Pressespiegel "Das schönste Paar der Welt"
"Zum Glück wird in Erinnerung gerufen", zieht die NZZ ihr erstes WM-Zwischenfazit, "dass die Welt des Fußballs nicht in erster Linie von streitenden Funktionären bestimmt, geprägt und gelebt wird, sondern von einem anderen, viel jüngeren Männerklub: vom demjenigen der Darsteller auf dem Rasen." Und von den Darbietungen auf dem grünen Rasen zeigen sich die Fußballautoren erfreut, auch weil Offensivgeist in der ersten Spielrunde eines Turniers keine Selbstverständlichkeit ist. Gestern griffen zwei Mannschaften ins Geschehen ein, die ihre traditionelle Favoritenrolle mit Siegen unterstrichen: Zum ersten Brasilien, das von "zwei Sorgenkindern gerettet" (FAZ) wurde, jedoch auch der tätigen Mithilfe des Unparteiischen bedurfte. Der spielentscheidende Elfmeter kurz vor Spielschluss war - da ist man sich einig - eine klare Fehlentscheidung. Die benachteiligten und zusätzlich mit zwei Feldverweisen belegten Türken sind auch wegen ihres guten Spiels nun in der "Opferrolle" (NZZ).
Zum Zweiten besiegten die Italiener die Neulinge aus Ecuador mit 2:0; und nur derjenige musste sich über den anfänglichen Tordrang der Squadra Azzura wundern, der bei der letzten Europameisterschaft 2000 - wo die Italiener im allgemeinen Urteil zu Unrecht als reine Defensivfanatiker galten - entweder seine Spielanalysen von Klischees leiten ließ oder nicht richtig hingesehen hatte. Im Anschluss an die frühe Vorentscheidung noch in der ersten Hälfte erfüllten sie allerdings die mit ihnen assoziierten Stereotypen, indem sie sich auf das Verwalten des Vorsprungs beschränkten. Außerdem: Mexiko bezwingt eine alternde Mannschaft aus Kroatien, Schüsse in Ecuador und Repressionen für Reporter.
Die NZZ (3.6.) ist vom Auftaktwochenende angetan. "Obschon einige Spiele entgegen den Ankündigungen nicht vor vollen Rängen über die Bühne gehen und obschon diese in einer von den Veranstaltern eigenartig orchestrierten, künstlichen Atmosphäre ausgetragen werden, vermochten sie größtenteils zu gefallen. Die Anzeichen für ein durchaus genießbare und attraktiv gestaltete WM sind zahlreich. Der Fußball ist bis jetzt mutig gegen vorne ausgerichtet, Strafraumszenen sind nicht Mangelware, nirgends wurde die Fairness über Gebühr mit Füßen getreten - und fehlenden, verletzten Stars wurde mit Ausnahme Zidanes (noch) keine Träne nachgeweint."
"Die große Zeit Kroatiens ist vorbei"
Die Elfmeterentscheidung zu Gunsten Brasiliens beim 2:1-Sieg gegen die Türkei bewertet Christoph Biermann (SZ). "Offensichtlich geriet der einzige Mensch im Stadion, der gegen diesen Zauber eigentlich gefeit sein sollte, ebenfalls in den Bann der brasilianischen Mannschaft. Bereits über weite Strecken der Partie hatte der koreanischen Schiedsrichter Young Joo Kim das türkische Team leicht benachteiligt. In den meisten strittigen Situationen entschied er für die Brasilianer, doch das waren Nebensächlichkeiten, die am 1:1-Unentschieden wenig geändert hätten. Die wirkliche Bevorzugung der brasilianischen Mannschaft hatte sich Kim für die Schlussminuten aufgehoben. (...) Alpay stürzte dem allein aufs Tor zu eilenden Stürmer Luizao hinterher. In der gleichen Situation hatte der Türke bei der EM '96 in England seinen Gegenspieler Zahovic noch allein aufs Tor laufen lassen. Der Slowene traf, und Alpay bekam den Fair-Play-Preis. Diesmal riss er Luizao um; die Rote Karte für diese Notbremse war berechtigt. Der von Kim verhängte Elfmeter jedoch nicht, weil das Foul vor der Strafraumgrenze passierte."
Thomas Klemm (FAZ) über die Matchwinner Brasiliens: "Ausgerechnet die Sorgenkinder der vergangenen Wochen, trugen am Montag mit ihren Treffern entscheidend zum 2:1-Auftaktsieg des viermaligen Weltmeisters gegen die Türkei bei. Der lange verletzte und zuletzt formschwache Ronaldo feierte mit seinem 38. Länderspieltreffer in der 50. Minute ein gelungenes WM-Comeback, der angeschlagen ins Turnier gegangene Rivaldo rechtfertigte seinen Einsatz mit einem verwandelten Elfmeter."
