muss noch nicht Ende der Fahnenstange sein"
"Vor zwei Jahren sah es schlecht aus", sagt Rummenigge in der zum Medienzentrum umgebauten Turnhalle in Seogwipo, "bei der EM ist viel Porzellan zerschlagen worden. Aber Rudi Völler hat sehr geschickt peu a peu eine neue Mannschaft gebaut." Die Task Force gibt es zwar nicht mehr, aber auf Wunsch des Teamchefs begleitet Rummenigge, mittlerweile zum Vorstandsvorsitzenden der FC Bayern AG aufgestiegen, als "Sprecher des Nationalmannschaftsausschusses des Ligaverbands" das DFB-Team bei der WM. Für Völler ist der vier Jahre ältere Rummenigge nach wie vor ein wichtiger Ansprechpartner und Ratgeber.
Während der Teamchef das Viertelfinale gegen die USA am Freitag bloß mit dem "Ziel, dem Traum, unter die letzten vier zu kommen", verbindet, lenkt Rummenigge den Blick auf das große Ganze. Der sportliche Erfolg wäre "gut für Deutschland", stellt der Bayern-Boss nüchtern fest. Denn bei der EM 2000 sei national der Glaube an das Auswahlteam verloren gegangen, international habe die DFB-Elf an Reputation verloren. Die Konstellation zur Wiedergutmachung ist äußerst günstig. Da sind sich die Stürmerkollegen früherer Tage einig. "Es wäre fatal, die große Chance aufs Halbfinale leichtfertig wegzuwerfen", sagt Völler, der vor dem Turnier das Erreichen des Achtelfinals als Ziel ausgegeben hatte. "Das Halbfinale muss noch nicht das Ende der Fahnenstange sein", geht Rummenigge noch einen Schritt weiter, "wir haben Gegner vor uns, die wir schlagen können."
Brasilien und England: "Ein anderes Kaliber"
Nach einem Sieg gegen die USA (Rummenigge: "Die spielen exklusiv auf Konter, haben große Probleme zu agieren") würde die deutsche Elf in der Vorschlussrunde auf Spanien oder Südkorea treffen und damit bis zum Endspiel Brasilien und England aus dem Weg gehen. "Die sind ein anderes Kaliber", sagt Rummenigge und ist sich sicher, dass eine dieser beiden Mannschaften ins Finale einzieht.
Doch selbst da sehe er die DFB-Auswahl, die im laufenden Turnier erst ein Gegentor kassiert hat, noch nicht auf verlorenem Posten: "In einem einzigen K.o.-Spiel haben wir immer eine Chance." Doch auf dem Weg zum Gipfel des Weltfußballs wandelt die deutsche Mannschaft auf schmalem Grat. Zunächst einmal müssen die Völler-Schützlinge das Viertelfinale gegen die furchtlosen Amerikaner überstehen. Rummenigge weiß, dass die Wiedergutmachungstour der DFB-Elf hier am Scheideweg steht: "Es wäre eine Enttäuschung, wenn wir es gegen die USA nicht schaffen."
Die voraussichtliche Aufstellung der deutschen Mannschaft:
Kahn - Linke, Ramelow, Metzelder - Frings, Schneider, Hamann, Ballack, Bode - Neuville, Klose