Nationalspieler Fritz Der Anti-Knipser
Das Fußballerleben von Clemens Fritz war ein einziger Rückwärtsgang, und manchmal muss sich der Bremer dabei vorgekommen sein wie ein Waggon auf dem Verschiebebahnhof. Als Stürmer begann er in Erfurt und Karlsruhe, in Leverkusen spielte Fritz im Mittelfeld, bevor ihn der damalige Trainer Klaus Augenthaler zum rechten Verteidiger umschulte. Erst bei Werder setzte sich Fritz auf dieser Position aber richtig durch. Doch weil im Fußball wie in Fußballerkarrieren nur das Ergebnis zählt, wurde der Rückschritt auf dem Spielfeld für Fritz zum Erfolgsrezept - und führte ihn in die Nationalmannschaft.
"Ich habe zwar früher im Sturm gespielt, war aber nie so der Knipser, eher der Vorbereiter. Das Spiel aus der Tiefe liegt mir mehr", sagt Fritz. Er hat damit eine ähnliche Karriere gemacht wie Torsten Frings, der ebenfalls als Anti-Knipser begann und den man sich mittlerweile nirgendwo anders vorstellen kann als in der Defensivzentrale. Wie Frings ist auch Fritz zu einem Spieler geworden, der mit Vorliebe die Angriffsbemühungen des Gegners unterbindet. "Ich bin sehr auf die Defensive bedacht, auch wenn ich im Mittelfeld spiele", sagt er.
Vor dem deutschen EM-Auftakt gegen Polen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gilt Fritz als Option im rechten Mittelfeld, "für die defensive Variante", wie Bundestrainer Joachim Löw sagt. Es wäre die Sicherheitsausgabe der deutschen Mannschaft, zumindest auf dieser rechten Seite, auf der bis zu seiner Verletzung der Ballästhet Bernd Schneider konkurrenzlos agierte. Fritz warnt jedoch davor, ihn als Ersatz für Schneider zu sehen. "Bernd Schneider und mich kann man nicht vergleichen. Ihn spielt man in den Fuß an, ich gehe eher die langen Wege."
Fritz ist kein großer Star bei Werder Bremen, neben Frings oder Diego wirkt er fast unauffällig. Aber auf dem Platz bringt der 27-Jährige ein sehr gutes taktisches Verständnis mit, er kann sich dank seiner Stürmervergangenheit auch in Eins-gegen-eins-Situationen durchsetzen und Tore schießen. In Leverkusen rollt mancher noch heute verzweifelt mit den Augen bei dem Gedanken, dass man Fritz 2006 einfach nach Bremen ziehen ließ: den Mann, der von allem etwas kann und dessen herausragende Eigenschaft die Verlässlichkeit ist.
Auch im Test gegen die Serben (2:1), der letzten Bewährungsprobe vor der EM, machte Fritz keine Fehler nach hinten - allerdings auch in der Vorwärtsbewegung nicht viel richtig. Die Partie, das seinen Status als erste Option auf der rechten Mittelfeldseite zementieren sollte, ließ Zweifel aufkommen. "Mit dem Spiel gegen Serbien war ich nicht sehr zufrieden", räumt Fritz ein. Die Frage vor der Polen-Partie wird nun sein, wie schwer der Bundestrainer die Absicherung auf dieser Seite gewichtet. Fritz könnte Jacek Krzynowek ausschalten, Bastian Schweinsteiger den polnischen Linksaußen in der Defensive binden.
Reaktion oder Aktion - im Zweifel würde sich Löw wohl für die konservative Variante entscheiden, also Fritz. Zumal auch Kapitän Michael Ballack kurz vor Turnierstart, wie schon vor der WM 2006, die Rolle des Mahners übernommen hat und darauf hinweist, wie wichtig die Absicherung für das deutsche Spiel sei. Doch es zeichnet sich plötzlich eine überraschende Variante ab, die Ballacks Forderung gerecht wird und trotzdem gegen Fritz spricht: Der defensivstarke Thomas Hitzlsperger könnte auf der linken Mittelfeldseite beginnen und Bastian Schweinsteiger, dem Löw zuletzt Fortschritte bescheinigte, auf rechts rücken.
Fritz bliebe die Rolle des Einwechselspielers. Er wäre dann die erste Option bei einer deutschen Führung gegen Polen. Der Mann, der dafür sorgt, dass nichts mehr anbrennt. Ein Rückschritt zwar für einen Spieler, der sich Hoffnung auf einen Stammplatz macht. Aber vielleicht ein Erfolgsrezept für diese EM.
Deutschland - Polen So. 20.45 Uhr in Klagenfurt
(voraussichtliche Aufstellungen)
Deutschland: Lehmann (FC Arsenal) - Lahm (Bayern München), Mertesacker (Werder Bremen), Metzelder (Real Madrid), Jansen (Bayern München) - Schweinsteiger (Bayern München), Frings (Werder Bremen), Ballack (FC Chelsea), Podolski (Bayern München) - Klose (Bayern München), Gomez (VfB Stuttgart
Polen: Boruc (Celtic Glasgow) - Wasilewski (Anderlecht), Bak (Austria Wien), Jop (FK Moskau), Wawrzyniak (Legia Warschau) - Dudka (Wisla Krakau), Lewandowski (Schachtjor Donezk) - Lobodzinski (Wisla Krakau), Smolarek (Racing Santander), Krzynowek (VfL Wolfsburg) - Zurawski (AE Larisa)
Schiedsrichter: Övrebö (Norwegen)