Pressespiegel: "Behördenfußball" made in Germany - DER SPIEGEL
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Pressespiegel "Behördenfußball" made in Germany

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Kritik am mühsamen deutschen Viertelfinalsieg über die USA.
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Wie erwartet geht die heimische Presse weit gehend kritisch mit der Leistung der deutschen Mannschaft ins Gericht. Von "Behördenfußball" spricht die FR, von "Hausmannskost" die FAZ. Die SZ findet daher: "Mit solch einer Leistung das Halbfinale einer WM erreicht zu haben, dürfte noch wenigen Teams gelungen sein." Begeistert ist man alleine von der Leistung Oliver Kahns, der "besten Einer-Kette der Welt" (SZ).

Jedoch kann die FAZ dem 1:0-Erfolg auch Gutes abgewinnen: "ein Ergebnis von Völlers kluger Teamleitung, ein Resultat des in dieser manchmal nur mittelmäßigen Mannschaft überragenden Teamgeistes und ein Verdienst von Oliver Kahn." Die Ursachen für den Erfolg findet man dort (außer an Kahn noch) in der Winnermentalität Michael Ballacks: "In den entscheidenden Momenten, wenn von den besten acht Mannschaften nur noch vier übrig bleiben können, machten die Stars wieder einmal den Unterschied" (FAZ).

"Einsam über allem thronender Kahn"

Zur Schiedsrichterleistung kommentiert die NZZ: "Ein weiterer Skandal an dieser WM" und erkannte im Handspiel Frings einen deutlichen Elfmeter. Auch in Italien stieß man sich an dieser Entscheidung besonders.

Über die Ursachen des deutschen Erfolgs schreibt Michael Horeni (FAZ). "Erste Chance, erstes Tor - dies ist ein klassischer deutscher Standard auch dann, wenn Spiele zunächst erschreckend anders laufen als erhofft. Doch Michael Ballacks Kopfball kurz vor der Pause ließ auf der Videotafel ganz nüchtern den Unterschied zwischen spielfreudigen Amerikanern und deutschen Ergebnisfußballern aufleuchten: 1:0. Mehr muss nicht sein. Auch die genaue amerikanische Kenntnis über die Stärke des Leverkusener Mittelfeldspielers - das Kopfballspiel in Standardsituationen - konnte die sportliche Wendung, die viele als ungerecht beklagen mögen, nicht verhindern. Mit Kahn im Tor und Ballack am richtigen Platz ließen sich so vom Ergebnis viele Mängel zwar nicht überspielen; aber sie hatten keinen Einfluss mehr auf die Schlussabrechnung."

Ludger Schulze (SZ) äußert sich zum Spiel. "In 90 Minuten war nur wenig von dem zu sehen, was im Fußball gemeinhin als Primärtugend gilt. Neben dem einsam über allen thronenden Oliver Kahn überzeugten noch der dynamische Torsten Frings, der technisch bestechende Bernd Schneider in der ersten Hälfte und der flinke Stürmer Oliver Neuville, der den Amerikanern immer wieder Kopfzerbrechen bereitet. Das Team ist offensichtlich nicht in der Lage, ein kreatives Spiel aufzuziehen. Bewundernswert immerhin ist die Leidenschaft, der Siegeswille, mit dem es seine bisherigen Aufgaben gelöst hat. Es wäre allerdings ein Armutszeugnis, wenn das schon ausreichte, um das WM-Endspiel zu erreichen (...) Nach dem Schlusspfiff aber konnte man das Resultat eigentlich nur noch als grotesk bezeichnen. Denn aus der Kabine waren die Amerikaner mit der wilden Entschlossenheit ihrer Vorfahren gekommen, die schließlich den Wilden Westen erobert haben. 45 Minuten berannten sie den Strafraum der Deutschen, Angriffswelle auf Angriffswelle schwappte gegen das Tor.

