Pressespiegel "Eines der unsäglichsten Spiele"
Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) spricht von "einem der unsäglichsten Spiele der jüngeren Vergangenheit". Durch den 1:0-Erfolg Deutschlands über Paraguay fühlen sich manche Kommentatoren an frühere schmucklose (und am Ende erfolgreiche) Auftritte erinnert - wahlweise an 1982 (Finaleinzug nach mäßiger Vor- und Zwischenrunde), 1986 (Finaleinzug nach dürftigem 1:0 im Achtelfinale gegen Marokko in der 88. Minute), oder 1990 (Weltmeistertitel nach quälendem 1:0-Viertelfinalsieg gegen die CSSR). Doch welchen Realitätsgehalt haben die Erwartungen, die diese Déja-vu-Erlebnisse aufkommen lassen? Kann die Generation um Kahn, Klose und Ballack tatsächlich das "Erbe ihrer Vorgänger" "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) antreten?
"Die deutsche Nationalmannschaft gilt seit Jahrzehnten als Spezialist in der Kunst, viele Wünsche offen zu lassen und trotzdem wunschlos glücklich zu sein" sieht die "FAZ" den kommenden zwei Turnierwochen hoffnungsvoll entgegen, zumal im Viertelfinale mit den USA eine so genannte lösbare Aufgabe wartet. Jedenfalls - so bemerkt "die tageszeitung" (taz) augenzwinkernd - habe sich durch den Viertelfinaleinzug der DFB-Auswahl eine globale Fußballentwicklung bestätigt: "Die Kleinen haben deutlich aufgeholt."
"Zeiten der kultivierten WM-Spiele vorbei"
"Die Zeiten der hübschen, ansehnlichen, kultivierten Fußballspiele bei der Weltmeisterschaft in Korea und Japan sind vorbei. Ab sofort gibt es die prickelnden Zugaben: Golden Goal beim senegalesischen Sieg über Schweden, Elfmeterschießen beim zweiten Achtelfinale am Sonntag zwischen Spanien und Irland. Diese vier Teams demonstrierten den Unterschied zwischen einer Punkt- und einer K.-o.-Runde und ließen nichts aus, was im Fußball zum größten Nervenkitzel gehört", lesen wir in der "FAZ" anlässlich der sonntäglichen Achtelfinalpartien, die beide an Spannung und Dramatik nichts zu wünschen übrig ließen. Am Ende gab es glückliche Sieger (Senegal und Spanien) sowie tapfere Verlierer (Schweden und Irland). "Die WM wird die Iren und ihre lautstarke Reisegruppe vermissen" ("taz").
"Mythos der unerschütterlichen Deutschen"
Nach einem erfolgreichen "Gedulds- und Zermürbungsspiel" bemerkt Roland Zorn ("FAZ"): "Niemand sonst, allenfalls noch die Italiener, übersteht bei den großen Turnieren des Planeten Schwächeanfälle so kerngesund wie der deutsche Fußball (...) Gerade solche K.-o.-Treffer in der letzten Runde, in diesem Fall dank Neuvilles Tor in der 88. Minute, haben den Mythos von den unerschütterlichen Deutschen in der Fußballwelt begründet. Spielte die Mannschaft dagegen zur Abwechslung mal richtig schön und gut, mochten es die Beobachter aus anderen Ländern meist gar nicht glauben. Trotz eines Beckenbauer, trotz eines Netzer, trotz eines Overath - der deutsche Fußball stand immer unter dem manchmal beckmesserischen Vorbehalt der Ästheten."
"Atmosphäre wie beim Tanztee"
Ludger Schulze ("SZ") zum Spiel der Deutschen in der ersten Halbzeit. "Mit Schmackes hatte man den Ball in die entlegensten Ecken des Platzes gedroschen, als wäre es unter Androhung einer Zuchthausstrafe untersagt, ihn zu einem eigenen Mitspieler zu befördern. Und auf den Tribünen rätselten Beobachter, wie edle Fußballer, die schon die wertvollsten Pokale erobert haben, derart scheußliche Gewalttaten an einer unschuldigen Plastikblase verüben konnten. Englands Presse verlieh dem Achtelfinale Deutschland - Paraguay großzügig den Hässlichkeitspreis und stufte sie in der Kategorie der Partie England vs. Nigeria (0:0) ein - eines Kicks, der bei Zuschauern Schlafstörungen, Übelkeit und Migräneanfälle hervorgerufen haben soll. Haben die Menschen auf der südkoreanischem Insel Jeju geahnt, was auf sie zukommen würde? Nur 25.176 Zuschauer hatten für den bisher schlechtesten WM-Besuch gesorgt und dabei eine Atmosphäre wie beim Tanztee auf einem Unterhaltungsdampfer geschaffen."
