Pressespiegel: "Gestern Held, heute Trottel" - DER SPIEGEL
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Pressespiegel "Gestern Held, heute Trottel"

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Taktische Entwicklungen im Weltfußball, die Krise in Italien und die Schiedsrichterdiskussion.
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"Die taktischen Fortschritte der Underdogs auch in der Offensive haben den Ausgang der Spiele wieder zufälliger werden lassen“, schreibt "Der Tagesspiegel" - und weiter: "Zumindest strukturell hat das DFB-Team die Modernisierungslücke geschlossen, die unter seinen Vorgängern aufgerissen worden ist. Taktisch hat der deutsche Fußball wieder Anschluss gefunden.“

"Umfassende Globalisierung des Sports"


Stefan Hermanns ("Der Tagesspiegel"): "Der Weltfußball ist von der großen Unübersichtlichkeit ergriffen worden: Wer gestern Held war, ist heute Trottel. Und kann morgen schon wieder Held sein. Von den letzten acht Mannschaften des WM-Turniers standen drei, Südkorea, die Türkei und der Senegal, noch nie in einem Viertelfinale, die USA erreichten immerhin 1930 das Halbfinale. Allerdings stieß die Veranstaltung Fußball-Weltmeisterschaft da noch auf ähnlich großes Interesse wie heute die offenen aserbaidschanischen Dart-Meisterschaften. Inzwischen aber hat der Fußball auch den letzten Winkel der Welt erfasst, und die überraschenden Ergebnisse dieser WM sind nicht zuletzt ein Ausdruck der umfassenden Globalisierung dieses Sports. Der internationale Fußball kennt keine nationalen Eigenheiten mehr: So wie chinesische Jugendliche in Peking genauso zu McDonald’s gehen wie gleichaltrige Amerikaner irgendwo in Ohio, spielen 17-jährige Ghanaer eben in der A-Jugend deutscher Fußball-Bundesligisten. Den italienischen Catenaccio beherrscht Paraguay inzwischen besser als Italien selbst, und der Senegal ist zumindest bei dieser WM das stärkere Frankreich.“

"Riesiger Fortschritte der so genannten Kleinen"


Eine Analyse der taktischen Entwicklungen liefert uns Ulrich Fuchs ("Der Tagesspiegel"): "Markiert diese WM den Richtungswechsel zurück zur Dominanz der Defensive, die zuletzt bei der EM 1996 in England zu beobachten war? Ein Spiel, das wieder stärker von der Physis bestimmt ist als von der filigranen Technik seiner Protagonisten? Sicher ist jedenfalls, dass mit Frankreich, Argentinien und Portugal schon drei Teams die Heimreise angetreten haben, die nicht nur zum Favoritenfeld gezählt wurden, sondern auch für jene Übereinkunft von Ästhetik und Effizienz standen, die dem Fußball in der Weltspitze in den letzten Jahren ihren Stempel aufgedrückt hat. Im Kreis der letzten acht sind nun Brasilien und - mit Einschränkungen - Spanien und Senegal die letzten Repräsentanten eines Spiels, bei dem eine Ansammlung überragender Individualisten den Stil des Kollektivs prägt. Mit offensivem Spektakel aber haben auch sie sich bisher in Zurückhaltung geübt. Von einer Trendwende zu sprechen, ist trotzdem verfrüht. Weil jenseits des spektakulären Favoritensterbens ein Phänomen zu beobachten ist, das als seine Kehrseite in eine andere Richtung weist. Die so genannten Kleinen haben riesige Fortschritte gemacht, die taktischen Maßgaben des modernen Spiels sind von einem Großteil der Teilnehmer in einer Qualität umgesetzt worden, die so nicht unbedingt zu erwarten war.“

"Wie Falschparken im Straßenverkehr"


Zur Schiedsrichterdiskussion meint Thomas Klemm ("FAZ"). "Mit dem hohen sportlichen Niveau dieser WM-Endrunde können die Unparteiischen in ihrem Metier selten mithalten. Als könnten sie Tempo und Tricks des modernen Fußballs nicht folgen, leisteten sie sich folgenschwere Fehlentscheidungen in Reihe: Reguläre Treffer wie jene vom Italiener Vieri gegen Kroatien oder vom Belgier Wilmots gegen Brasilien, die ein Spiel hätten anders verlaufen lassen, werden nicht anerkannt. Bei einer Berührung im Zweikampf mit anschließendem Fall entscheiden die einen auf Foulelfmeter, die anderen halten dem Angreifer wegen vermeintlichen Simulierens die Gelbe Karte vor (...) Das unsportliche Schau-Spiel, schon beim Fußballnachwuchs geduldet, wird im Kampf um Titel und Tantiemen oft als Kavaliersdelikt angesehen. Wie Falschparken im Straßenverkehr. Viele Entscheidungen, gerade gegenüber Fußballnationen mit einem ausgeprägten Hang zur Theatralik wie Italien oder Portugal, deuten allerdings darauf hin, dass mancher Schiedsrichter über alle Maßen motiviert und sensibilisiert ist. Eine Woche im März hatten sich alle zu einem Vorbereitungsseminar getroffen, um Täuschungsmanöver von Spielern auf Videoaufzeichnungen zu studieren. Eine Laborsituation, die im Ernstfall wenig hilft. Die Bewährung folgt im Stadion und in seiner Atmosphäre. Ob es mehr als Zufall war, dass Südkorea sowohl gegen Portugal als auch gegen Italien Nutznießer von Schiedsrichter-Entscheidungen war?“