Eine Spielanalyse von Roland Zorn (FAZ). "Dass sich die bisher nicht als Kombinationsweltmeister bekannten Amerikaner immer wieder bis zur deutschen Grundlinie durchspielen konnten, hatte mit den Defiziten der Abwehrarbeit auf den Flügeln zu tun, und da in der Mitte der von Völler erstmals als Abwehrchef eingesetzte Kehl auch nicht für Ordnung sorgte, schien das Abenteuer Viertelfinale schon früh zu einer wackligen Angelegenheit zu werden (...) Immerhin: Wenn es um den Fußball auf flugtechnisch hohem Niveau ging, überzeugte das Team des Teamchefs. Und die Amerikaner wussten zur Pause nur zu genau, dass ein deutsches Nationalteam den Fußballfreund nicht verwöhnen muss, um trotzdem erfolgreich abzuschneiden (...) Mit dieser Mannschaft so weit gekommen zu sein, das ist für den Teamchef Rudi Völler wie seine lange unterschätzten Profis ein beachtlicher, wenn auch kein tief beeindruckender Erfolg. Dafür müsste das Team gegen Spanien oder Südkorea vielleicht auch einmal ein richtig gutes Spiel hinlegen."

"Beim besten Willen nicht hochklassige Amerikaner"

Die möglichen Signalwirkungen des deutschen Halbfinaleinzugs fasst Philipp Selldorf (SZ) zusammen. "Zu wenig, um ernsthaft erwarten zu wollen, dass die Welt applaudiert und voller Bewunderung anerkennt, dass die alte Großmacht zurückgekehrt ist. Auf den Beifall der Anderen sind die Deutschen zwar nicht angewiesen, aber gewinnen als Selbstzweck wird irgendwann zu einer peinlichen Methode, und leider drängt sich dieser Gedanke vor der grandiosen Tatsache in den Vordergrund, dass es die Nationalelf tatsächlich geschafft hat, unter die letzten Vier zu kommen. Wie kann es sein, dass man sich als Zeuge dieses Spiels nicht in der Lage sieht, diese junge, durch etliche Verluste auf zentralen Positionen gebeutelte Mannschaft vor allem dafür zu loben, was sie erreicht hat? Dass man stattdessen über das ängstliche Konzept schimpfen möchte, das Teamchef Rudi Völler in der zweiten Halbzeit zu Hilfe nahm, als ob der Gegner nicht die zwar leidlich begabten und athletisch starken, aber beim besten Willen nicht hochklassigen Amerikaner gewesen wären, sondern ein unwiderstehliches Team von Spitzenkönnern. Und dass man zuerst den Mangel an Phantasie und spielerischer Qualität beklagt, anstatt den Einsatz und die guten Momente zu würdigen."

"Eine Mannschaft ohne Geniezüge"

Die spanische Tageszeitung El País schreibt zum Spiel. "Deutschland betreibt ein anderes Spiel und gewinnt. Der deutsche Fußball entzieht sich jeder Kritik. Es ist nicht mehr die Frage, ob sie gut oder schlecht spielen. Sie betreiben ein Spiel anderer Natur. Das unterscheidet sie von den anderen Mannschaften. Vor der Entscheidung, kreativ zu spielen oder gefoult zu werden, bevorzugen sie die zweite Alternative. Dann transportieren sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Baukräne in den Strafraum. Dort kommen sie wie Giganten, selbstbewusst und mit ihrer ausgezeichneten Karosserie. Dann geschieht das Interessante: Die Deutschen sind überzeugt, dass sie ein Tor erzielen werden, und der Gegner geriet in Panik - wissend, dass sie ein Tor kassieren werden. Es handelt sich um eine Mannschaft, die keine Geniezüge aufweist. In Ballbesitz verkörpern sie eine abschreckende Vulgarität. Sie suchen keinen Weg zu einer Verbindung mit ihrem Sternspieler Ballack, sondern das Foul. Ungeachtet ihrer Auffassung über den Fußball muss man sie fürchten. Sie sind so stark, so groß, so entschieden, sie glauben so sehr an die Effektivität ihrer kopfballstarken Spieler, dass niemand sie aufhalten kann."

"indirekter-freistoss" ist die tägliche Fußball-Presseschau des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter der Leitung von Redakteur Oli Fritsch sucht ein Team aus jungen Wissenschaftlern in Tageszeitungen nach Neuigkeiten aus der Welt des Fußballs. Die Homepage bietet dem Fußballfreund aktuelle Hintergrundinformationen, zudem ein attraktives Gewinnspiel, Buchtipps und einen täglichen Newsletter.