Premier League: Roque rockt die Rovers - DER SPIEGEL
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Premier League Roque rockt die Rovers

Star in England statt ewiges Talent beim FC Bayern: Nach seinem Wechsel zu den Blackburn Rovers blüht Roque Santa Cruz auf. Seinen früheren Club kritisiert der Stürmer hart: "Ich habe nie eine echte Chance bekommen."
Von Jörg Runde
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es regnet mal wieder. In England ist das eigentlich nichts Besonderes. Und dennoch verlässt kein Spieler der Blackburn Rovers das Trainingsgelände, ohne über das Wetter zu schimpfen. Nur Roque Santa Cruz kommt kein böses Wort über die Lippen. "Ist doch super. Ich trainiere viel lieber im strömenden Regen als im Schnee, wie manchmal in München. Das habe ich gehasst", sagt er und zieht die Bandage mit den Eisbeuteln fester um sein rechtes Sprunggelenk. "Nichts Schlimmes, nur eine leichte Prellung", gibt er Entwarnung. Er ist beim nächsten Match dabei. Genau das wollte die Dame von der Geschäftsstelle des englischen Premier-League-Clubs hören. Sie strahlt, weil sie den Roque doch "so sehr mag". Er sei so ein lieber Kerl. Und gut sieht er auch noch aus. Einfach ein Klassetyp. Solche Komplimente bekam der Südamerikaner auch in München häufig zu hören. Und doch ist in Blackburn alles anders. Hier sorgen sie sich auch um den Fußballer. Mit entspannter Miene sagt Santa Cruz: "Ich habe hier erstmals das Gefühl, gebraucht zu werden. Ich bin beim Trainer gesetzt und habe sein volles Vertrauen. In München war das ganz anders. Da habe ich nie eine echte Chance bekommen.“

In Blackburn ist dieses Vertrauen schon wegen des Geldes selbstverständlich. Santa Cruz war für die Rovers kein kleiner Deal am Rande, sondern der erklärte Wunschspieler von Trainer Mark Hughes. Der Waliser, der in der Saison 1987/88 auch mal für Bayern stürmte, hat den Transfer für rund fünf Millionen Euro im Sommer vergangenen Jahres zu Wege gebracht. "Roque ist ein absoluter Volltreffer"“, lobt der Rovers-Coach seinen besten Scorer. Beim Blick auf zehn Tore und fünf Vorlagen in der Premier League plus vier Pokaltreffer gerät Hughes ins Schwärmen: "Roque zeigt hier, was wirklich in ihm steckt. Er spielt intelligent, ist ein absoluter Mannschaftsspieler und übernimmt zudem Führungsaufgaben. Er gehört zu den besten Stürmern der Liga." Die Ehrung zum besten Premier-League-Spieler des Monats Dezember bestätigt die Einschätzung.

Santa Cruz weiß um seine Position. Ungewohnt forsch sagt der 26-Jährige: "Ich bin hier der Star. Und den nimmt man nicht einfach raus. Auch nach ein paar schlechten Spielen nicht." Die gab es bisher sowieso nicht. Die Blockade, die das Ausnahmetalent in den Tagen beim FC Bayern München hemmte, scheint endgültig gelöst. "Ich bin hier ein ganz anderer Mensch." Einer, der nicht mehr den Riesendruck verspürt, die Rolle des Überfliegers ausfüllen zu müssen, in die er von Uli Hoeneß gedrängt wurde. 2002 sagte der Bayern-Manager über den jungen Roque: "Er ist in fünf Jahren wahrscheinlich der Beste, den wir weltweit haben." Solche Sätze würden sie in Blackburn nie sagen. Hier geht es bodenständiger zu, Superlative mögen sie nicht so gern, abheben ist verboten.

Alles besser als bei Bayern

"Roque, Roque" tönt es von den Tribünen des Ewood Parks bei den Heimspielen. Die Fans schreien auf, wenn der Angreifer zu seinen Dribblings ansetzt oder den Ball mit seiner herausragenden Schusstechnik Richtung Tor jagt. Wenn Santa Cruz in Aktion tritt, wissen sie, dass es gefährlich wird. "Er hat sich unheimlich schnell an das schnellere und härtere Spiel in England gewöhnt. Das zeigt einmal mehr, welche Klasse er hat", sagt Hughes.

Santa Cruz selbst fühlt sich reifer und härter als je zuvor. Nichts erinnert in England an den zaudernden und verletzungsanfälligen Bundesliga-Profi. "Ich arbeite hier viel mehr nach hinten und setze meinen Körper ein", sagt er selbst. Einfacher und effektiver spielt er zudem, weil er rasch registriert hat, dass man in England mit Schönspielerei nicht weit kommt. Schon gar nicht in einer Arbeiterstadt wie Blackburn, wo es nicht nur bei Regen trist und trostlos ist. "Und wenn es einmal zwickt, beiße ich schon mal auf die Zähne, weil ich weiß, dass die Mannschaft mich braucht und die Fans mich sehen wollen"“

Kein anderer Spieler der Rovers verkörpert derzeit mehr das Vereinsmotto als der ehemalige Bayern-Profi. "Arte et labore", also "Kunst und Arbeit" will der Klub laut Satzung den Anhängern bieten. Santa Cruz fühlt sich beim dem Traditionsverein abseits der Großstädte auch aus anderem Grunde wohl. "Hier kann ich mich voll aufs Fußball spielen konzentrieren. Es gibt keinen nervenden Presserummel beim Training, man kann einfach arbeiten, einfach spielen. Und die Trainingsmöglichkeiten sind sogar noch besser als bei den Bayern", sagt er und zeigt aus dem Fenster auf das großzügige Gelände der Rovers.

Fast ein Dutzend bestens gepflegte Rasenplätze laden zum Kicken ein. "Und wenn es doch mal schneit und eisig ist, gehen wir in die Kunstrasenhalle." Alles sei eben viel größer als in München. Auch der Kraftraum und die Schwimmhalle. Nicht mal das nur rund 31.000 Zuschauer fassende Stadion sieht Santa Cruz als Minuspunkt. "Das ist zwar kleiner, aber die Atmosphäre ist viel besser als in der Allianz Arena", sagt er. Wenn er all diese Vorteile aufgezählt hat, bleibt nur ein Schluss: "Das alles bestätigt mich in meiner Entscheidung, München und den FC Bayern verlassen zu haben."

Und so will Santa Cruz auf die Frage, ob er etwas vermisse, so recht nichts einfallen. Nach einer längeren Gedankenpause sagt er schließlich: "Die wahnsinnigen Abende mit Claudio Pizarro, Owen Hargreaves und Roy Makaay vor den Spielen im Hotel - da haben wir extrem viel gelacht und Spaß gehabt. Daran erinnere ich mich gern." Ansonsten will er die oft frustrierenden acht Jahre in München möglichst schnell hinter sich lassen.

In England, scheint es, hat er sein Glück gefunden. Mit Frau Giselle, Tochter Fiorella und Sohn Tobias wohnt er in einem geräumigen Haus in Manchester. Da ist der beste Kumpel ist nicht weit. "Owen Hargreaves lebt bei mir in der Nachbarschaft. Wir sind oft zusammen." Vielleicht bald auch wieder im gleichen Trikot? Dass Topclubs wie Manchester United angesichts seiner Bilanz auf ihn aufmerksam werden, ist Santa Cruz bewusst. "Natürlich möchte ich irgendwann wieder Champions League spielen. Das bleibt ein Traum. Aber ich bin doch nach Blackburn gegangen, um nicht wieder so unter Druck zu stehen. Und um zu spielen. Das zählt - erstmal."

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