Nationalmannschaft Stahlbad statt Größenwahn
Huizen - Nach einer durchwachsenen, mühevollen Qualifikation für die EM-Endrunde geht es für Titelverteidiger Deutschland bei dem Tauglichkeitstest gegen das "Oranje"-Team vor allem darum, verlorenes Vertrauen der Anhänger in Zeiten anhaltender Fan-Proteste gegen verwöhnte Fußballer zurückzugewinnen.
"Ich sehe nicht, dass wir sagen können, wir sind der EM-Topfavorit, nur weil wir vor vier Jahren Europameister wurden", sagte Ribbeck in Huizen, wo sich die Mannschaft auf das Duell gegen den Ex-Europameister vorbereitet. Der 62-Jährige hofft, dass nach den katastrophalen Testspiel-Ergebnissen im Vorjahr mit den Debakeln in Florida und beim Confederation Cup in Mexiko diesmal eine positive Serie von Vorbereitungsspielen beginnt. "Wenn wir in Holland unentschieden spielen und ein ansehnliches Spiel liefern, dann kann man zufrieden sein. Ich bin nicht so größenwahnsinnig zu sagen, dass wir den Gegner vom Platz fegen", meinte Ribbeck, dessen schwärzeste Stunde nach der Übernahme des Teamchef-Jobs jene erste Halbzeit beim 1:1 gegen die Niederlande am 18. November 1998 in Gelsenkirchen war.
Seine Elf wurde vor eineinhalb Jahren von den Topstars aus dem Nachbarland derart vorgeführt, dass danach eine monatelange Debatte um die mangelhaften technischen Fertigkeiten der deutschen Spieler entbrannte. Zuletzt, beim jüngsten Testspiel am 14. November 1999 in Oslo gegen Norwegen (1:0), verhinderte nur das Freistoß-Tor von Mehmet Scholl in letzter Minute, dass die Debatte um den wahren Zustand der deutschen Mannschaft nicht neu aufgegriffen wurde. Ribbeck weiß, dass die Gastgeber trotz einer Serie von elf sieglosen Spielen sein Team durchaus erneut deklassieren können: "Die Niederländer waren bei der WM 1998 erfolgreicher als wir und sind unglücklich gegen Brasilien im Halbfinale ausgeschieden. Sie haben noch fast die gleiche Mannschaft."
Dennoch sind für den Vogts-Nachfolger die Niederländer der Wunschgegner. "Mir ist klar, dass die Bilanz für uns vor der EM dadurch nicht so gut werden könnte", meinte Ribbeck. "Aber es bringt doch nichts, gegen schwächere Gegner Siege zu erzielen, die sich im EM-Turnier als Täuschung herausstellen", begründete er das selbst gewählte "Stahlbad", das sich im März mit dem Test beim WM-Dritten Kroatien fortsetzt. Personell hat der Coach derzeit klare Vorstellungen. Jene zehn Spieler, die er bereits am Montag für die Anfangsformation benannte, sollen nach seinen Vorstellungen auch den EM-Stamm bilden.
Dies sind die Münchner Kahn, Matthäus, Jeremies, Linke und Scholl, die Legionäre Hamann (Liverpool), Ziege (Middlesborough) und Bierhoff (Mailand) sowie die Leverkusener Neuville und Nowotny. Den elften Platz gab der Teamchef am Tag vor dem Anstoß noch nicht bekannt, doch ist damit zu rechnen, dass im rechten Mittelfeld entweder der Münchner Babbel oder der Leverkusener Ballack agieren werden. Von möglichen Stammspielern fehlen in Amsterdam der Bremer Bode und Dortmunds Wörns wegen Verletzungen.
Dass Ribbeck allerdings bereit ist, seine personellen Pläne zu korrigieren und neuen Kräfte eine Chance zu geben, unterstrich er am Dienstag. "Es hat zu allen Zeiten Spieler gegeben, die plötzlich in die Mannschaft gekommen sind. Rainer Bonhof hat 1974 auch keiner gekannt, und dann war er Weltmeister", rechtfertigte er die Berufung des Wolfsburgers Zoltan Sebescen nach nur acht Bundesliga-Einsätzen. Ob er dem 24-Jährigen eine Chance gibt, ließ Ribbeck offen. Fest steht aber, dass der 20 Jahre alte Berliner Sebastian Deisler gegen die Niederländer als Einwechselspieler sein Debüt geben wird. "Er bringt das Talent mit. Jetzt muss man sehen, wie er es auf internationaler Ebene umsetzt", meinte Ribbeck.
Bei der Pressekonferenz am Dienstagmittag lobte Ribbeck vor allen seinen Abwehrchef Lothar Matthäus als "Ausnahmefußballer mit großer Leistungsfähigkeit im höheren Alter". Der Bayern-Libero erhielt vor seinem Weltrekord vom DFB ein Trikot, das statt der Nummer zehn mit der Länderspiel-Zahl 144 versehen war. "Das ist mir eigentlich unangenehm, dass sich bei einem so wichtigen Länderspiel zweier guter Mannschaften mit großer Rivalität alles nur um meinen Weltrekord dreht. Das irritiert mich ein bisschen", meinte der 39-Jährige. Neuling Deisler war beeindruckt vom Bundesliga-Methusalem an seiner Seite: "Es ist ein Wahnsinn. In dem Jahr, als er sein erstes Länderspiel gemacht hat, wurde ich geboren. Und jetzt spiele ich vielleicht mit ihm in einer Mannschaft."