Neues Bayern-Buch: Revolution bei den Roten - DER SPIEGEL
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Neues Bayern-Buch Revolution bei den Roten

Der FC Bayern steckt Ende der Siebziger in einer tiefen Krise. Präsident Wilhelm Neudecker will Coach Max Merkel als Retter holen. In einem neuen Bayern-Buch beschreibt Thomas Hüetlin, wie das Team den Trainerwechsel verhinderte und so den Vereinsboss stürzte.
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In der Kabine der Münchner war es nach 0:4-Demütigung am 10. März 1979 zuhause gegen Aufsteiger Arminia Bielefeld still wie in einem Schweizer Bankschließfach. Die Spieler zupften verlegen an ihren Schuhen und an ihren anderen Kleidungsstücken herum, als Präsident Neudecker die Tür aufriss. "Eine Schande ist das", brüllte der Patriarch, dem die Worte ebenso wie die Mittel zur Bestrafung allmählich auszugehen drohten. "Null zu vier daheim gegen einen Aufsteiger wie Bielefeld zu verlieren. Ich schäme mich vor den Leuten für euch." Keine Reaktion. Nur Stille. Und später die dürftige Erklärung, einige Spieler hätten in der Nacht zuvor im "Seehotel Leoni" am Starnberger See unruhig geschlafen, weil die Zimmer alle auf den See hinausgingen, über den ein schwerer Sturm gezogen sei.

Außerdem habe man auf Breitner, den Antreiber, verzichten müssen, welcher mit einer Darmgrippe daheimgeblieben sei. 0:4, Sturm im Luxushotel, Darmgrippe. Nach der Wut breitete sich jetzt jenes Gefühl in Neudecker aus, welches stets kommt, wenn alle Sanktionen und alle Drohungen versagt haben: das der Schande. Diese Mannschaft brauchte keinen neuen Trainer, sie brauchte einen Dompteur, der Angst und Schrecken verbreitet. Einen Typen wie Max Merkel, in der gesamten Bundesliga nur "der Zuchtmeister" genannt. Merkel, der zynische Wiener, der die Spieler erst im Training zusammenstauchte, dann im Spiel runterputzte und sie jeweils am Sonntag und Montag danach in den Zeitungen an den Pranger stellte. Neudecker hatte Merkel im Kopf, aber er verriet dessen Namen noch nicht.

Stattdessen Kommentare und Ankündigungen, welche das Schlimmste befürchten ließen. Erst die öffentliche Demontage von Csernai. "Ich war ziemlich enttäuscht von Csernai", sagte Neudecker, "dass er kaum den Mund aufmachte. Bei einem solchen Spielstand haben früher Trainer wie Tschik Cajkovski, Branco Zebec, Udo Lattek, sogar der Dettmar Cramer die Leute zusammengestaucht, dass es nur so rauchte." Mit anderen Worten: Csernai war der schwächste Trainer, den er beim FC Bayern je auf der Bank gesehen hatte. Aber Neudecker gab dem 1955 aus Ungarn geflüchteten Musikliebhaber noch eine letzte Chance. Vielleicht zogen sich auch nur die Verhandlungen mit Merkel hin. Vielleicht wollte Neudecker Csernai auch nur noch ein wenig quälen. Jedenfalls stellte er ihm ein Ultimatum: In den nächsten zwei Auswärtsspielen, in Braunschweig und in Mönchengladbach, müsse die Mannschaft mindestens zwei Punkte holen. Andernfalls werde er, Neudecker, einen neuen Trainer engagieren.

Der Showdown lief. Einen Tag vor dem Spiel in Braunschweig feuerte Merkel die erste Salve. "Ich stehe Peitsche bei Fuß", sagte er und fügte lässig hinzu, dass der Vollzug des Trainerwechsels für ihn nichts weiter sei als ein Zwischenstopp auf seinem Weg in den Münchner Süden. "Ich komme ohnehin jeden Morgen am Trainingsgelände der Bayern vorbei und bräuchte nur an der Säbener Straße auszusteigen." Am nächsten Morgen, dem Tag des Spiels, wirkte Csernai wie einer, der das Urteil hinter sich hat. Bei der Mannschaftssitzung im Braunschweiger Hotel "Atrium" beschwor er ein böses Ende: "Ich kann meinen Kopf nicht mehr retten, dass weiß ich. Aber ihr müsst gewinnen. Ihr spielt für euer Image."

