Nationalmannschaft Casting im Jogi-Camp
Man hätte es ahnen können. Nichts scheint mehr sicher zu sein bei diesem Bundestrainer, seit er am vergangenen Freitag auf der Zugspitze einen vorläufigen EM-Kader benannte, den man mutig oder exotisch nennen kann, auf jeden Fall aber überraschend. Tausend Kilometer entfernt und fünf Tage später ist klar, dass die Überraschung zum neuen Leitprinzip erhoben wurde.
Der Presseraum im Stadion des RCD Mallorca ist zu klein für die knapp 200 Journalisten darin, wenigstens ist er klimatisiert. Joachim Löw wird zur Nummer eins im deutschen Tor befragt, eine Frage, die längst beantwortet schien. Aber Löw, im weißen, engen Hemd und sichtlich entspannt, sieht das offenbar anders. Man könne davon ausgehen, dass Jens Lehmann spielen werde, sagte der Bundestrainer, er habe einen kleinen Vorsprung, aber nach einem Bekenntnis klang das genauso wenig wie der nachgeschobene Satz, dass man den 38-Jährigen "erstmal beobachten" werde.
Erstmal. Erstmal klingt vorläufig, es klingt abwartend, unsicher. Verantwortlich dafür ist Lehmanns fehlende Spielpraxis beim FC Arsenal, die bisher nur in Nebensätzen erwähnt und nie expressis verbis als Nachteil gewertet wurde. Doch die Dinge ändern sich und lassen zumindest die Interpretation zu, dass René Adler ("Er hat eine gute Ausstrahlung, er ist eine Persönlichkeit", so Löw), 23, eine kleine Chance hat, im ersten Gruppenspiel gegen Polen die Nummer eins zu sein. Allein, dass Lehmann kämpfen muss, ist schon eine Überraschung.
Auf dem Platz stehen werden die beiden - wie auch die anderen 24 Spieler - erst am Freitag. Vorher gibt es Fitnessübungen, eine nachmittägliche Basketballeinheit mit Ex-Nationalspieler Denis Wucherer - und Entspannung mit den Familien. Für die Wackelkandidaten in Löws Kader gibt es bis Freitag somit lediglich die Möglichkeit, durch vorbildliche Integration im Team zu überzeugen.
Lediglich vier Tage Training mit dem Ball, dann das Testspiel am Dienstag gegen Weißrussland (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) - das ist nicht viel Zeit für Marko Marin, David Odonkor, Piotr Trochowski, Jermaine Jones oder Patrick Helmes, sich einen der wenigen noch freien Plätze für die Euro zu sichern.
Dass alle 26 die gleichen Chancen haben, wäre utopisch. Löw hat das auf der Zugspitze bereits deutlich gesagt. Ein Großteil habe die EM-Teilnahme sicher, "wenn sie eine halbwegs ordentliche Vorbereitung absolvieren". Wer die anderen sind, dafür war die Reihenfolge der Namensnennung in 3000 Metern Höhe ein Indiz. Wie eine gute Meldung war die Präsentation aufgebaut - mit dem weniger Wichtigen am Schluss, um es bei Bedarf wegkürzen zu können.
Man kann sich die Situation im vorläufigen Kader auch wie auf einem Ast vorstellen. Direkt am Baumstamm sitzen die Arrivierten wie Michael Ballack, Torsten Frings, Miroslav Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm. Im sicheren Mittelteil haben Bastian Schweinsteiger, Thomas Hitzlsperger, Mario Gomez, Kevin Kuranyi und Marcell Jansen Platz genommen. Dann wird der Ast immer dünner, und je dünner er wird, desto wahrscheinlicher wird er brechen. Die Frage ist nun, wer ganz außen sitzt und am 28. Mai, dem Ende der Uefa-Nominierungsfrist, herunterfällt.
Abwehr
In der Verteidigung sind keine Abreisekandidaten absehbar. Per Mertesacker ist in der Zentrale gesetzt, ebenso Lahm rechts und Jansen links. Eine offene Position ist noch die des Mannes neben Mertesacker, der bislang naturgemäß Christoph Metzelder hieß. Doch der Innenverteidiger von Real Madrid war monatelang verletzt und kam erst kurz vor Saisonende wieder beim spanischen Meister zum Einsatz.
Metzelder, der am Mittwoch im Mannschaftshotel in Palma eintraf, müsse "Extratrainingseinheiten einlegen, mehr machen als die anderen", sagt Löw. Doch der 27-Jährige wird spielen, selbst wenn er bis Turnierstart noch nicht vollständig fit sein sollte. Der Schalker Heiko Westermann gilt als erste Alternative.
