Nationalmannschaft Wo stehen wir?
Reinbek - Statt sich zwei Tage vor dem Spiel mit seiner Mannschaft in intensiven Videostudien um WM-Qualifikationsgegner Griechenland zu kümmern, ging Teamchef Rudi Völler am Donnerstag mit seinen Jungs ins Restaurant, in ein italienisches natürlich, fürs Fernsehgucken bleibt ja auch am Freitag noch Zeit. Neben der Tatsache, dass man "gewisse Dinge über den Gegner wissen" muss, begründete Völler diese für Nationalmannschaftsverhältnisse ungewöhnlich lässige Maßnahme lakonisch: "Die Mannschaft zieht toll mit. Es ist absolut in Ordnung, welche Spielfreude sie zeigt." Fast vergisst man da, dass sich das Team so konzentriert und lange wie selten nicht mehr auf ein Pflichtspiel vorbereitet hat.
Fünf Tage wird das Zusammensein in Reinbek am Ende gedauert haben, und man muss sich die Wichtigkeit der Situation immer wieder aufs Neue vor Augen führen, denn in den ganz entspannten Momenten scheint es so, als habe es Erich Ribbeck, Lothar Matthäus, den gescheiterten Putschversuch und das Aus bei der EM vor zwei Monaten nie gegeben. So warnt Völler auch noch einmal eindringlich, den 4:1-Sieg über eine in allen Belangen weit von der Bestform entfernten spanischen Nationalmannschaft beim Test in Hannover zu überhöhen: "Für das Spanien-Spiel können wir uns nichts mehr kaufen. Das wissen auch die Spieler." Aber es gibt auch Dinge, die die Spieler nicht wissen. "Keiner kann im Moment irgendwie sagen, wo wir stehen", sagt Stürmer Carsten Jancker, "das wissen wir erst am Samstag."
Neben der unbekannten Größe Leistungsfähigkeit jedoch ist die Anfangsformation gegen Griechenland (Anpfiff Samstag 19 Uhr) eine wohl ziemlich eindeutige Sache. "Man muss kein Experte sein, um zu sagen, dass die gegen Spanien siegreiche Mannschaft zum großen Teil wieder auflaufen wird", sagte Völler, hielt aber eisern an der von seinem Vorgänger Erich Ribbeck geprägten Weigerung fest, die Aufstellung nicht erst am Spieltag zu offenbaren. "Warum sollte ich schon irgendwelche Namen nennen und den Griechen damit Vorteile geben? Die sollen sich ihre Gedanken machen."
Fest steht jedenfalls, dass alle Spieler das Vormittagstraining am Donnerstag mitmachen konnten. Auch die leicht angeschlagenen Berliner Stefan Beinlich und Marko Rehmer waren wieder mit dabei. Zwar zog sich Leverkusens Carsten Ramelow eine Wirbelblockierung zu, was einem Einsatz im defensiven Mittelfeld an der Seite von Vereinskollege Michael Ballack nach Auskunft der medizinischen Abteilung zumindest durchaus zuließe.
Ein Blick in die Historie verspricht, dass Ramelow damit einem wahrscheinlich erfolgreichen Unternehmen angehören wird. Der letzte griechische Sieg liegt 30 Jahre zurück, und von den bisherigen 55 WM-Qualifikationsspielen hat eine deutsche Nationalmannschaft nur ein einziges verloren: 0:1 gegen Portugal am 16.Oktober 1985 in Stuttgart - sind dann auch schon wieder 15 Jahre her. Völlers Motto indes ("Es gibt immer Serien, die man beenden muss, und das werden wir am Samstag tun") bezog sich auf den dieser Tage vielzitierten "Fluch von Hamburg", die 74er-Niederlage gegen die DDR und das EM-Aus 1988 gegen Holland im Volksparkstadion. Doch statt schlechten Erinnerungen Raum zu bieten, gibt "Task Force"-Vorsteher Karlheinz Rummenigge die Remix-Version eines alten Fußballklassikers zum Besten: "Du musst gewinnen - und fertig." Mittelfeldspieler Mehmet Scholl hat das bereits inhaliert: "Ich bin vom Erfolg überzeugt."
Voraussichtliche Aufstellung:
Kahn - Rehmer, Nowotny, Heinrich - Deisler, Ramelow, Ballack, Bode - Scholl, Jancker, Zickler.