Pressespiegel "Faule Beine und Köpfe"
Mit anderthalb Beinen bereits im Achtelfinale ist die deutsche Elf durch Robbie Keanes Ausgleich in der Nachspielzeit zurückgeholt worden. Von einem für die Iren "hochverdienten" Ergebnis spricht die "Neue Zürcher Zeitung", die "taz" gar von einem "schmeichelhaften" Resultat für Deutschland, in dessen Lager nach dem Kantersieg gegen Saudi-Arabien "der Alltag wieder eingekehrt ist" ("Neue Zürcher Zeitung").
"Die eigentliche Erkenntnis des Spiels aber war, dass die Mannschaft, die manche deutsche Zeitung nach dem 8:0 gegen Saudi-Arabien schon auf dem Weg ins WM-Finale wähnte, von einer biederen irischen Mannschaft recht problemlos auf Prä-WM-Normalmaß zurechtgestutzt werden konnte", schreibt Thomas Winkler ("taz"). In der Tat verweigerten die Iren von Anfang an den Respekt, den man erhofft hatte durch die acht Treffer gegen die Saudis in den gegnerischen Lagern verursacht zu haben.
Die Berichterstattung in den Zeitungen trägt teilweise reflexhafte Züge. "Eben noch schien sich die Frage nach dem Lieblingsfinalgegner zu stellen", liest man in Die Welt. Jedoch bange man nach dem - mit ursprünglichen Erwartungen gemessenen keineswegs enttäuschenden - Remis sogleich um den Einzug in die nächste Runde, lautet der Vorwurf an diejenigen, die durch das Eröffnungsmatch eine Renaissance des deutschen Fußballs eingeleitet sahen. Doch stimmt diese Diagnose, wonach der Auftakterfolg eine allgemeine Euphorie ausgelöst haben soll? In pauschaler Form sicherlich nicht. Vielmehr hatten die Fußballautoren den Sieg gegen die Araber vorsichtig einzuschätzen versucht.
Spielern und Trainern konnte man ebenfalls nicht nachsagen, dem 8:0 zu viel Bedeutung beigemessen zu haben. Allenfalls Mehrheiten der fußballinteressierten Bevölkerung hierzulande sahen - Umfragen zufolge - die Elf bereits im Halbfinale. "Das vielversprechende Aufbauwerk von Rudi Völler" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") hat nun eine hohe Hürde zu nehmen. Gegen Afrikameister Kamerun darf man sich keine Niederlage erlauben. "Doch Völlers Equipe", machen uns südliche Nachbarn ("Neue Zürcher Zeitung am Sonntag") Mut, "hat während der Qualifikation schon einiges überstanden und weggesteckt."
Frank Ketterer ("taz") über die veränderte Spielweise der deutschen Elf. "Wo sie gegen die Saudis noch torhungrig nachgesetzt und den Gegner einfach an die Wand gespielt hatte, versuchte sie sich nun in Pragmatismus. Zur gepflegten Ergebniskontrolle aber, das machte dieser Mittwochabend deutlich, fehlt dieser Mannschaft die spielerische Souveränität. Und so schalteten die Deutschen nicht nur einen Gang zurück, sondern drosselten den Motor ihres Spiels so sehr, dass er zu stottern anfing und gegen Ende tatsächlich noch abwürgte."
"Muster ohne Wert"
Martin Hägele ("Neue Zürcher Zeitung") äußert sich über die weiteren Aussichten Deutschlands. "Ein Punkt muss halt noch her, aber auch diese Rechenübungen kennt man aus der jüngeren Vergangenheit dieser deutschen Nationalelf. Hat sie nicht gerade unter solchen Vorzeichen versagt, wenn es darum ging, nur ein einziges Törchen vorzulegen oder den einen wichtigen Punkt festzuhalten, wie das in den Qualifikationsspielen mit Finnland und England der Fall gewesen war? Die Frage nach dem Charakter der Mannschaft und auch nach deren Klasse wird nun wieder einmal gestellt. Viele Kritiker fühlen sich jedenfalls bestätigt, dass das Schützenfest beim 8:0 gegen Saudi-Arabien nicht mehr als ein Muster ohne Wert war. Sobald sich die Deutschen in der Favoritenrolle befinden und ein Spiel selbst bestimmen müssen, geraten sie schnell auf gefährliches Terrain (...) Allerdings können die Deutschen jetzt ihre Nachbarn und Fußballfreunde aus Holland besser verstehen, die wegen ebendieser Iren den sportlichen Notstand ausrufen mussten."
