Pressespiegel: "Deutschland, genieße!" - DER SPIEGEL
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Pressespiegel "Deutschland, genieße!"

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter freistoß". Heute: WM-Euphorie in Deutschland, aber Sorge um die "Todesgruppen"-Teams aus England und Argentinien.
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"Fußball-Deutschland, genieße! Ohne Scham, ohne schlechtes Gewissen, ohne an die kommenden Aufgaben zu denken" fordert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Ein 8:0 über Saudi-Arabien macht aus einer mittelprächtigen Mannschaft zwar noch lange keinen WM-Favoriten. Aber es schafft die Voraussetzung dafür, über sich hinauszuwachsen."

Mit über den Moment hinaus gehenden Deutungen des in dieser Höhe nie und nimmer zu erwartenden Auftaktsiegs ist die deutsche Fußballpresse verständlicherweise zurückhaltend. "Ohne jeglichen Effekt ist ein in allen Belangen überzeugender Sieg natürlich nie. Er streichelt das Ego, macht eine breite Brust und einen schnellen Fuß" bemerkt die "Süddeutsche Zeitung" einerseits. Andererseits "bleiben wieder nur Umrisse von vergleichsfähigen Erkenntnissen."

Bei den anderen Spielen vom Wochenende haben vor allem die Argentinier - wenn auch ohne spielerischen Glanz - und die Dänen in Deutschlands Gazetten Eindruck hinterlassen. Außerdem hat man die Mannschaft Spaniens auf der Rechnung, die zum ersten mal seit 1950 ihr Auftaktspiel gewinnen konnte.

"Es gibt keine Schwächlinge mehr im Weltfußball"

Peter Heß ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") über den Aussagewert eines Ergebnisses aus "der Urzeit" des Fußballs. "Spätestens seit Kamerun 1990 Weltmeister Argentinien im Eröffnungsspiel der WM in Italien 1:0 besiegte, gilt das Motto: Es gibt keine Schwächlinge mehr im Weltfußball. Seitdem bestätigen afrikanische und asiatische Mannschaften regelmäßig diese These. Früchte der Globalisierung, die auch vor dem Fußball nicht halt macht. Europäische und südamerikanische Trainer haben so gute Entwicklungsarbeit geleistet, dass die Besten aus den exotischen Ländern längst in die besten Ligen importiert werden. Spieler aus Saudi-Arabien haben zwar noch nicht den Weg nach Europa gefunden, dennoch zählt ihre Nationalmannschaft nicht zur belächelten Landkundschaft. Seit 1988 erreichten die Saudis stets das Finale der Asienmeisterschaft gegen Konkurrenz wie Iran, Japan und Korea."

"Zu schön, um wahr zu sein"

Philipp Selldorf ("Süddeutsche Zeitung") sieht sich nicht dazu in der Lage, die Aussagekraft des deutschen Siegs einzuschätzen. "Von den Trainern hören wir ständig, es gäbe in der zivilisierten Fußballwelt keine leichten Gegner mehr - Monsieur Lemerre wird's bestätigen -, aber die Nationalspieler des DFB machen sich mittlerweile einen Spaß daraus, das Gegenteil zu demonstrieren. Und während man sich früher immer darüber ärgerte, wie sich die Deutschen gegen zweitklassige Widersacher mit Freistoßtreffern in der 89. Minute zum knappen Sieg quälten, so wird es einem heute fast peinlich zu sehen, wie sie hemmungslos Gegner deklassieren, die sie längst bezwungen haben. Ein 8:0 zum Einstand der WM, das ist zu schön, um wahr zu sein. Oder auch: Dieses monströse Resultat ist so irreal, dass man versucht ist, dessen Ernsthaftigkeit in Frage zu stellen."