"Vittimismo, wenn Furbismo versagt"


Zum Ausscheiden Italiens wirft Peter Hartmann ("Neue Züricher Zeitung) ein. "Das Debakel an der WM hat die Wunden der italienischen Fußballkrise wieder aufgerissen. In der Champions League nehmen die Italo-Klubs seit drei Jahren frühzeitig den Ausgang. Die einst "schönste Meisterschaft der Welt“, als noch Zico, Platini und Maradona spielten, erstickt an den Abwürgekonzepten der Trainer. "Die Kreativität erzeugt Angst in diesem Land“, sagt der Photograph Oliviero Toscani. Aber die Trainer sind nicht die Alleinschuldigen, in der Fremde werden sie als brillante Strategen bewundert. Trapattoni wurde mit Bayern Deutscher Meister, Capello gewann mit Real Madrid auf Anhieb den Titel, Eriksson, von seiner Italien-Erfahrung geprägt, ist mit England erfolgreich. Die Krise ist ein Mentalitätszustand einer Mischung aus Hysterie und Kopfjägerei in den Medien und der realitätsfernen Megalomanie, dem Verschwendungszwang von wichtigtuerischen Präsidenten. Sie wurzelt in einer italienischen Nationalkrankheit, dem Furbismo: Immer schlauer sein als die andern, bis zur Passfälscherei ausländischer Spieler. Kombiniert mit dem Vittimismo, der Opferrolle, die immer dann gesucht wird, wenn der Furbismo versagt. Der Mechanismus spielt auch jetzt wieder: Schuld am Ausscheiden Italiens ist eine internationale Verschwörung.“

"Der liebe Rudi kann auch knallhart sein"


Der Werdegang von Teamchef Rudi Völler erinnert Michael Horeni ("FAZ") an denjenigen Beckenbauers. "Nicht nur die Mannschaft ist in Korea unversehens zur Zielscheibe geworden, auch der Teamchef. Der verteidigt furchtlos wie einst Beckenbauer seine Auswahl, die er aus den Trümmern einer Europameisterschaft wieder an die Weltspitze und vier Jahre später zum WM-Titel führen sollte. Aber ein wenig hat sich die Zeit seit 1986 natürlich verändert. Und die öffentliche Abschottung der Mannschaft, die Völler wie einst sein Fußballlehrer Otto Rehhagel unbeirrt gegen jede Veränderung zu verfolgen trachtet, stößt beim Medienereignis Nationalelf im 21. Jahrhundert an Grenzen, die der Teamchef, anders als Beckenbauer, nur schwer zu akzeptieren bereit ist. Nach fünf Wochen in diesem Fußball-Medienkosmos werden daher auch die Eigenheiten, das Profil des Teamchefs immer schärfer erkennbar: Der liebe Rudi, Eingeweihte wissen das längst, kann auch knallhart sein.“

"Auf den rechten Moment der eigenen Attacke warten"


Zur Situation des englischen Fußballs meint Peter Heß ("FAZ"). "Ein paar hoffnungslose Romantiker sehen sich immer noch nach den guten alten Zeiten. Damals, als englische Nationalmannschaften rannten, ackerten und kämpften, bis ihnen das Blut in den Fußballstiefeln stand. Immer mit vollem Einsatz das Spielfeld rauf und runter - und doch nie am Ziel. Diesen Nostalgikern kommt gar nicht der Gedanke, dass der typisch britische Stil vielleicht der Grund für die anhaltende Erfolglosigkeit ist (...) Von den Ewiggestrigen zu den Fortschrittsgläubigen: Die meisten englischen Fußballbegeisterten sind von Sven-Göran Eriksson ganz hingerissen. Nicht, weil die Engländer seinen Fußball vom Reißbrett so sehr liebten. Sie lieben es zu siegen (...) Eriksson verhehlt nicht, Sohn eines schwedischen Bauern, dass die Zeit in Italien ihn taktisch geprägt habe. Dort führte er Sampdoria sowie die AS Roma und Lazio zu nationalen Meister- und Pokalehren, auf eine Art und Weise, wie sie die meisten italienischen Trainer pflegen: kein Risiko eingehen, Torchancen des Gegners vermeiden, auf den rechten Moment der eigenen Attacke warten.“

"indirekter-freistoss" ist die tägliche Fußball-Presseschau des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter der Leitung von Redakteur Oli Fritsch sucht ein Team aus jungen Wissenschaftlern in Tageszeitungen nach Neuigkeiten aus der Welt des Fußballs. Die Homepage bietet dem Fußballfreund aktuelle Hintergrundinformationen, zudem ein attraktives Gewinnspiel, Buchtipps und einen täglichen Newsletter.