Über die neue WM-Realität schreibt Jan Christian Müller ("Frankfurter Rundschau"). "Auf dem Platz zeigte sich dann aber ganz schnell, dass der "Irländer" (O-Ton Rudi Völler) sich weniger genügsam verhält als der Saudi. Allein in den ersten fünf Minuten verloren die Deutschen mehr Zweikämpfe als im ersten Spiel während der gesamten ersten Halbzeit. Es schien, als sei die DFB-Elf überrascht, wie offensiv die unerschrockenen Iren sich ihr entgegenstellten. Völler hatte jedenfalls einen destruktiveren Gegner erwartet."
Ludger Schulze ("Süddeutsche Zeitung") entdeckt dennoch psychologische Vorteile. "Raketenartig war das anfangs eher unterschätzte DFB-Team von einigen Experten, Medien und Fans wieder zurück in den Orbit der Favoriten geschossen worden - zum Missfallen Völlers. Das hat sich glücklicherweise erledigt. Denn die Bürde des Favoriten wiegt wie ein Rucksack auf dem Buckel. Jedenfalls zu schwer für eine bei allen guten Ansätzen doch limitierte Mannschaft."
"Mangel an Realismus und Inspiration"
Eine Spielanalyse von Philipp Selldorf ("Süddeutsche Zeitung"). "Die Partie stand unter dem Bann der frühen Führung. Sie hatte keine Längen, aber bei mäßigem Tempo wenige Höhepunkte. Den Deutschen stand nicht mehr der Sinn nach Spaßfußball wie zuletzt gegen die Spielkameraden aus Österreich oder vom arabischen Golf. Sie ließen die Iren kommen, zogen sich oft tief in ihre Hälfte zurück. Auf Konter zu spekulieren, lag vielleicht in der Logik der ersten Möglichkeit - mutig war es nicht. Und es war riskant."
Mit der Frage nach den Folgen der bisherigen Ereignisse beschäftigt sich Michael Horeni ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). "Abgesehen von der sportlichen Dramatik befindet sich die deutsche Elf in einer Lage, die vor fünf Tagen noch als normal empfunden worden wäre. Ein Sieg gegen die Araber, ein Unentschieden gegen die Iren - diese Ergebnisse spiegeln ziemlich exakt die Leistungsstärke der deutschen Auswahl der vergangenen Monaten wieder. Doch durch die beiden unerwarteten Ereignisse - acht Tore gegen Saudi-Arabien, der Rückschlag gegen Irland - spielt auf einmal die Psychologie eine tragende Rolle. Ob sich die Leverkusener Krankheit, große Ziele kurz vor Schluss nach imponierenden Leistungen doch noch zu verspielen, auf die Nationalelf überträgt, lautet nun die entscheidende Frage vor dem Duell gegen die angeblich unbezähmbaren Löwen von Winfried Schäfer."
Andreas Lorenz ("Die Welt") rät ebenfalls zu Gelassenheit. "Dabei ist doch nach wie vor alles so, wie es war. Die Nationalelf schießt kleine Gegner ab. Die deutsche Abwehr ist in jeder Sekunde des Spiels für ein Gegentor gut. Deutschland hat gute Feldspieler, aber keinen wirklich überragenden Antreiber. Oliver Kahn pariert regelmäßig Unmögliche, kann aber unmöglich alles parieren."
"Der irische Gegner, sehr ernsthaft agierend", schreibt die französische Zeitung "Libération", "hat im deutschen Team einen gewissen Mangel an Realismus und Inspiration offen gelegt. Als problematisch entpuppt sich das Fehlen eines Leaders im Spiel der Deutschen insofern, als dass es einer Mannschaft sehr selten gelungen ist ohne Leitfigur, weit in die Finalspiele vorzudringen."
In der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" lesen wir. "Deutschland war von der italienischen Krankheit befallen, ohne allerdings italienische Medikamente zur Verfügung zu haben: Es wurde auf den Vorsprung und die Qualifikation spekuliert. Deutschland hat elegantes Angriffsspiel versprochen und faule Beine und Köpfe geliefert." Ähnlich der Tenor im "Corriere della Sera". "Die irische Mannschaft spielte mit einer Leidenschaft, die umgekehrt proportional zu ihren eigentlichen offensiven Fähigkeiten ist. Die Deutschen, deren lahme Abwehr die Rückkehr Rehmers dringend nötig hätte, praktizieren außer Ballack ihren üblichen zusammenhanglosen, kraftstrotzenden Fußball von geringer Qualität und mit monotoner Steuerung."
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