Oliver Bierhoff Der letzte deutsche Profi
Mailand - Mit gerade mal 32 Jahren zum alten Eisen gezählt zu werden, ist für Oliver Bierhoff kein Gedanke, mit dem er sich jetzt schon anfreunden möchte. Deshalb lässt der Stürmer des AC Mailand die Gedankenspiele, die die italienische Journaille regelmäßig aufgreift, nicht unwidersprochen. Wenige Tage vor dem Start der Serie A in die Saison 2000/2001 schlug Bierhoff mit nahezu perfektem Timing zurück. Am letzten Dienstag, als er von Beginn an gegen den FC Barcelona stürmen durfte, steuerte Bierhoff beim 2:0-Sieg in der Champions League einen Kopfballtreffer bei. Nach solchen Momenten fällt es jedem Spieler leichter vor den Journalistenpulk zu treten, der Milans Trainingszentrum Milanello regelmäßig bevölkert.
Also stand Bierhoff vor den Mikrofonen und Notizblöcken und konterte die oft unangemessene Medienschelte der vergangenen Monate. "Ich fühle mich noch frisch und habe außerdem eine Menge Wut im Bauch", sagte er. Wut wohl auch über die Meldungen und Gerüchte der letzten Monate, die Bierhoff-Transfers mal nach England, mal nach Spanien, mal in die Bundesliga als beschlossene Sache verkündeten. Beinahe täglich konnte der Deutsche in den diversen Sportgazetten nachlesen, dass er bei Milan zur Persona non grata geworden war. Als eine konkrete Anfrage von Real Madrid vorlag, bezifferte der Berlusconi-Club die Ablösesumme auf umgerechnet 30 Millionen Mark.
Doch Bierhoff lehnte einen Wechsel ab. Wie schon 1991 in Ascoli, seiner ersten Station in Italien, als man ihn nach nur neun Spieltagen loswerden wollte, bewies Bierhoff Stehvermögen. Sein Teamkollege Christian Ziege wurde im letzten Jahr von ähnlichen Pressegerüchten zermürbt, gab schließlich klein bei und ging zum englischen Erstligaclub FC Middlesbrough. Bierhoff hingegen wartet gelassen ab. Er intervenierte nicht einmal, um richtig zu stellen oder der Clubführung mangelnde Unterstützung vorzuhalten. Bierhoff war die Ruhe selbst: "Seit Ascoli, als ich ständig mit Wechselgerüchten und Kritik konfrontiert war, habe ich gelernt, meine Gefühle für mich zu behalten."
Von Stammplatzgarantie kann bei Milan längst nicht mehr die Rede sein. Trainer und Mentor Alberto Zaccheroni, als dessen Protegé Bierhoff seit gemeinsamen Zeiten bei Udinese gilt, kann derzeit keine Rücksicht mehr auf den Deutschen nehmen. Er selbst steht seit Monaten kurz vor dem Rausschmiss. Nur die geschaffte Qualifikation für die Champions League rettete dem 47-Jährigen seinen Posten. Die Clubführung soll Zaccheroni eine radikale Verjüngungskur der Milan-Mannschaft diktiert haben. So würde es nicht wundern, wenn am Sonntag im Heimspiel gegen Aufsteiger Vicenza der Ukrainer Andreij Tschewtschenko und der Spanier Josè Mari das Angriffsduo der Rossoneri bilden.
Nach seinem Muskelfaserriss im Unterschenkel während der Europameisterschaft in diesem Sommer schien nicht nur Bierhoffs Karriere in der Nationalmannschaft beendet, sondern auch sein weiteres Engagement bei Milan stand auf wackligen Füßen. Doch er hat sich wieder rangekämpft und verkörpert eine beinahe ausgestorbene Spezies. Bierhoff: "Ich bin der letzte Deutsche, der in der Serie A verblieben ist. Das müsste eigentlich für mich sprechen. Ich habe jedoch den Eindruck, als würde dies manchen in Deutschland gegen den Strich gehen."
Bierhoff weiß, dass er sich nun auch bei Milan permanent bewähren muss. Eine ganz neue Situation für einen Fußballer, der zuletzt der wohl begehrteste TV-Werbeträger war. Seine Spotpräsenz hat allerdings erheblich nachgelassen. Ein Gradmesser für die sinkende Popularität und seinen Image-Verschleiß? Vielleicht. Doch Bierhoff denkt nicht daran aufzustecken, obwohl sein Vertrag mit Milan noch zwei Jahre läuft. Er stellt sich der neuen Herausforderung fast mit jugendlichem Elan. Bierhoff: "Nach Jahren werde ich wieder in Frage gestellt. Ich habe keinen Stammplatz mehr. Es ist besser so."