"Bewegung und Drang im deutschen Spiel"
Zum "mühsamen" 1:0-Sieg meint Frank Ketterer ("taz"). "Vorerst vom Tisch dürfte die Partie gegen Paraguay übrigens auch die für Völler leidige Diskussion über die richtige Abwehrformation gewischt haben. Zwar hatte der Teamchef, dem Wunsch seiner Spieler entsprechend, zunächst eine Viererkette mit Frings, Rehmer, Linke und Metzelder ins Rennen geschickt, vor allem auf das Spiel nach vorne aber wirkte sich das eher hemmend aus. Erst als der Teamchef nach der Pause den agilen Sebastian Kehl für den schwachen Marko Rehmer brachte und wieder auf Dreierreihe umstellte, kam mehr Bewegung und Drang ins deutsche Spiel; in der Partie gegen Kamerun war es genau umgekehrt, was die ganze Diskussion ja erst angezettelt und Völler den Vorwurf eingebracht hatte, er würde mit dem falschen System spielen lassen."
"Die größte Persönlichkeit des aktuellen Weltfußballs"
Ludger Schulze ("SZ") portraitiert Kapitän Oliver Kahn. "Ihn als die Seele des Teams zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen. Er ist weit mehr. Behutsam hat er seinen Mitspielern den Glauben an sich selbst eingeflößt, ihnen wie ein Schamane Kräfte zugesprochen, die eigentlich nicht vorhanden waren ( ) Noch nie, nicht einmal zu Franz Beckenbauers Zeiten, hat die deutsche Nationalmannschaft einen so einflussreichen Kapitän gehabt. Und anders als starke Charaktere wie früher Toni Schumacher oder Paul Breitner zieht Kahn keinerlei Antipathie aus dem Kollegenkreis auf sich. Niemals zuvor hat sich eine derartige Machtfülle so wohltuend für das Ganze ausgewirkt. Weil Kahn, der Solist zwischen den Pfosten, ein großartiger Mannschaftsspieler ist. Das deutsche Team hat nicht nur den besten Schlussmann, es stützt sich auf die größte Persönlichkeit des aktuellen Weltfußballs."
"Deutscher Fußball im Ausland kein Markenartikel mehr"
Aus dem Spiel zieht Jan Christian Müller "Frankfurter Rundschau" (FR) Lehren. "Das verdient ehrlichen Respekt, auch wenn es derzeit noch schwer fällt, deshalb in überschwängliche Begeisterung zu verfallen. Bei aller Freude über den Sieg bleibt nämlich auch die Gewissheit, dass der deutsche Fußball im Ausland längst kein gängiger Markenartikel mehr ist. In Sapporo und Seogwipo waren die Stadien jeweils nur zu knapp zwei Dritteln gefüllt, wenn die DFB-Auswahl Flanken schlug. In Japan und Südkorea kennen die jungen Fans Beckham und Figo und del Piero und Zidane und jetzt auch neuerdings ihre eigenen Stars. Kahn immerhin ist allerorten ein Begriff. Ballack, Klose? Schulterzucken. Vielleicht schon mal gehört. Der aktuelle Stellenwert der deutschen Spieler ist also nicht sonderlich beeindruckend."
"indirekter-freistoss" ist die tägliche Fußball-Presseschau des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter der Leitung von Redakteur Oli Fritsch sucht ein Team aus jungen Wissenschaftlern in Tageszeitungen nach Neuigkeiten aus der Welt des Fußballs. Die Homepage bietet dem Fußballfreund aktuelle Hintergrundinformationen, zudem ein attraktives Gewinnspiel, Buchtipps und einen täglichen Newsletter.