Pressestimmen: "Klinsmann, der Killer des Titans" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Pressestimmen "Klinsmann, der Killer des Titans"

Die deutsche Presse ist sich einig: Jürgen Klinsmanns Entscheidung für Jens Lehmann ist aus sportlichen Gründen gerechtfertigt. Kritisiert wird jedoch die Art und Weise, wie der Bundestrainer den bisherigen Stammtorwart Oliver Kahn degradierte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburger Abendblatt: "Klinsmanns Wahl ist nachvollziehbar. Lehmanns Spielweise passt bestens zur offensiven Ausrichtung der DFB-Auswahl, im Gegensatz zu Kahn befindet sich der Torwart von Arsenal London außerdem seit Monaten im Formhoch und untermauert das auch in der Champions League. Fußball-Deutschland täte gut daran, Klinsmanns Entscheidung zu respektieren. Und der demontierte Ex-Titan Kahn täte gut daran, seinen Rücktritt von der Nationalmannschaft zu erklären."

Sächsische Zeitung: "Jürgen Klinsmann hätte keinen besseren Zeitpunkt für seine Entscheidung in der Torwart-Frage finden können. Oliver Kahn offenbarte seit einigen Tagen ungewohnte kleinere und größere Schwächen sowohl in der Fußball-Nationalmannschaft als auch beim FC Bayern München. Statt der gewohnten Souveränität der Nummer eins im deutschen Tor fiel eine ungewohnte Verunsicherung auf. Der Herausforderer Jens Lehmann konnte sich im Fernduell somit begnügen, fehlerlos zu bleiben. Das war nicht schwierig, denn hinter der Superabwehr von Arsenal London hätte auch der Fahrer des Mannschaftsbuses keine schlechte Figur abgegeben."

Abendzeitung (München): "Innerlich muss Klinsmann gegrinst haben beim vorletzten Akt des Kahn-Dramas, das eine lang angelegte Demontage des einst besten Torwarts der Welt war und dessen Schlussgong Kahns Rücktritt sein wird. Dass es ihm die Bayern so leicht machten, indem sie im für Kahn schlechtesten Moment auf die Entscheidung drängten, hat Klinsmann gnadenlos ausgenutzt - und sich stillos von einer Institution getrennt. Gewiss ist es das Recht des Trainers, Lehmann für den besseren Torwart zu halten, doch Fairness gegenüber Kahn und Respekt vor dessen Verdiensten wären seine Pflicht gewesen. So bleibt, wenn er nicht Weltmeister wird, von Klinsmanns Intermezzo nur eines hängen: Er war der Killer des Titans."

Badische Zeitung: "Der sportlich Bessere sollte gewinnen. Und er hat gewonnen. Besonders im vergangenen halben Jahr hat Lehmann überzeugt. Bei Arsenal London seinem Verein und im Nationalteam. Er ist fußballerisch stärker als sein Rivale, passt dadurch besser ins taktische Konzept Klinsmanns. Kahn dagegen patzte mehrfach, klagte zudem vermehrt über gesundheitliche Probleme."

Münchner Merkur: "Sicher ist, dass die Stunde der Verschwörungstheoretiker schlagen wird. Hat Jürgen Klinsmann, genannt 'Killer-Klinsi', den vormaligen Spielerkollegen Kahn über knapp zwei Jahre demontiert, gemobbt, terrorisiert? Wollte er Jens Lehmann, der beim selben Berater, einem Schweizer Rechtsanwalt, unter Vertrag steht, amigomäßig ins Torwart-Amt heben? Hat er abgewartet, bis der Spezi ein Formhoch erwischte und der Gegenspieler verletzt und malade ist - und haben sich aufgrund dieser Aktualität die Sympathiewerte verschoben? Man kann vieles vermuten hinter der Entscheidung, aber man muss auch festhalten: Sportlich ist sie zu vertreten, nach den Eindrücken der letzten Wochen hat nichts mehr gegen den Champions-League-Souverän Jens Lehmann gesprochen."

Stuttgarter Nachrichten: "Der Empörungsschrei aus München ist laut, aber ungerechtfertigt. Sicher: Kahn kann eine Menge Meriten aufweisen. Nichts aber zählt im Fußball weniger als die Erfolge früherer Tage. Zuletzt hatte der Münchener immer wieder gepatzt. Die Begründung, daran sei die Ungewissheit, ob er im Sommer im DFB-Tor stehen werde, schuld, ist absurd. Wer im eigenen Land Weltmeister werden will, muss mit diesem Druck umgehen können."