Öffentliches DFB-Training Helden in Geschenkpapier
Als Deutschland nach Düsseldorf kommt, zieht sich der Himmel zusammen. Dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, es riecht nach Regen. Ein Wurm aus zehntausenden Menschen schlängelt sich in Richtung Stadion, in dem gleich die deutsche Nationalmannschaft ein öffentliches Training abhalten wird. Die Menschen tragen Deutschland-Schals und Deutschland-Mützen, einige Gesichter sind bemalt, andere haben sich schön gemacht. Wie vor einem wichtigen Ereignis.
Die LTU-Arena taucht auf, sie ist in eine Plane gepackt und sieht fast aus wie ein Geschenk. Sie ist die Heimat des Regionalligisten Fortuna Düsseldorf und der Klotz wurde gebaut für einen Traum. Irgendwann soll hier wieder der große Fußball gespielt werden. Derzeit ist es ein Geschenk, das keiner braucht. Es passt so gut zum Club wie der Traum vom WM-Titel zur deutschen Mannschaft.
Das Stadion ist schon fast gefüllt, später sind es 42.200 Fans und man wird von einem Besucherrekord bei einem Training der DFB-Elf schreiben. In Block 117, weit oben unter dem Dach, steht ein kleiner, rundlicher Mann mit grauen Haaren und gibt Kommandos. Er trägt das WM-Logo auf der orangefarbenen Weste, er ist ein Ordner, Steward Nummer 2857. "Immer weitergehen", sagt er, dabei wedelt er mit dem Arm wie einer, der den Boden fegt.
Doch niemand geht weiter hier oben, von der Balustrade hat man einen zu guten Blick auf das Feld, auf die zwei Tore, 23 Nationalspieler und drei Trainer in roten Jacken. Der Ordner schaut milde, er erinnert ein bisschen an den "Alten" aus dem ZDF-Vorabendprogramm. "Weitergehen, jetzt aber", ruft der Alte. Die Leute schauen verwirrt auf den Ordner, der in diesem Moment wie ein Mann aus einer früheren Zeit wirkt. Als alles noch seine Ordnung hatte.
"Die waren damals auch nicht besser"
Unten auf dem Platz hält Timo Hildebrand den ersten Ball des Trainingsspiels, das ein gutes werden wird. Das Leibchenteam um Michael Ballack erarbeitet sich schnell ein kleines Übergewicht, doch für das erste Tor sorgt Torsten Frings. Im Test gegen Japan war er noch blass geblieben, das Publikum spürt, wie wichtig dieser Treffer für Frings' Selbstbewusstsein ist und applaudiert laut. Es wird ohne Abseits gespielt und in den Zweikämpfen Zurückhaltung geübt. Dafür kommen die meisten Pässe an.
Was bringt diese öffentliche Einheit? Ist es eine Rückversicherungsaktion nach dem 2:2 gegen Japan, dass Deutschland hinter seinem Team steht? Oder eine Wiedergutmachung? Und warum gehen 42.200 Menschen an einem Werktag in ein Stadion, um für eine Stunde aus hundert Metern Entfernung zuzuschauen, wie die DFB-Kicker rumalbern und sich die Bälle zuspielen?
In Düsseldorf wird klar, was mit diesem Land passiert ist so kurz vor der WM. Die Menschen sehnen das Turnier herbei, es ist die vage Hoffnung, dass es was werden könnte mit dem Titel. Man liebt die Spieler auch dafür, dass sie einem diesen Traum geschenkt haben. Am Spielfeldrand stehen Ordner Spalier, die Hände hinter dem Rücken. Sie bilden einen Menschenzaun, der die Gladiatoren in der Arena schützt. Die Massen könnten von den Rängen auf den Rasen stürmen und ihre Helden begraben. Der Druck muss verdammt groß sein für die da unten.
Steward 2857 hat jetzt kurz seine Ruhe. Er lehnt an der Balustrade und schaut sich die Menschen auf den Rängen an. Früher hat er in der A-Jugend von Alemannia Aachen gespielt, erzählt er. Für die Bundesliga hat es nicht gereicht, die Landesliga sei aber eine herrliche Zeit gewesen. "Wir haben jeden Tag Fußball gespielt." Danach hat er 36 Jahre auf dem Bau geschuftet und sich die Knie kaputt gemacht.
Jetzt kommt die WM, sein Schwiegersohn hat ihm einen Decoder geschenkt, er kann jedes Spiel schauen. "Zwischen 1974 und 1996 habe ich die deutschen Spiele aufgenommen, und ich sage Ihnen: Die waren damals auch nicht besser als das aktuelle Team." Der Alte hört kurz seinen Worten hinterher. Unten trifft Arne Friedrich gerade zur Führung für die Leibchen, und Michael Ballack schlenzt den Ball kunstvoll ins lange Eck. Vielleicht wird ja wirklich alles gut.
Am Ende bedankt sich Ballack für die Unterstützung, natürlich seien die Fans das Wichtigste. Was Verehrte eben ihren Verehrern so sagen. Danach schießen die Spieler noch gelbe Fußbälle auf die Ränge wie Luftballons mit Wunschzetteln, Kinderstimmen kreischen, es ist sehr laut in diesem Moment und es ist sehr WM. Niemand hört auf die Kommandos von Steward 2857, der mit den Armen fuchtelt und aussieht wie ein Imker, dem seine Bienen um die Ohren fliegen.
Als Deutschland Düsseldorf verlässt, haben sich die Wolken geöffnet. Es gießt in Strömen, ein richtig miserables Wetter. Aber niemanden stört es.