Pep Guardiola Biograf Guillem Balagué im Interview - DER SPIEGEL
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Biograf des Meister-Trainers "Bayern braucht Guardiola nicht? Ignoranten!"

Wie viel Guardiola steckt im Münchner Meister-Team? Mehr, als die meisten glauben, sagt sein Biograf Guillem Balagué. Der Spanier habe den FC Bayern gründlich verbessert - was zunächst nicht jedem in der Mannschaft gefiel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Zur Person

Guillem Balagué, geboren in Barcelona, ist ein spanischer Fußball-Experte und Journalist beim Fernsehsender Sky Sports. Er veröffentlichte Bücher über den früheren Liverpool-Trainer Rafael Benítez (2005) und Barcelona-Star Lionel Messi (2013). Balagué ist zudem Autor der viel beachteten und einzigen autorisierten Biografie Josep Guardiolas, die 2012 unter dem Titel "Another Way of Winning" erschien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Balagué, Sie beobachten Josep Guardiola und seine Arbeit seit vielen Jahren sehr genau. Wie viel Guardiola steckt in diesem Münchner Meister-Team?

Balagué: Mehr, als die meisten wohl annehmen. Natürlich war der FC Bayern in der vergangenen Saison überragend, aber ich behaupte, er ist jetzt noch besser. Und das ist vor allem das Verdienst von Pep Guardiola.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Balagué: Die Spieler kreieren mehr Räume und sie nutzen diese besser. Sie haben an ihrem Passspiel gearbeitet und schüchtern dadurch die Gegner mit Kontrolle und hohem Ballbesitz ein. Es ist vor allem dieser berüchtigte Ballbesitz, der mit Guardiolas Fußball in Verbindung gebracht wird, weil man ihn sofort sieht und messen kann. Fast noch wichtiger ist ihm aber die Positionierung der Spieler auf dem Feld, auch da hat sich in München vieles getan.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

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Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Balagué: Nehmen Sie Philipp Lahm, dem Guardiola aufgezeigt hat, dass er nicht nur auf der rechten Abwehrposition, sondern auch im Mittelfeld spielen kann. Oder Javier Martínez, der mittlerweile eine viel defensivere Rolle spielt als unter Jupp Heynckes. Guardiola hat aus sehr guten, intelligenten Spielern noch vielseitigere gemacht. Dem Gedanken entspringt auch sein Rotationsprinzip.

SPIEGEL ONLINE: Man hatte zu Beginn seiner Zeit in München aber durchaus das Gefühl, dass sich nicht alle über diese Experimente freuen. Im Gegenteil: Einige Spieler schienen davon sogar überfordert zu sein.

Balagué: Ja, da muss ich Ihnen recht geben. Es gibt immer wieder Top-Spieler, die nicht zu etwas anderem gemacht werden wollen. Sie wollen nicht aus ihrer Komfortzone heraus, das ist mühsam. Und bislang hatten sie ja auch so Erfolg, gerade im Fall der Bayern, die kurz vor Guardiolas Ankunft die Champions League gewonnen hatten. Dann kommt einer, der sagt: Mach was ganz anderes! Es gab Spieler, die keine neue Rolle wollten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Spieler waren das?

Balagué: Das kann ich nicht sagen. Nur so viel: Bei solchen wie Lahm hat es funktioniert, und es hat sie noch besser gemacht. In Barcelona dauerte es aber auch schon einmal eine Saison, bis ein Spieler die Veränderungen akzeptierte.

SPIEGEL ONLINE: Wer brauchte so lange?

Balagué: Eric Abidal. Als Guardiola beim FC Barcelona anfing, rebellierte er, er beschwerte sich sogar beim Präsidenten über den neuen Trainer. Und ein Jahr später? Dankte er genau diesem dafür, dass er aus ihm einen neuen Spieler gemacht hatte.

SPIEGEL ONLINE: Weltklassespieler guten Fußball spielen lassen: Ist das wirklich so schwer?

Balagué: Oh ja! Es ist das Schwierigste überhaupt. Was meinen Sie, wie verletzend es für Guardiola war, als José Mourinho sagte, er mache es sich mit dem Job beim FC Bayern München leicht? Er traf auf eine Mannschaft, die eigentlich schon alles hatte: Erfolg, tolle Spieler, eine besondere Art des Fußballs. Dort weiterzumachen, eine Bindung zur Mannschaft aufzubauen, seine eigenen Ideen vom Spiel zu verwirklichen - das ist hart.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es Guardiola gelungen, das Vertrauen des neuen Teams zu gewinnen?

Balagué: Indem er immer und immer wieder mit den Spielern spricht und ihnen die Aufgaben erklärt, bis sie diese verinnerlicht haben. Sie automatisieren den Guardiola-Fußball, sie lernen von ihm, Spiele auf eine andere Weise zu lesen. Das schafft Vertrauen. Und wenn die Spieler dem Trainer vertrauen, kann er sie auch darum bitten, Dinge zu tun, die sie sonst nie getan haben. Beim FC Barcelona sah man das sehr gut: Guardiola ließ seine Fußballer in der Zukunft spielen.

SPIEGEL ONLINE: Was soll das heißen?

Balagué: Barcelona war den meisten Gegnern einen Schritt voraus, die Spieler dachten immer schon ein Stück weiter. Es ist schwer für jeden nachfolgenden Trainer, daran anzuknüpfen. Der aktuelle Barça-Coach Gerardo Martino etwa, übrigens ein hervorragender Fachmann, hat große Probleme, die Mannschaft voranzubringen, weil er sie erst einmal aus der Guardiola-Zeit in die Gegenwart zurückholte. Er muss eigentlich bei null anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Beobachter, die sagen, der FC Bayern würde auch ohne Trainer so stark spielen, er brauchte Josep Guardiola gar nicht. Was sagen Sie dazu?

Balagué: Ignoranten! Wer auch immer das sagt, hat keine Ahnung. Wer sonst sollte die Top-Spieler immer wieder herausfordern und sie auf ihrem Level halten? Wer sollte sie korrigieren, wenn sich Fehler einschleichen? Wer den Gegner analysieren? Oder die schwierige Aufgabe übernehmen, einen Star auf die Bank zu setzen? Jemand muss ihnen den Weg weisen, und das macht Guardiola. Mit einer Akribie, die ihresgleichen sucht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach harter Arbeit, dabei sieht das Bayern-Spiel auf dem Platz so selbstverständlich und leicht aus.

Balagué: Doch nur, weil Guardiola sich den Kopf zerbricht, wie er aus jedem das Beste herausholen kann. Und wenn jemand wie Franz Beckenbauer behauptet, das Guardiola-Spiel sei langweilig und nicht schön anzuschauen, hat er wenig verstanden. Es ist so abwechslungsreich wie kaum ein anderer Fußball, und es ist die große Kunst, dass man all die fortwährenden Veränderungen nicht bemerkt.