Mittelfeld
2006 war David Odonkor die Sensation, und heute wird gern vergessen, dass die Idee, den schnellen Außenstürmer für die WM zu nominieren, nicht vom damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann kam, sondern von Löw. Doch auch wenn Odonkor wieder im vorläufigen Kader steht, ist ihm in der Gunst des Coaches Konkurrenz erwachsen, die sehr wahrscheinlich zu groß sein wird für Odonkor - auch wenn sie jünger und sogar noch zwei Zentimeter kleiner ist als der 1,72 Meter große Profi von Betis Sevilla.
"Der Kleine hat Selbstbewusstsein und diese Frechheit in den Eins-gegen-eins-Situationen", sagt Löw über Marko Marin. Er ist jetzt nur noch der "Kleine", weil der Bundestrainer den Gladbacher zuletzt auch "Markus" genannt hat. Löw schwärmte schon auf der Zugspitze so sehr von seiner 19-jährigen Überraschung im Mittelfeld, dass Marin ganz sicher rot werden musste, sollte er die Kaderpräsentation im Fernsehen verfolgt haben. "Dieses Beherzte, dieses Mutige ist genau das, was wir in der Nationalmannschaft brauchen", sagte Löw in Palma.
Marins Rücksichtslosigkeit in den Eins-gegen-eins-Duellen ist so besonders, dass sie im Bewerbungsverfahren um einen EM-Platz die überragende Schnelligkeit Odonkors klar schlägt. Dazu passt die Anekdote, die Löw von seinem Besuch im Gladbacher Stadion erzählt. Eigentlich sei er vor allem wegen Oliver Neuville gekommen, dann sah er Marin, "und nach zehn Minuten wusste ich, der ist es". Schickt man so einen nach Hause, zumal, wenn er erst 19 Jahre alt ist? Nein. Abreisen wird Odonkor.
Begleiten wird den schnellen Mann wohl Piotr Trochowski. Der HSV-Profi hat durchaus oft überzeugt, wenn er in der DFB-Elf zum Einsatz kam. Aber für ihn ist auf den Außenbahnen schlicht kein Platz. Die Konkurrenz hat klare Vorteile. Ob auf rechts, wo Clemens Fritz als erster Ersatz für den verletzten Bernd Schneider gilt und Tim Borowski sowie Marin lauern, oder auf links, wo sowohl Bastian Schweinsteiger, als auch Borowski, Thomas Hitzlsperger und Lukas Podolski spielen können.
In der defensiven Zentrale wird es wohl niemanden erwischen, auch wenn die Frings-Position mit Hitzlsperger, Simon Rolfes und Jermaine Jones sogar vierfach besetzt ist. Hitzlsperger kann auch auf links ausweichen oder Ballack im Falle einer Verletzung ersetzen. Jones kämpft gegen Rolfes um die Rolle, wer den Frings-Ersatz ersetzen könnte. Und der Schalker hat gute Chancen. Er ist der Edgar Davids Deutschlands, ein technisch ordentlicher Zerstörer, der auf dem Platz immer so wirkt, als kämpfe er sich dort so durch wie früher am Frankfurter Ben-Gurion-Ring. Davon hat die DFB-Elf nicht viele.
Angriff
Das Duell um die zwei Plätze im Angriff ist noch offen. Miroslav Klose habe noch "viel aufzuholen" nach seiner Verletzung, sagt Löw. Aber der Bayern-Stürmer wird gegen Polen spielen, so viel steht fest. Neben ihm hat Mario Gomez die besten Chancen, mit 19 Toren ist er bester deutscher Angreifer der Bundesligasaison. Dass Kevin Kuranyi oder Lukas Podolski aber abreisen müssen, ist selbst dem Überraschungsfetischisten Löw nicht zuzutrauen.
Das Duell spielt sich dahinter ab, und es ist eigentlich schon entschieden. Patrick Helmes hat zwar 17 Tore in der abgelaufenen Zweitligasaison erzielt, ist mit dem 1. FC Köln in die Bundesliga aufgestiegen und wechselt nach Leverkusen. In vier Länderspielen hat er jedoch noch nicht getroffen. Sein Konkurrent Oliver Neuville hat die Erfahrung von zwei Weltmeisterschaften, wichtigen Treffern, Michael Ballack als Fürsprecher - und seinen Stil. Helmes ist Gomez, Klose und Kuranyi zu ähnlich, Neuville könnte notfalls sogar im Mittelfeld auflaufen.
Für alle, die nach Hause müssen, gibt es aber immer noch Hoffnung. Bundestrainer Löw kann im Falle von Verletzungen Spieler nachnominieren. Dass diese aus dem erweiterten Kreis stammen werden, scheint sicher. Zumindest vorerst.