Nationalmannschaft Bitten für Bierhoff
Athen - Griechenland ist ein schönes Land. Und so präsentiert es sich auch am Morgen nach dem hiesigen Nationalfeiertag, der der 1821 erlangten Unabhängigkeit von jahrhundertlanger türkischen Herrschaft gedenkt. "Ihr habt Glück mit dem Wetter", sagt ein älterer Herr bei 25 Grad und Sonnenschein. Lächelnd behauptet der Grauhaarige, er habe vor 35 Jahren als Linksaußen für Rot-Weiß Essen in der Regionalliga vor den Ball getreten. Heute ist er von Beruf her Busfahrer, schüttelt mit dem Kopf, und weil es ihm nicht einfallen will, muss er nachfragen: "Wie heißt euer Trainer noch mal?"
Statt sich nicht einmal 48 Stunden nach dem glücklichen 2:1-Sieg gegen Albanien im regnerisch-kalten Leverkusen über den Wechsel ins warme Athen freuen zu können und die Vorbereitung auf das WM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland (Mittwoch, ab 20.30 Uhr im Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) anzugehen, hatte Rudi Völler am Montag in Athen erst einmal Aufräumarbeiten zu leisten. Auch wenn dem Teamchef der Unwillen, über Oliver Bierhoff sprechen zu müssen, deutlich anzusehen war, es half nichts.
Trennung von Sportlichem und Persönlichem
Bereits nach der Auswechslung seines Kapitäns gegen Albanien, von vielen als Entmachtung und Ende der Nationalmannschaftskarriere des 32-Jährigen gewertet, hatte Völler sich in seiner Bewertung des Problemfalls bemüht, eine deutliche Trennlinie zu ziehen. Sportlich drängt sich Bierhoff seit geraumer Zeit weder bei seinem Verein AC Mailand noch in der Nationalmannschaft zwanghaft auf. Das persönliche Schicksal des formschwachen Stürmers aber beschäftigt Völler sichtlich. Vielleicht auch, weil der Teamchef aus seiner aktiven Karriere weiß, wie es ist, wenn einem Angreifer der Torerfolg dauerhaft versagt bleibt.
Deshalb hat Völler am Sonntagabend ein langes Gespräch mit seinem Mannschaftskapitän gesucht, das dem Vernehmen nach sehr offen geführt wurde. Über die psychische Verfassung Bierhoffs ließ der Teamchef indes nur Banales nach außen dringen ("Er ist enttäuscht über sich selbst"). Offenbar aber haben die in Teilen der Presse angestrengten Mutmaßungen über den Absturz eines Fußballidols und die neuerliche Attacke von Franz Beckenbauer ("Tore muss er halt mal wieder schießen") Oliver Bierhoff schwer zugesetzt. Am Montag jedenfalls baten sowohl Völler als auch DFB-Mediendirektor Wolfgang Niersbach die Medien um Fairness im Umgang mit dem Stürmer. Von Seiten der Mannschaft gab Michael Ballack Solidaritätsadressen ab. Bierhoff, so der Mittelfeldspieler, habe "die volle Unterstützung der Mannschaft".
Jancker und Kahn für Bierhoff
Dass dies allerdings nicht dazu führen wird, dass der Kapitän am Mittwoch im ausverkauften Olympiastadion von Athen von Beginn an spielt, verriet Völler nebenbei. Unabhängig von dem Mittwochsspiel werde Bierhoff auch künftig eine wichtige Rolle spielen, doch "wie die aussieht, wird man dann sehen." Auf die daraus erwachsende Spekulation, dass der Stürmer sein Kapitänsamt in jedem Fall verlieren werde, reagierte Völler mit Kopfschütteln. Er sehe das Ganze nicht so dramatisch: "Für den Olli ist es doch viel wichtiger, dass er wieder trifft." Und schließlich komme nach dem Spiel gegen die Griechen eine zweimonatige Pause.
Genügend Zeit also, um einen möglichen Nachfolger als Mannschaftsführer und für den Sturm auszuwählen. Am Mittwoch wird erst einmal Oliver Kahn die Armbinde tragen. Auch ist anzunehmen, dass der noch mit kleineren Malaisen behaftete Münchner Carsten Jancker die zwangsgeräumte Position im deutschen Angriff übernehmen wird. Im Fall Bierhoff, soviel wurde am Montag in Athen deutlich, setzt Rudi Völler auf die Karte Zeit. So oder so.