Olympia 2024 - Fußball: Deutschland verliert gegen die USA – eine ziemlich merkwürdige TV-Show - DER SPIEGEL
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DFB-Fußballerinnen verlieren gegen US-Team Eine ziemlich merkwürdige TV-Show

Deutschland muss nach einer 1:4-Pleite gegen die USA um das Viertelfinale im Fußball bangen. Im Mittelpunkt des Spiels stand aber die TV-Regie – wie sie aus einem fast leeren Stadion eine Riesenparty inszenierte.
Von Jan Göbel, Paris
In Marseille war das Stadion fast leer, aber die Bildregie von Olympia machte dennoch eine Party draus
In Marseille war das Stadion fast leer, aber die Bildregie von Olympia machte dennoch eine Party draus

In Marseille war das Stadion fast leer, aber die Bildregie von Olympia machte dennoch eine Party draus

Foto: SPEICH Frederic / MAXPPP / IMAGO

Schock des Spiels: Es stand bereits 1:3, das zweite Vorrundenspiel der deutschen Fußballerinnen gegen die USA war nicht mehr zu drehen. Dann sackte Alexandra Popp zu Boden, versuchte, ihr Knie zu bewegen. Doch es ging nicht weiter für die deutsche Kapitänin. Popp, 33, kommt bei den Olympischen Sommerspielen eine besondere Rolle zu. Die Torjägerin ist nicht nur wegen ihrer Kopfballstärke im Strafraum gefragt, sondern derzeit vor allem als Zweikämpferin im defensiven Mittelfeld, als Ersatz für die verletzte Lena Oberdorf. Ein Ausfall von Popp würde das DFB-Team enorm schwächen, und man hätte gern gewusst, was genau in jener 77. Minute passiert war, doch die TV-Regie zeigte jubelnde US-Fans, dann Deutsche. Immer wieder. Wie eigentlich bei jeder Unterbrechung. Aber dazu später mehr.

Das Ergebnis: Popp selbst gab nach dem Spiel leichte Entwarnung, sie gehe davon aus, nicht länger auszufallen. Ohne Popp kassierte die DFB-Auswahl aber einen weiteren Gegentreffer – 1:4 (1:3) hieß es am Ende. Die viermaligen Olympiasiegerinnen und Weltmeisterinnen aus den USA waren an diesem Abend nicht zu stoppen, auch wenn es teilweise nicht so deutlich war. Die USA stehen damit fast sicher im Viertelfinale, die DFB-Auswahl muss noch bangen.

Am anderen Ende der Olympia-Party: Kurz vor dem Anpfiff des zweiten Gruppenspiels der DFB-Frauen wurde auf den Straßen von Paris gefeiert, überall war lauter Jubel. Das Herz der Spiele schlägt in der französischen Hauptstadt und in diesem Moment hatte es der Schwimmer und Frankreichs Olympia-Hoffnung Léon Marchand mit seiner Goldmedaille über 400 Meter Lagen besonders laut springen lassen. Von dieser olympischen Stimmung war in Marseille, wo die DFB-Auswahl spielte, anfangs wenig zu sehen. Die Oberränge im 60.000 Zuschauer fassenden Stade Vélodrome waren komplett leer. Ein schneller Umzug nach Paris wäre für die DFB-Frauen nur als Gruppensiegerinnen möglich gewesen.

Fast jeder Schuss ein Tor: Und das Ziel Gruppensieg schienen die deutschen Fußballerinnen schnell klarmachen zu wollen. Bereits nach vier Minuten hatte Lea Schüller aus wenigen Metern die Führung auf dem Fuß, schloss jedoch zu unplatziert ab und scheiterte an Torhüterin Alyssa Naeher. Danach nahmen sich beide Teams kurz ein Beispiel an den Gruppengegnerinnen aus Australien und Sambia, die sich kurz zuvor 6:5 (ja wirklich, 6:5 nach 90 Minuten) getrennt hatten. So gab es zwischenzeitlich auch in Marseille eine kleine Torejagd: Sophia Smith brachte die USA in Führung (10. Minute), Giulia Gwinn glich mit einem Distanzschuss aus (21.), Mallory Swanson nutzte einen Abpraller aus wenigen Metern zur erneuten Führung (26.).

