Polen Selbst ernannter Geheimtipp
Tomasz Waldoch geht es wie vielen seiner Landsleute. Polens große Fußball-Zeiten kennt der Nationalmannschafts-Kapitän nur aus Erzählungen oder als kleiner Junge vor dem Fernseher. Drei Jahre war der heutige Bundesligaprofi von Schalke 04 alt, als Grzegorz Lato, Kazimierz Deyna und Co. bei der WM 1974 in Deutschland als Dritte für Furore sorgten. Und gerade elf, als die nächste Generation um Zbigniew Boniek diesen Erfolg in Spanien wiederholte.
"Ganz Polen hat lange darauf gewartet, dass wir wieder bei einem großen Turnier dabei sind", sagt Waldoch, der in zehn Jahren Nationalmannschaft den Großteil dieser Wartezeit selbst als Spieler erlebt hat. Die Welttitelkämpfe in Japan und Südkorea, für das die Polen souverän als erste Europäer nach Titelverteidiger Frankreich das Ticket lösten, beendet eine 16-jährige Durststrecke. 1986 in Mexiko hatten Boniek und Co. das Achtelfinale erreicht.
"Die Euphorie in Polen ist riesig. Alle vergleichen uns mit dem Team von 1974", berichtet Waldoch stolz. Kampfkraft, Siegeswille und vor allem Teamgeist zählt der 30-Jährige als Pluspunkte seiner Mannschaft auf: "Gute Einzelspieler hatte Polen schon immer, aber jetzt sind wir ein wirkliches Team ohne große Stars." Da in der polnischen Auswahl tatsächlich namhafte Stars fehlen, bemühen sich die einheimischen Medien geradezu krampfhaft, sie zu schaffen.
Emmanuel Olisadebe beispielsweise. Der Nigerianer, der vor zwei Jahren einen polnischen Pass erhielt und mit seinen acht Toren in der Qualifikation maßgeblich zur WM-Teilnahme beitrug, wird von Interview zu Interview, von Foto-Shooting zu Foto-Shooting gereicht. "Aber er bleibt auf dem Teppich, er sieht sich nicht als Star", sagt Waldoch über den Stürmer des griechischen Spitzenclubs Panathinaikos Athen.
Die souveräne Qualifikation hat die Polen selbstbewusst gemacht. Waldoch sagt: "Ich gehe davon aus, dass wir weit kommen." Wie weit? "Titelkandidat sind wir nicht, das ist klar. Aber vielleicht ein Geheimtipp. Viele werden uns unterschätzen."