Frank Ketterer (taz) erkannte "spielerische Demenz" als Ursache der kroatischen 0:1-Niederlage gegen Mexiko. "Die große Zeit des kroatischen Fußballs ist zunächst einmal vorbei. Und an diesem sonnigen Montagnachmittag im Big Swan Stadium zu Niigata konnte die ganze Welt das sehen - und am Ende sogar schwarz auf weiß ablesen in der Statistik zum Spiel: 46. Minute - Auswechslung Robert Prosinecki, 63. Minute - Auswechslung Davor Suker, 66. Minute - Auswechslung Alen Boksic. Die drei waren vor vier Jahren, bei der WM in Frankreich, die großen Helden ihres Landes, Dritter wurde Kroatien damals, mit feinem Kombinationsfußball, der der Mannschaft den Ruf eintrug, die "Brasilianer Europas" zu sein."
Matti Lieske (taz 4.6.) über die fulminante Auftaktphase der Italiener beim 2:0-Sieg gegen Ekuador: "Sobald sie den Ball hatten, schwärmten die Italiener jedenfalls von der ersten Minute an in die gegnerische Hälfte aus, als hätten sie nicht etwa den Catenaccio, sondern den Offensivfußball erfunden. Vor allem Francesco Totti, letzte Saison der beste Spieler der italienischen Liga, schoss, wirbelte und passte, dass den Ekuadorianern schwummrig vor Augen wurde. Zudem hatten diese offenbar noch nie etwas von Christian Vieri gehört. Immer wieder flutschte der flinke Stürmer von Inter Mailand, berüchtigt für seine schnellen Vorstöße, durch die Viererkette des Gegners und entschwand im freien Raum, wo die zumeist von Totti servierten Bälle schon seiner harrten (...) Die Mannschaft von Hernán Dário Gomez wirkte dabei zumindest in der Defensive phasenweise so, als hätte ein böser Dschinn die Abwehrspieler allesamt in Saudi-Araber verwandelt."
"Regisseur und Wunderstürmer"
"La coppia più bella del mondo!" - Das schönste Paar der Welt! "Italien spielt, die Show beginnt, alles ganz einfach für die Azzurri" titelt "La Repubblica". Francesco Totti und Bobo Vieri - "ein Traumpaar". Totti, der Regisseur, der die ekuadorianische Abwehr terrorisiert, und Vieri, der Wunderstürmer, der sie umkreist und ständig neue Einfälle und Einlagen auf Lager hat. Totti, der Romanist und Vieri, der Interist, gemeinsam das gefürchtetste Angriffstandem der WM. Trapattonis Rechnung sei aufgegangen, auch wenn es "in Wirklichkeit so läuft, wie die meisten geahnt hatten: Solange die Aktionen von Totti ausgehen, strahlt Italien, sobald der Romanist nicht involviert ist, haben die übrigen Mittelfeldspieler große Mühe, etwas Anständiges zustande zu bekommen."
Die NZZ erinnert an eine Begebenheit aus Südamerika, bei der Schüsse fielen. "Wäre die Geschichte nicht wahr, würde sie von den mit allerlei Dingen konfrontierten südamerikanischen Chronisten ganz bestimmt erfunden werden. Der heute 46-jährige Kolumbianer Hernan Dario Gomez betrat im Mai 2001 in Guayaquil, der Zwei-Millionen-Küstenstadt Ekuadors, ein Restaurant und setzte sich an einen Tisch. Wenige Minuten später war der ecuadorianische Fußball-Nationaltrainer in einen Disput verwickelt, weil er es gewagt hatte, ein Aufgebot für die Nachwuchsauswahl ohne den Spieler Abdala Bucaram zu erlassen. Die Heftigkeit des Zwischenfalls gründete mitunter darin, dass es sich im Falle Bucarams nicht um irgendeinen Spieler, sondern um den Sohn eines früheren Präsidenten des Landes handelte. Ehe Gomez wusste, wie ihm geschah, wähnte er sich schon mitten in einem üblen Film im Wilden Westen. Der Streit gipfelte doch in der Tat darin, dass Gomez' aufgebrachter und reklamierender Antipode, ein flammender Fürsprecher Bucarams, eine Schusswaffe zückte - und dem Trainer ins Bein schoss. Andere hätten das Land nach diesem Attentat sofort verlassen. Aber der glücklicherweise nicht schwer verletzte Gomez blieb."
"Gleichgeschaltete Presse in Tunesien"
Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" hat unter den WM-Teilnehmerländern eine Liste erstellt, in denen Journalisten es besonders schwer haben, ihrer Arbeit nachzugehen. Matti Lieske (taz 1.6.) dazu. "Zu den "Predators of press freedom" gehört zum Beispiel Prinz Abdullah Ibn al-Saud, der in Saudi-Arabien eine strenge Zensur des Internets sowie der gesamten Medien des Landes betreibt und missliebige Journalisten streng disziplinieren lässt. Ein weiterer Predator ist Chinas Staatschef Jiang Zemin, in dessen Land es zuletzt wieder ein Welle der Repression gegen kritische Journalisten gegeben hat. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin steht auf der Liste. Nicht nur in Tschetschenien sind Restriktionen gegen Medienvertreter, die systematische Einflussnahme des Staates auf Presseorgane sowie physische Angriffe bis zum Mord an der Tagesordnung. Tunesiens Präsident Ben Ali gehört ebenfalls zur illustren Gesellschaft. Die Presse des nordafrikanischen Landes ist praktisch gleichgeschaltet, wer sich nicht fügt, wird ins Exil getrieben oder verhaftet."