Pressespiegel: "WM der filigranen Kraftmeier" - DER SPIEGEL
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Pressespiegel "WM der filigranen Kraftmeier"

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter freistoss". Heute: Müde Starspieler, kraftvolle Außenseiter und die Sehnsucht der Deutschen nach einem Chef.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Weltmeisterschaft in Asien ist nun gut eine Woche alt, und die Suche nach Trends hat erste Ergebnisse gebracht. Einer allgegenwärtigen Aussage zufolge ist es das Turnier des Favoritenscheiterns. "Im großen Ganzen dieser WM fügte sich Argentiniens Niederlage bestens in den Trend", heißt es in der "Frankfurter Rundschau" (FR) nach dem 0:1 der hochgehandelten Südamerikaner gegen England.

In Anbetracht der heiklen Lage des Titelverteidiger Frankreich "besteht nun die kuriose, aber realistische Chance, dass die beiden Turnierfavoriten gemeinsam in der Vorrunde ausscheiden" ("FR"). Man darf zweifellos festhalten: Einen eindeutigen Favoriten gibt es nicht (mehr) - nicht mal einen engen Favoritenkreis. Dieser hat sich auf mehr als ein halbes Dutzend Teams erweitert.

Worin nun liegen die Ursachen dieser vermeintlichen Tendenz? Nach einer auszehrenden Saison in nationalen Vereinsmeisterschaften sowie auf dem Europapokalparkett seien viele Weltstars am Ende ihrer Kräfte und Konzentration, ist in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) zu lesen. Dies habe zur Folge, dass die "Kleinen" ihre spielerischen Rückstände durch physisches Investment aufwiegen können, mehr noch: ihre Gegner streckenweise dominieren, wie das Beispiel der siegreichen Amerikaner gegen die Portugiesen gezeigt habe.

"Überspielte und ausgebrannte Teams"

"Kann es also sein, dass diese Spiele womöglich gar nicht die wahren Kräfteverhältnisse widerspiegeln?" fragt die "FR" nicht ohne Sorge um eine Entwertung des wesenhaft bedeutendsten globalen Fußballereignisses und im Hinblick auf eine mögliche Verzerrung des Endklassements. Werden wir Zeuge einer "Kraftmeier-WM", bei der "überspielte und ausgebrannte Teams keine Chance haben", wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) befürchtet und "Kraft- und Tempobolzer den Ton angeben" ("FR")?

Doch wird die WM 2002 am Ende tatsächlich als das Turnier der Überraschungen in die Annalen eingehen? Gegen die Diagnose des Machtausgleichs innerhalb der Fußballweltgemeinde spricht zum Beispiel das 8:0 der Deutschen gegen Saudi-Arabien - ein Ergebnis aus dem Mustopf der Fußballhistorie. Außerdem ist die Vergänglichkeit von Prognosen - die man aus den Äußerungen und Fragestellungen der Presse ableiten könnte - im Fußballspiel hinlänglich bekannt. Außerdem: die Hierarchie in der deutschen Nationalmannschaft sowie französisches Pfeifen im Walde.

"Demonstration unverbrauchter Spielfreude"

Die Ursachen für die Schwäche der Favoriten sind, Roland Zorn ("FAZ") zufolge, im Vorfeld der WM zu finden. "Was ist bloß los mit mancher Ikone aus den stärksten europäischen Ligen und der Champions League zum Höhepunkt eines endlos langen Spieljahrs? Sie sind teils verletzt wie Zidane, teils uninspiriert wie Figo, teils überstrapaziert wie Ballack, teils außer Form wie Veron. Gegenüber den von bis zu siebzig Pflichtterminen in ihren Klubs zermürbten Profis aus der europäischen Spitzenklasse wirken die WM-Aufsteiger aus Südkorea, Senegal oder den Vereinigten Staaten taufrisch. Monatelang hatten die Trainer Guus Hiddink und Bruce Arena Zeit, ihre Teams auf den Tag X einzustimmen und einzuschwören, während die Senegalesen, beflügelt durch den unerwarteten Satz auf Platz zwei bei der Afrikameisterschaft, ihre Premiere bei einer Weltmeisterschaft sogleich zu einer Demonstration unverbrauchter Spielfreude nutzten. Für die Aufsteiger der weltgrößten Ballmesse kommt die WM gerade recht, für die Absteiger und Sitzenbleiber dieser WM kommt sie augenscheinlich zu spät."

