Stürmer Podolski: Spaßvogel mit Ladehemmung
Problemstürmer Podolski Raus aus dem Phlegma
Die einen nennen Lukas Podolski ein Phänomen. So jung und schon zwei Europameisterschaften auf dem Buckel, eine WM, einen Confederations Cup. So jung und schon so viele Tore geschossen für den DFB, 37 in 71 Spielen. Die Quote macht den phänomenalen Lukas, bald 25 Jahre alt, statistisch zu einem der besten Stürmer der jüngeren deutschen Fußballgeschichte.
Die anderen nennen ihn ein Rätsel. 27 Bundesliga-Spiele, zwei Tore. Das ist die Bilanz des rätselhaften Lukas im Trikot des 1. FC Köln. Sie macht ihn, statistisch, zu einer der größten Enttäuschungen der abgelaufenen Saison, aber sie steht nur beispielhaft für die vergangenen vier Jahre. Denn auch beim FC Bayern machte Podolski nie wirklich das, wofür er im Nationaltrikot zum Synonym geworden ist: Tore schießen.
Warum also wird aus dem rätselhaften Lukas Podolski bei der Nationalmannschaft immer wieder das Phänomen?
Es gilt als gesichert, dass die Nationalmannschaft auf den Kölner seit jeher den Effekt einer Wellnesskur hat. Während er im Club oft mit hängenden Schultern über den Platz lief und abseits wenig sprach, wurde Podolski beim DFB regelmäßig so locker wie nach einer Ayurveda-Massage.
Joachim Löw kennt den Effekt, er begleitet den Spieler seit sechs Jahren. Und deshalb hätte Podolski in Köln wohl auch als Gerüstbauer am Dom jobben können oder als Platzwart im Stadion des 1. FC - seinen Platz im WM-Kader hätte er sicher. Nicht umsonst klingt Löw in Südtirol eher bestätigt als erleichtert, wann immer er über das vermeintliche Sorgenkind spricht. Podolski rede viel, "er hat gute Laune und macht gute Stimmung". Ein gutes Zeichen sei das, sagt Löw.
"In der Nationalmannschaft lief es schon immer ganz gut für mich", sagt Podolski. Wer mit ihm während der Vorbereitung spricht, sieht einen entspannten jungen Mann, der wenig hat von dem nachdenklichen und frustrierten Kölner. Woher kommt diese Diskrepanz? "In Köln ist unsere Spielausrichtung eher defensiv, wir spielen in jeder Partie auf Abwarten", sagt Podolski.
Fremd in der Heimatstadt
Zwei, drei gute Angriffe pro Spiel, wenige Chancen für Tore, die eigenen Offensivqualitäten könnten dort, in Köln, seiner Heimatstadt, nicht zur Geltung kommen. Das DFB-Team spiele ganz anders, immer nach vorn. "Wenn man da Philipp Lahm hinter sich hat, dann ist das etwas ganz Anderes", so Podolski.
Vielleicht ist es ja wirklich so, dass die Qualitäten Podolskis vor allem dort zur Geltung kommen, wo viel Qualität ist. Und andersherum.
Aber natürlich ist mit der Qualität allein das Rätsel noch nicht gelöst. Lukas Podolski, körperlich robust wie wenige, braucht Selbstvertrauen für sein Spiel, das dann an guten Tagen so unheimlich dynamisch ist und an schlechten phlegmatisch wirkt, teigig.
Beim FC war er zu Saisonbeginn der Heilsbringer, der Druck war haushoch, doch Lukas Podolski hoffte, dass es schon laufen wird. Dabei war sein Wechsel aus München zu seinem Heimatclub noch unter anderen Voraussetzungen zustande gekommen. Der Trainer in Köln hieß noch Christoph Daum. Der neue Coach Zvonimir Soldo verschob Podolski wie eine Schachfigur, mal war er zweite Spitze, dann hängend, dann im rechten Mittelfeld oder links. Die einzige Konstante war, dass es immer weiter nach unten ging. Mit dem Team und mit Podolskis Selbstvertrauen.
"Das war mein alter Club, aber die Situation war neu. Die Mannschaft, der Trainer waren neu. Zum Teil das Umfeld", sagt Podolski, "bei der Nationalmannschaft ist das Umfeld seit 2004 ziemlich stabil".
Effektivster deutscher Stürmer bei vergangenen Großereignissen
In der Nationalmannschaft bewegt sich Podolski auf sicherem Terrain, er genießt das Vertrauen der Trainer und den Respekt der Mitspieler. Der verunsicherte Podolski ist hier unbekannt, Löw sieht ihn schon nach einer Woche Vorbereitung "in einer guten Form" und auf einem "Level, das er bei der Nationalmannschaft immer abruft". Der Kölner müsse nur die Saison "abschütteln", sagt Löw. Es klingt wie: Wird schon. Beim 3:0-Sieg im Benefizspiel gegen Malta bereitete Podolski zwei Tore vor.
Und doch ist nicht mehr alles wie früher. Nach dem Ausfall von Michael Ballack ist die Verantwortung für Podolski gewachsen, er ist nun neben Lahm, Miroslav Klose, Arne Friedrich und Bastian Schweinsteiger einer der erfahrensten Feldspieler. Ganz Verwegene brachten ihn deshalb sogar für das Kapitänsamt in die Diskussion. Für Podolski ist das "kein Thema", er sagt nur, es soll einer "mit vielen Länderspielen werden". Es deutet vieles auf Lahm hin.
Er selbst will sich in Südafrika auf das Wesentliche konzentrieren, Tore schießen. Podolski sagt das im typischen DFB-Sprech so: "Ich will das umsetzen, was ich den letzten Jahren, vor allem in den Turnieren, in der Nationalmannschaft gezeigt habe." Tatsächlich war Podolski bei den vergangenen drei Großereignissen der effektivste deutsche Stürmer. Jeweils drei Treffer erzielte er bei Confed-Cup, WM 2006 und EM 2008 - dazu bereitete er beim kontinentalen Turnier in Österreich und der Schweiz auch noch wichtige Tore vor.
Die Tore stehen stellvertretend für Podolskis phänomenale Konstanz im DFB. Auch deshalb ist sich Löw sicher, dass noch ein paar dazu kommen. "Er wird bei der WM explodieren", sagt Löw. Er kennt Podolski einfach nicht anders.