Nationalmannschaft Vom Pleitequartier Richtung Titel
Frankfurt a.M. - "Warum sollen wir mit dem Zweitbesten zufrieden sein, wenn das Beste möglich ist? Jede Nation will ins Finale und alle Spiele gewinnen", sagte Löw am Montag vor dem Abflug der deutschen Nationalmannschaft in Frankfurt am Main.
Für das ehrgeizige Vorhaben hat sich die DFB-Auswahl allerdings ein Quartier ausgesucht, das schlechte Erinnerungen weckt: Vor acht Jahren hatte sich die deutsche Elf unter Teamchef Erich Ribbeck schon einmal auf Mallorca fit gemacht für eine Europameisterschaft - und schied beim Turnier in Belgien und den Niederlanden mit nur einem geschossenen Tor bereits in der Vorrunde aus.
Nun logiert Jochim Löw mit seinem aktuellen Kader ebenso wie Ribbeck damals im Golfhotel "Son Vida". Auch die Trainingsstätte ist mit dem Stadion von Real Mallorca dieselbe. Doch Gedanken um ein mögliches böses Omen macht sich der Bundestrainer nicht: "Wir sind nicht abergläubisch. Wir haben hier die besten Bedingungen."
Löw sorgt sich eher wegen anderer Risiken: "Wir hoffen auf eine gute Vorbereitung ohne Verletzte, damit wir gleich gut in das Turnier starten können." Während das Trainerteam um Löw trotz solcher Sorgen heute vor dem Abflug Gelassenheit ausstrahlte, war den Nationalspielern die Anspannung anzumerken. "Es fahren noch drei Spieler nach Hause. Deshalb wird jeder Spieler kämpfen und richtig Gas geben. Es erhöht die Spannung im Team, vor einem Turnier so einen Konkurrenzkampf zu haben", sagte der Schalker Mittelfeldspieler Jermaine Jones, der zu den möglichen Streichkandidaten zählt.
26 Spieler fahren mit nach Mallorca, der endgültige EM-Kader von 23 Akteuren muss der Uefa am 28. Mai gemeldet werden. Löw will jeden übertriebenen Ehrgeiz beim Ausscheidungskampf um die Plätze unterbinden: "Wir wollen den Konkurrenzkampf fördern. Jeder soll sich ins Zeug legen. Aber wir werden schon dafür sorgen, dass kein Spieler überzieht, da können Sie sicher sein."
Zunächst sollen die 24 Spieler in den ersten drei Tagen aber abschalten. In drei verschiedenen Gruppen, abhängig von der Belastung der vergangenen Wochen, wird zweimal täglich locker trainiert. Ab Freitag geht es dann vor allem für Spieler wie Jones, Piotr Trochwoski, David Odonkor und Patrick Helmes um alles oder nichts. "Wer nach Hause fährt, das hat nichts mit fehlender Qualität zu tun, es ist einfach nur eine Momentaufnahme", beschwichtigte Löw.
Kapitän Michael Ballack, der am kommenden Mittwoch in Moskau mit dem FC Chelsea das Finale in der Champions League gegen Manchester United (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bestreitet, und Christoph Metzelder, der mit Spaniens Meister Real Madrid am Dienstag in Saudi-Arabien im Einsatz ist, werden erst verspätet auf Mallorca eintreffen. Während Metzelder spätestens am Freitag zur Mannschaft stoßen soll, muss der Bundestrainer wohl länger als geplant auf Ballack verzichten. "Ich kann noch nicht sicher sagen, ob er Freitag kommt. Es könnte sein, dass er mit Chelsea einen weiteren Regenerationstag einlegt. Es wäre uns lieber gewesen, wenn wir schon jetzt eine Entscheidung gehabt hätten", sagte Löw.
Der DFB-Tross startete heute mit insgesamt 24 Spielern, 17 Spielerfrauen und acht Kindern gen Mallorca. Die Familienangehörigen bleiben allerdings nur bis zum Freitag. Auf seine Freundin verzichten musste unter anderem Neuling Marko Marin. "Sie geht noch zur Schule, deshalb kann sie leider nicht mitkommen", sagte der 19 Jahre alte Mönchengladbacher.
all/gil/sid/dpa