Pressespiegel: Erinnerungen ans Preisboxen - DER SPIEGEL
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Pressespiegel Erinnerungen ans Preisboxen

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: die angebliche Bevorzugung Südkoreas durch die Schiedsrichter.
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Angesichts der unleugbaren Bevorzugung der Südkoreaner seitens der Schiedsrichter vernimmt die FR bei dieser WM "ein paar Gepflogenheiten des Profiboxens". Die FAZ fühlt sich ob des offensichtlichen Heimvorteils ebenso an "Preisboxen" erinnert und verspürt eine "verhangene und getrübte Stimmung", wodurch der "Glaube an die Reinheit der WM-Ergebnisse" (FAZ) Schaden genommen habe. Die SZ hingegen hält die Verschwörungstheorien aus dem südeuropäischem Raum - bei allem Verständnis für den Ärger - für überzogen und im Ansatz sogar "rassistisch."

"Konspirationstheorie verbietet sich"

Zur Schiedsrichterdiskussion schreibt Jan Christian Müller (FR). "Am liebsten wären die Koreaner derzeit einfach nur stolz auf ihre Fußball-Nationalmannschaft. Das können sie aber nicht ungetrübt, weil es eine ganze Reihe Menschen aus Europa gibt, die ihnen Machenschaften mit der Fifa und deren Schiedsrichtern unterstellen. Oder die behaupten, der Druck, der durch den Ohren betäubenden Lärm der roten Menge in den Stadien auf die Unparteiischen und deren Assistenten wirkt, beeinflusse deren Entscheidungen zugunsten des Co-Gastgebers. Bei vielen Koreanern mischt sich in den Stolz und die Freude über das Unerwartete daher ein schlechtes Gewissen. Was ausgesprochen schade ist. Denn dieses gastfreundliche, gegenüber Ausländern (und also auch Schiedsrichtern) höchst rücksichtsvolle Volk trägt selbstverständlich nicht die Verantwortung für Entscheidungen, die - viel mehr noch als den auf peinlichste Art und Weise überreagierenden Italienern - den Spaniern das Weiterkommen verwehrt haben. Solange es für die Konspirationstheorie nicht den Ansatz eines Beweises gibt, verbietet sie sich die These. Die Unterstellung, die Unparteiischen würden ihre Unparteilichkeit aufgrund der Atmosphäre in den Stadien verlieren, ist noch grotesker. Kaum ein koreanischer Fan würde es überhaupt merken, wenn ein gegnerischer Spieler ein Tor weit aus dem Abseits heraus erzielt hätte. Dazu fehlt es den meisten Koreanern schlicht an Fachwissen."

"Von der Kulisse eingeschüchtert"

"Wenn bei der K.-o.-Runde der Weltmeisterschaften mehr als über Spiele und Spieler über die Unparteiischen geredet wird, steht die Glaubwürdigkeit einer großen Sportveranstaltung auf dem Spiel", konstatiert Roland Zorn (FAZ). "Zufall? Pfeift da wer auf Wunsch? Das fragen sich inzwischen manche Fußballfreunde, ohne sogleich ein Komplott zu unterstellen. Auch wer die bösesten und schlimmsten Gedanken im Blick auf die Schiedsrichter unterdrückt, kommt zu dem Schluss, dass bei einer Weltmeisterschaft in Zukunft nicht mehr 36 Unparteiische und 36 Assistenten eingeladen werden sollten - noch dazu ausgesucht unter Quotierungs- und Paritätsgesichtspunkten. Die Masse macht's bei dieser WM eben nicht, wenn wie am Samstag in Gwangju zwei Linienrichter aus Trinidad-Tobago und Uganda vom Tempo des Spitzenfußballs überfordert sind und von der Kulisse eingeschüchtert werden."

"Gäste spüren Respekt auf Schritt und Tritt"

Ralf Wiegand (SZ) kritisiert die Schiedsrichterschelte aus Europa. "Unfähige, womöglich angestiftete "Unparteiische" hievten Südkoreas müdes Fighting Team ins Halbfinale. Erst Italien, jetzt Spanien. Das ist das Bild, das in Europa nun gezeichnet wird. Gastfreundliches Asien? Pah! Es ist ein ebenso primitiver wie unhöflicher Akt, den Frust, den die so genannten Fußball-Nationen empfinden, in die finstere Theorie einer konspirativen Bevorzugung der Koreaner münden zu lassen (...) Der blanke Hass, der dem Golden-Goal-Schützen Jung Hwan Ahn aus Italien entgegenschlägt, und die Andeutungen einer Verschwörung, die nun vor allem in Europa kursieren, treffen ein aufgeputschtes Korea mitten ins glühend heiße Herz. Diese Nation ist gerade dabei, sich mittels Fußball vom Komplex zu befreien, Europa und Amerika unterlegen zu sein und gibt deshalb eine ganze Menge auf die Meinung des Auslandes. Den Respekt spüren Gäste in Korea auf Schritt und Tritt. Dass die Koreaner nun hören müssen, die vermutlich größte Sensation der WM-Geschichte sei nur eine kleine Mogelei, macht sie traurig und wütend. In den Zeitungen des Landes werden die Reaktionen aus Europa heute ein entsprechendes Echo finden, die Korea Times etwa bezeichnet die hochnäsige Art, den koreanischen Erfolg unfähigen Schiedsrichtern zuzuschreiben und nicht den leidenschaftlichen Spielern, als eine besondere Form des Rassismus, der nur Ländern mit einer Vergangenheit als Kolonialherren einfallen könnte."

"Auch Türken haben Respekt abgelegt"

Vor den morgigen Halbfinals schreibt Felix Reidhaar (NZZ) zur Situation der zwei vermeintlichen Underdogs. "Dass sie in den letzten drei Partien gegen Portugiesen, Italiener und Spanier anstelle übertriebener Vorsicht, wie man sie in ähnlichen Konstellationen in Europa her kennt, eigenen Fähigkeiten zum Durchbruch zu verhelfen versuchten, spricht für die im "dynamischen Korea" verankerte Mentalität. Auch die Türken haben spätestens seit dem Gruppenmatch gegen denselben Gegner vor drei Wochen in Ulsan übertriebenen Respekt abgelegt. Die Brasilianer sind für sie so wenig eine entrückte Fußballnation mehr wie die Deutschen für die Koreaner - eine Erkenntnis des Turniers mit der Haupttendenz gleichmacherischer Qualitätsentwicklung. Man kann den Erfolg der Einheimischen gleichwohl nicht isoliert von den Schiedsrichterleistungen sehen, die seit langem nicht mehr so häufig Anlass zu Polemiken gaben wie in Ostasien. So augenfällig die Koreaner bisher von Entscheiden profitiert haben, so hirnrissig sind in den Ländern der Etablierten laut gewordene Vorwürfe methodischer Begünstigung, die dem Veranstalter aus wirtschaftlichen Gründen zuteil werde."


"indirekter-freistoss" ist die tägliche Fußball-Presseschau des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter der Leitung von Redakteur Oli Fritsch sucht ein Team aus jungen Wissenschaftlern in Tageszeitungen nach Neuigkeiten aus der Welt des Fußballs. Die Homepage bietet dem Fußballfreund aktuelle Hintergrundinformationen, zudem ein attraktives Gewinnspiel, Buchtipps und einen täglichen Newsletter.