Aber die Mannschaft ließ ihn nicht fallen. Sie waren nicht unbedingt Fans des eitlen und stillen Ungarn, aber ihre Abscheu vor Merkel ließ ihn plötzlich als das geringere Übel erscheinen. Vor allem aber ging es um das Prinzip. Die Spieler wollten sich nicht länger von einem Patriarchen wie Neudecker herumschubsen lassen. Noch weniger wollten sie einen neuen Autokraten jeden Morgen beim Training begrüßen. Stürme in Luxushotels, Darmgrippe und andere Ausreden waren nun nicht mehr gefragt. Es ging um alles, und deshalb lief die Mannschaft in Braunschweig um 15.30 Uhr in Bestbesetzung auf, trotz der 38,7 Grad Fieber, die Sepp Maier plagten, trotz der Darmgrippe samt der zehn Pfund Gewichtsverlust, welche Paul Breitner schwächten, trotz der Bänderdehnung, die Karl-Heinz Rummenigge am Samstag zuvor gezwungen hatte, das Feld zu verlassen.

Sie kämpften um jeden Ball, und nach dem Schlusspfiff bejubelten sie das 0:0 wie einen Sieg. Da war er, der erste Punkt, den sie brauchten, um Merkel zu verhindern. "Normalerweise hätten wir pausiert", sagte Sepp Maier über sich und die zwei anderen Patienten. "Aber wir haben nur für Csernai gespielt. Ich hatte morgens noch über 39 Grad Fieber, aber das war mir wurscht. Auch mit 42 Grad wär ich im Tor gestanden. Der Paul wär lieber tot umgefallen, als den Platz zu verlassen."

Dann, bei der Zwischenlandung in Frankfurt, erfuhr die Mannschaft aus dem Fernsehen, dass Neudecker dennoch Merkel als neuen Cheftrainer verpflichtet hatte. Branko Oblak, der sensible Mittelfeldspieler, welcher Merkel bereits bei Schalke ein halbes Jahr hatte erdulden müssen, seufzte: "Um Gottes willen, nun sind sie bei Bayern ganz verrückt geworden. Da geh ich ja gleich nach Jugoslawien zurück." Kapitän Maier lief über den Flughafen und sammelte die Mannschaft ein. Es fehlten bloß Schwarzenbeck, der spazieren ging, und das Kleeblatt Klaus Augenthaler, Peter Gruber und Willi Reisinger, die es vorzogen, sich vor einem Münzfernseher die Ausscheidung für den Schlager-Grand-Prix in Jerusalem anzusehen. Die Übrigen stimmten für Csernai, gegen Neudecker und Merkel.

"Ein Gewerkschaftsboss, ja sogar ein Anarchist"

Maier ging hinüber zum Tisch des mitgereisten Geschäftsführers Walter Fembeck und sagte: "Herr Fembeck, des geht ned. Sagns am Präse an scheena Gruaß, wenn der Merkel am Montag do is, dann kommt die Mannschaft nicht ins Training, weil wir haben noch das Spiel in Gladbach. Weil wir haben ausgemacht, dass wir aus den zwei Spielen zwei Punkte holen, und einen haben wir schon. Und des war ausgemacht, dass da koa neuer Trainer kommt." Fembeck ging zum Telefon, rief Neudecker an. Der sagte, die Mannschaft solle jetzt einsteigen und Maier solle sich später bei ihm melden, nachts, sobald er daheim sei.

Auf dem Lufthansaflug 969, an Bord der "Osnabrück", zwischen Frankfurt und München bestellte sich Maier ein Bier, dann nahm er eine Prise Schnupftabak und sagte: "Wenn unser Präsident Neudecker moant, wir san Schulbuam, hat er si täuscht. Des loassn wir uns ned gfalln. Der Max Merkel kann am Montag scho zu uns kämma - aber höchstens zum Sauna macha, ned als Trainer." Maier redete sich in Rage: "Wir waren alle froh, als er das Arschloch Gyula Lorant rausghaut hat, und jetzt holt er no a größeres."