Helmut Schümann ("Tagesspiegel") meint zum selben Thema. "Die Superstars sind es, die den Unterschied machen zwischen großen und grandiosen Mannschaften. Jetzt sind sie malade, die Superstars, und die Mannschaften sind gleichwertig. Auch deshalb gibt es so viele offene Spiele."

"Diese WM wird eine WM der Kraftmeier sein"

Das heutige Anforderungsprofil eines Fußballers skizziert Thomas Kilchenstein ("FR"). "Der moderne Fußballer muss ein Athlet sein. Er muss Kraft haben, viel Kraft, er muss physisch enorm stark sein, und er muss schnell sein. Diese WM wird eine WM der Kraftmeier sein, der filigranen Kraftmeier. Denn natürlich ist für den Erfolg im Strafraum letzten Endes immer noch die bessere Ballbehandlung ausschlaggebend. Dies freilich ist die Grundvoraussetzung, ohne ein gehöriges Maß an Technik nutzen selbst die in tausend Stunden Fitness-Studio erworbenen "Muckis" nichts. Nur: ohne die notwendige Kraft, ohne entsprechende Physis geht kaum mehr etwas, da nutzt auch die beste Technik nichts."

"Ballack aber bleibt ruhig"

Über die Außendarstellung Michael Ballacks schreibt Michael Horeni ("FAZ"). "Nach dem 1:1 gegen Irland wurde Ballack immer wieder dazu gedrängt, sich der Kritik von Franz Beckenbauer zu stellen, sie zu kontern, zu widerlegen. Beckenbauer hatte beklagt, dem deutschen Team fehle der Chef auf dem Platz - und das sind Sätze, die nachhallen, wenn in letzter Minute die sicher geglaubte Qualifikation entgleitet. Ballack aber bleibt ruhig, cool könnte man sagen. Er hebt auf dem Podium weder die Stimme, noch lässt er sich zu Protesten hinreißen. Er sagt vollkommen unaufgeregt, was er seiner Meinung nach sagen muss. Er benutzt dabei nicht ein einziges Mal das Wort "ich". Er spricht stets von "wir", von der Mannschaft, und viele meinen zu erkennen, diese Antworten im Kollektivbewusstsein seien das letzte Erbe der DDR, das aus dem in Görlitz geborenen und in Sachsen aufgewachsenen deutschen Ausnahmeprofi spricht."

"Verlangen nach einem Anführer"

Philipp Selldorf ("SZ") kommentiert die Debatte um die "deutsche Chefsehnsucht". "Die Deutschen sind gern Liebhaber des demokratischen, kooperativen Stils, solange er genehme Ergebnisse liefert. Aber wenn etwas nicht geklappt hat, wird spontan das Verlangen nach einem Anführer laut, der die Probleme für die angeblich herrenlose Gruppe löst."

Mark Schilling (NZZ) bezeichnet die Reaktionen der französischen Spieler nach dem Remis gegen Uruguay als "Autosuggestion". "Wenn allerdings Desailly der Hoffnung Ausdruck verleiht, dass es am Dienstag zur Nachmittagsstunde sehr heiß sein werde, weil die Skandinavier die Hitze weniger gut vertrügen, sagt dies auch einiges aus. Wann ist schon letztmals das Selbstverständnis der Franzosen so erschüttert gewesen, dass Petrus angerufen werden musste?"


"indirekter-freistoss" ist die tägliche Fußball-Presseschau des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter der Leitung von Redakteur Oli Fritsch sucht ein Team aus jungen Wissenschaftlern in Tageszeitungen nach Neuigkeiten aus der Welt des Fußballs. Die Homepage bietet dem Fußballfreund aktuelle Hintergrundinformationen, zudem ein attraktives Gewinnspiel, Buchtipps und einen täglichen Newsletter.