Neues aus Vaals: Der pubertäre Stellungskrieg - DER SPIEGEL
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Neues aus Vaals Der pubertäre Stellungskrieg

Bei der DFB-Pressekonferenz am Sonntagmittag im EM-Mannschaftsquartier von Vaals standen wieder einmal Geheimhaltung (Teamchef Erich Ribbeck) und investigativer Journalismus (deutsche Reporter) im Zentrum des Geschehens.
Von Thomas Lötz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vaals - Ein bisschen ist es in diesen Tagen im Zeltcontainer von Vaals wie in der Schule. Eigentlich müssen sich alle Beteiligten vorkommen wie in diesem alten pubertären Stellungskrieg zwischen Lehrer und Schüler, Schüler und Lehrer. Wobei, es kommt auf die Perspektive an. Sitzt man unten vor dem Podium, stellt sich das so dar: Man schaut Übungsleiter Erich Ribbeck beim Versuch zu, seinen oftmals inhaltsleeren Ansprachen Sinnhaftigkeit zu verleihen, und freut sich fast schon mit dem 62-Jährigen, wenn er Handfestes zu vermelden hat.

Am frühen Sonntagnachmittag war es wieder einmal so weit. Stürmer Ulf Kirsten hatte sich beim vormittäglichen Geheimtraining im Stade de Sclessin von Lüttich, dem Spielort am Montag, beim einem Zweikampf verletzt. Ein Nerv habe sich aufgrund einer Wirbelverschiebung im Lendenbereich eingeklemmt, las Ribbeck aus dem Bulletin der ärztlichen Abteilung vor. Blöderweise hatten sich die Zwangs-Verlautbarungen des Teamchefs damit schon erledigt, aber er selbst war es, der dann die nächste Runde einläutete. Wenn die Ärzte den Leverkusener Stürmer rechtzeitig wieder hinbekämen, dann "würde einem Einsatz nichts mehr im Wege stehen." Damit war das derzeitige Lieblingsthema in Vaals wiedergefunden: die Startaufstellung gegen Rumänien.

"Das ist ja fast wie Weihnachten!" entfuhr es Ribbeck etwa zur Halbzeit des täglichen Tete-a-tetes mit der versammelten Medienschar. Da hatte er sich dann also doch noch breitschlagen lassen, die Nominierung von Thomas Häßler für das deutsche Auftaktspiel am Montag preiszugeben; es wird das insgesamt hundertste des kleinen Mittelfeldspielers im Nationaldress sein. Auf die Nachfrage, ob er denn gegen Rumänien gedenke, mit zwei offensiven Mittelfeldspielern anzutreten und ob es sich bei dem zweiten Mann neben Häßler eventuell gar um den Münchener Mehmet Scholl handeln könne, blockte Ribbeck: "Ich will sonst nichts zu der Aufstellung sagen."

Nächste Frage: "Wissen denn wenigstens die Spieler, ob sie zum Einsatz kommen?" Antwort Ribbeck: "Ich gehe davon aus, dass die Spieler schon längere Zeit wissen, wer spielt oder nicht wer nicht spielt." Dann drohte der Teamchef kurzzeitig seine ansonsten makellose Fasson zu verlieren. Es sein kein Zeichen von Unsicherheit, so dozierte er mit Strenge im Blick, "wenn man als Trainer nicht immer sagt, was man vor hat." Keine zwei Japser später nahm der Gesichtsausdruck Ribbecks dann jedoch wieder dieses sattsam bekannte "Sir Erich"-Blinzeln an, und nach dem "Musste mal gesagt werden"-Einschub ging man wieder freundlich miteinander um.

Zum Ende der nicht einmal halbstündigen Veranstaltung hatte der 62-jährige noch Erstaunliches zum Leistungsvermögen seiner Defensivkräfte zu erzählen. "Ich denke, dass wir keine Schwächen in der Abwehr haben. Im Gegenteil: Wir haben mit die schnellsten Abwehrspieler aller Mannschaften." Selbst wenn Erich Ribbeck mit alle Mannschaften nur die an der EM-Endrunde teilnehmenden gemeint haben sollte, sorgte diese überaus selbstbewusste Meinung für ein gehöriges Maß von Verblüffung unter den Anwesenden. Aber vielleicht sagt man in diesen eintönigen Tagen von Vaals auch manchmal Sachen, die man so gar gemeint hat.

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