Aber als er gegen 23 Uhr von seinem Haus in Anzing Neudeckers Nummer in Bad Wiessee wählte, war Maier wieder kühl und höflich. "Herr Neudecker, die Mannschaft ist entschlossen, Merkel nicht zu akzeptieren. Sie haben die ganze Woche dem Paul Breitner und mir in verschiedenen Gesprächen erklärt, dass Trainer Pal Csernai auf jeden Fall bis zur Mitgliedsversammlung am 2. April Zeit hat. Wir alle schätzen seine Arbeit sehr und können einfach nicht verstehen, warum plötzlich der Merkel her soll, der den FC Bayern und alle Spieler seit Jahren schlecht gemacht hat."

Neudecker war geschockt. So hatte noch nie ein Spieler mit ihm gesprochen. "Herr Maier", rief er ins Telefon, "wenn Sie so reden, sind Sie für mich wie ein Gewerkschaftsboss, ja sogar ein Anarchist." Maier blieb gelassen. "Herr Neudecker, ich bin Kapitän der Mannschaft, und die haben mir gsagt, ich soll Ihnen das so mitteilen. Kommen'S am Montag, dann können wir des besprechen. Wenn der Max Merkel da is, müssen'S mir das jetzt gleich sagen, weil dann kommt nämlich keiner. Oiso dann bis Montag." Am Montag versammelte sich die Mannschaft vollzählig um 9 Uhr früh im Vereinsheim an der Säbener Straße. Die Spieler wollten keine Standpauke hören, waren aber bereit zu einer Aussprache.

Stattdessen ging alles ganz schnell. Um 9 Uhr fünf betrat Wilhelm Neudecker das Zimmer. Er trug einen beigen Pepita-Anzug, ein grimmiges Gesicht und sagte drei Sätze. "Mit einem solchen Kapitän und dieser Mannschaft kann ich nicht weiter zusammenarbeiten. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute. Auf Wiedersehen." Um 11.37 Uhr verteilte Geschäftsführer Fembeck eine Erklärung, gedruckt auf dem Briefpapier des FC Bayern München. "Veranlasst wurde dieser Schritt durch die bekannten Querelen um die Verpflichtung des Fußballlehrers Max Merkel als sporttechnischem Berater. Die Mannschaft hat sich, angeführt durch den Mannschaftskapitän Sepp Maier, gegen Max Merkel und damit gegen meine Person ausgesprochen. Der Vereinsführung auf diese Weise das Handeln einzuschränken, das kann von mir nicht geduldet werden."

"Ich danke für die Solidarität"

Damit war der Rücktritt offiziell. Am Samstag darauf siegten die Bayern in Mönchengladbach 7:1. Sie spielten derart entschlossen und brillant, dass die "Abendzeitung" allen Spielern die Note 1 verlieh, erstmals in der Geschichte ihres Fußball-Zeugnisses. Hinterher feierte der Club bis spät nachts in einem Hinterzimmer des Gasthofes "Käfer". Man speiste à la carte, der Wirt schenkte Champagner aus, die "Paraguayos" fiedelten. Sepp Maier hielt eine Tischrede. "Ich danke für die Solidarität, die ihr mir entgegengebracht habt. Das ist in unserer Mannschaft einmalig. Ich wurde fast schon als Buhmann abgestempelt. Das habt ihr verhindert."

Trainer Pal Csernai strahlte über sein sonst ernstes Buster-Keaton-Gesicht. "Ich habe heute bewiesen, dass man im Profi-Fußball mit meinem Führungsstil Erfolg hat. Bei uns herrscht Demokratie und Kooperation mit den Spielern." Es war der Beginn einer neuen Ära. Die Bayern zogen am Ende mit einem vierten Platz in den Uefa-Cup ein, verabschiedeten Sepp Maier nach dessen schweren Autounfall im Juli 1979 gegen seinen Willen in den Fußball-Ruhestand und wurden in der Saison 1979/1980 Deutscher Meister. Die Mannschaft hatte gewonnen, aber Paul Breitner hatte triumphiert. Er war jetzt der mächtigste Spieler im deutschen Fußball. Außerdem war sein Freund Uli Hoeneß am 1. Juli 1979 Manager des Vereins geworden - mit 27 Jahren war er der jüngste Manager der Bundesligageschichte.

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