Oliver Kahn "Blödsinniger Populismus"
Statt der Aufholjagd in der Meisterschaft gab es gegen Dortmund nur ein Unentschieden. Glauben Sie bei neun Punkten Rückstand noch an den Titel?
Oliver Kahn:
Die Meisterschaft ist noch möglich, aber sie ist sehr, sehr weit weg. Wir konzentrieren uns auf die Qualifikation für die Champions League. Bis zum dritten Platz sind es vier Punkte. Wenn wir so eine Serie wie Schalke hinlegen und fünf Spiele gewinnen, ist noch sehr viel möglich.
Sollte sich der Rekordmeister nicht besser auf die Champions League konzentrieren?
Kahn: Es gibt noch viele Hochzeiten, auf denen wir tanzen. Wir sind noch in der Champions League und im Halbfinale des DFB-Pokals. Die Mannschaft entwickelt gerade in solchen Situationen in anderen Wettbewerben ungeahnte Kräfte. Da bin ich gar nicht so aufgeregt und bleibe ruhig.
Im Gegensatz zu Manager Uli Hoeneß. Der hat den Spielern in einer Brandrede vorgeworfen, unmittelbar nach Niederlagen schon wieder zu scherzen und Scampis zu essen, während er eine schlaflose Nacht verbringt.
Kahn: Uli ist emotional ähnlich wie ich, aber da hat er überreagiert. Dem schmecken Scampis doch auch nicht schlecht. Wir können alles gebrauchen, aber keinen blödsinnigen Populismus. Der hilft uns nicht weiter. Das Falscheste, was man in solchen Situationen tun kann, ist rumschreien und unendlichen Blödsinn erzählen.
Was sollte man Ihrer Meinung nach in dieser Krisensituation beim FC Bayern denn tun?
Kahn: Es tut allen gut, wenn man in solchen Situationen vernünftig redet. Nach einer langen Phase des Erfolgs ist es normal, dass man Probleme bekommt. Damit muss man bei uns auch mit einer gewissen Souveränität umgehen. Das muss in diesem Verein doch möglich sein. Das gibt es nirgends auf der Welt, immer Erster zu werden. Wir werden doch nicht bezahlt, um immer nur auf dem ersten Tabellenplatz zu stehen.
Zuletzt gab es auch Kritik an Trainer Ottmar Hitzfeld. Geben auch Sie ihm eine gewisse Mitschuld an der Misere?
Kahn: Das ist absoluter Blödsinn. Man muss ihm hoch anrechnen, dass er uns Spieler so behandelt, wie man das erwarten kann. Und wir werden das auch früher oder später zurückzahlen.
Was ist der Hauptgrund für die Krise?
Kahn: Die Jungs sind nicht hundertprozentig von sich überzeugt. Das Selbstvertrauen ist meilenweit weg. Wir müssen wieder eine gewisse Souveränität zeigen. Solche Phasen gibt es immer in großen Vereinen. Real Madrid hat die Champions League gewonnen und ist dann bis auf den zehnten Platz abgerutscht. Aber wir rutschen nicht so weit ab. Ich bin überzeugt, dass wir noch erfolgreich sein werden.
Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge hat den Schiedsrichter heftig kritisiert und ihm eine katastrophale Leistung bescheinigt. Stimmen Sie dem zu?
Kahn: Wir müssen schauen, dass wir wieder vernünftigen Fußball spielen, dann können wir uns über den Schiedsrichter unterhalten. Wir müssen wieder Spaß am Fußball haben.
Aufgezeichnet von Jörg Kottmeier, sid