Die Chefin von Team USA: Emma Hayes

Die Chefin von Team USA: Emma Hayes

Foto: Alex Livesey / Getty Images

Die Reformerin: Mit Emma Hayes haben die USA eine der weltbesten Trainerinnen verpflichtet. Die langjährige Cheftrainerin des FC Chelsea, die in England sechs Meistertitel gewann und das Training viel stärker auf die Bedürfnisse von Fußballerinnen ausrichtete, ist seit diesem Sommer in den USA im Job. Und Hayes’ erste Maßnahme war umstritten: Sie berief Alex Morgan, einen der größten Stars des US-Fußballs, nicht in den 18-köpfigen Olympiakader. In US-Medien hieß es, Hayes habe Morgan um ein würdiges Ende ihrer Ära gebracht. Hayes widersprach und sagte, sie möchte eine neue Ära einleiten. Also übertrug sie für Olympia jüngeren Spielerinnen mehr Verantwortung, Spielerinnen wie der 23 Jahre alten Außenstürmerin Smith. Kurz vor der Pause erzielte sie ihr zweites Tor zum 3:1 mit einem abgefälschten Schuss.

Die Macht der Bilder: Man konnte sich irgendwann nur noch wundern, wie oft die olympische TV-Regie Fangruppen im Stadion zeigte. Sie sollten in die Fernsehkameras jubeln und offenbar damit den Eindruck vermitteln, als ginge dort gerade eine riesige Party ab (in einem fast leeren Stadion). So nett der Jubel auch war, irgendwann verstellten die immer gleichen Einstellungen den Blick auf das Wesentliche. Man hätte lieber noch einmal in der Wiederholung gesehen, wie Swanson in der 59. Minute fast das 4:1 erzielt hätte, wie Schüller in der 62. Minute im Getümmel vor dem Tor das 2:3 verpasste, was Popp vor ihrer verletzungsbedingten Auswechslung passiert war. Doch dann sah man wieder: Menschen mit USA-Schals, Menschen in DFB-Trikots.

Immer wieder wurden Bilder wie dieses gezeigt

Immer wieder wurden Bilder wie dieses gezeigt

Foto: SPEICH Frederic / MAXPPP / IMAGO

Das Raumschiff fliegt bis nach Marseille: Julian Nagelsmann, DFB-Trainer der Männer, hatte nach dem Ausscheiden im EM-Viertelfinale gesagt, er hoffe, dass etwas von der EM, von der guten Stimmung bleibe. Immerhin: Der inoffizielle Song der EM in Deutschland ist geblieben. Nach Gwinns zwischenzeitlichem Ausgleich stimmten die DFB-Fans Major Tom von Peter Schilling an: »Völlig losgelöst.« Aber es half alles nicht, kurz vor Schluss traf Lynn Williams sogar noch zum 1:4 aus deutscher Sicht (89.). Damit steht die deutsche Tordifferenz nach dem 3:0 beim Olympia-Auftakt gegen Australien wieder bei null.

Jetzt wartet Barbra Banda

Jetzt wartet Barbra Banda

Foto: Julio Cortez / AP

Wiedersehen mit Banda: Im letzten Gruppenspiel am Mittwoch in Saint-Étienne (19 Uhr) kann die DFB-Auswahl den Einzug ins Viertelfinale immer noch perfekt machen. Der Gegner heißt Sambia. Ein Selbstläufer, oder? Mit Sicherheit nicht. Gegen Sambia begann vor einem Jahr das WM-Desaster, als die DFB-Auswahl in einem miserablen letzten Testspiel vor der Endrunde  verlor. Die Show gehörte damals der schnellen Stürmerin Barbra Banda (mehr über die Ausnahmespielerin lesen Sie hier ). Banda ist auch diesmal bei Olympia dabei. Beim 5:6 gegen Australien erzielte sie drei Tore.