"Deutschland zum Genießen"

Internationale Reaktionen auf den deutschen Kantersieg fasst Michael Horeni ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") zusammen. "Während im und um das Team von Völler noch nach einem passenden Bezugsrahmen für ein überdimensioniertes Ergebnis gegen einen real nur minimal Widerstand leistenden Gegner gesucht wurde, kehrt jenseits der Grenzen die Anerkennung wieder zurück. Der neue Fußball made in Germany hatte es Uefa-Präsident Lennart Johansson schon zuvor angetan, so dass er eigens nach Sapporo flog, um sich gut unterhalten zu lassen - was ihm wohl erstmals bei dieser Weltmeisterschaft vergönnt war.

"Deutschland zum Genießen", fand auch die erste Sportzeitung aus dem Land des traurigen Weltmeisters, und britische Blätter warnen schon vor dem Duell am Mittwoch gegen Irland, dass in Sapporo "ein Signal für noch größere Dinge gesetzt wurde". "Tatsächlich ging gegen Saudi-Arabien eine deutsche Mannschaft an ein fußballerisches Gesamtkunstwerk, dem es an nichts fehlte; außer vielleicht einem erstklassigen Gegner."

"England nutzt sein Potential nicht"

Den Stil der Argentinier (1:0-Sieger gegen Nigeria) beschreibt Martin Hägele ("Neue Zürcher Zeitung"). "Reichen gut einstudierte Eckbälle auch aus, um in vier Wochen die beste Fußballmannschaft auf dem Planeten zu sein? Dem Naturell oder Charakter der zwei argentinischen Auswahlen, die 1978 und 1986 das WM- Turnier dominiert hatten, entspricht dieser Stil gewiss nicht. Ästheten werden sich kaum in die neue Generation von Fußball-Gauchos verlieben."

Ronald Reng ("Frankfurter Rundschau") hat beim 1:1 gegen Schweden erneut zwei Gesichter der englischen Mannschaft gesehen. "Wieder einmal hat England gezeigt, welches Potenzial das Team besitzt; und wieder einmal hat es das nicht ausgenutzt. Es ist dieselbe alte Geschichte, seit Jahren schon. Weil die Elf das Publikum mit guten Phasen ahnen lässt, dass es das Halb- oder Viertelfinale einer WM erreichen könnte, ist es umso frustrierender, sie regelmäßig zusammenklappen zu sehen."

"Triumph aus dem Eröffnungsspiel wirkt nach"

Marion Aberle ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") berichtet von den Reaktionen der afrikanischen Öffentlichkeit auf das Auftaktwochenende. "Der Triumph aus dem Eröffnungsspiel wirkt noch nach. Das Echo in der afrikanischen Fußballwelt ist nur mit der WM 1990 zu vergleichen, als Kamerun im Eröffnungsspiel in Italien Weltmeister Argentinien 1:0 besiegte. Wie damals hofft man nun in Afrika, den Anschluss an die internationale Fußballelite zu schaffen. Es trifft sich gut, dass der Triumph Senegal zugefallen ist, einem Land, das zu den hoffnungsvollen Staaten in Afrika gerechnet wird. Senegals Präsident Wade steht zusammen mit dem südafrikanischen Präsidenten Mbeki hinter einem neuen Aufbauplan für den Kontinent, das die konfliktreiche Vergangenheit beenden und ein demokratisches und wirtschaftlich aufstrebendes Afrika schaffen soll. Senegals Sieg wurde daher als gutes Zeichen für die "afrikanische Renaissance" gewertet - nicht nur im Fußball."

"Keines der Stadien war zu hundert Prozent ausgelastet"

Die bisherige Anteilnahme der beiden Gastgeber am Turniergeschehen kommentiert Roland Zorn ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). "In Seoul und in vielen anderen Städten des Landes schauten sie am Freitag Abend stolz auf ihr Land. Bei den zahlreichen Begegnungen im öffentlichen Raum scharten sich die Menschen vor Großleinwänden in den Zentren der Kommunen oder in den mit Fernsehgeräten reichlich ausgerüsteten Bars und Kneipen zusammen. Als dann der spezielle Alltag dieses Turniers am Samstag in Japan und Korea begann, waren die ersten ernüchternden Beobachtungen ausgerechnet beim Blick auf die Tribünen zu machen. Keines der Stadien war zu hundert Prozent ausgelastet."