Radomir Antic ist tot: Schleifer und Streichler - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zum Tod von Fußballtrainer Radomir Antic Schleifer und Streichler

Radomir Antic war der einzige Trainer, der die drei spanischen Großklubs anleitete. In besonderer Erinnerung sind sein Double-Erfolg mit Atlético, der Zoff mit einem cholerischen Eigentümer - und das Freitagsbier.
Von Florian Haupt, Barcelona
Radomir Antic starb am Montag
Radomir Antic starb am Montag

Radomir Antic starb am Montag

Foto: Kai Pfaffenbach/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Radomir Antics Geschichte wird dadurch einmalig, dass er als Einziger die drei spanischen Großklubs trainierte: Atlético Madrid, FC Barcelona und Real Madrid. Er wurde zumeist geholt, um Verlierer in Sieger zu verwandeln - und im Mittelmaß versunkene Spitzenteams zurück zum Ruhm zu führen. Und doch bezeichnete er die Geschichte seiner Karriere selbstironisch: "Wie immer dachten sie, das mit dem Trainieren kriegt doch jeder hin", sagte er mal.

Am Montag ist Radomir Antic an einer Bauchspeicheldrüsenerkrankung gestorben.

Atlético gab die Nachricht am Abend bekannt, wenig später auch Barça und Real. Wo mit Bernd Schuster und Miquel Soler zwei Spieler das Trikot aller drei Vereine trugen, steht Antic bei den Trainern allein da. Neben einem prägenden Übungsleiter verliert insbesondere der spanische Fußball eine geschätzte Persönlichkeit. "Ein großer Trainer und noch größerer Mensch", kondolierte sein früherer Atlético-Stürmer Kiko, "keine Worte für meinen Schmerz", fand Ex-Barça-Torwart Victor Valdés, "du warst ein Vater", schrieb Real-Legende Míchel.

Der Stabilisator

Im März 1991 hatte Antic bei einem im Mittelmaß versinkenden Real Madrid die Klublegende Alfredo Di Stéfano abgelöst und noch den dritten Platz erreicht. In der Folgesaison stand er zur Saisonmitte an der Tabellenspitze, ehe er ab­sur­der­wei­se entlassen wurde. Real verspielte alle Titel.

Als er im Sommer 1995 Atlético Madrid übernahm, hatte der Klub innerhalb von zwei Jahren sagenhafte zehn Trainer verschlissen, war jeweils nur knapp dem Abstieg entkommen und, wie so oft zu den Zeiten des cholerischen Eigentümers Jesús Gil y Gil, fast pleite. Ein Jahr später standen sie als Gewinner von Liga und Pokal da. Es sollte Atléticos einzige Meisterschaft zwischen 1977 und 2014 und das bis heute einzige Double bleiben.

Antic in seiner Zeit bei Atlético Madrid - er führte den Klub zum Double

Antic in seiner Zeit bei Atlético Madrid - er führte den Klub zum Double

Foto: PHILIPPE HUGUEN/ AFP

Im Frühling 2003 übernahm Antic den chaotischen FC Barcelona auf Platz 15. Damals trainierten die Spieler noch auf einem kleinen Platz direkt am Stadion, die Journalisten durften immer zusehen - und für einige Tage auch ein Hospitant namens Joachim Löw. Im Juni nach seinem Amtsantritt übergab er den Klub drei Präsidenten später auf Rang sechs und rettete Barça die historische Serie, immer die Qualifikation für Europa geschafft zu haben.

Methodisch detailliert, taktisch innovativ

Mit Antic geht einer der letzten Vertreter der vielsprachigen jugoslawischen Trainerschule, die fremde Länder zu ihren eigenen machte, von den Fußballern immer verstanden wurde und scheinbare Widersprüche mit persönlichem Charisma auflöste. Antic war dabei methodisch detailliert und taktisch innovativ, in der Vorbereitung ein Schleifer und im Alltag ein Menschenkenner. "Gute Spieler machen nicht immer eine gute Mannschaft, gute Stimmung fast immer", war sein Lösungsansatz. Freitags gab es Teambier.

Geboren wurde er 1948 als Sohn zweier Partisanen, die sich im Kampf gegen die Nazi-Besatzung kennengelernt hatten und im neuen Jugoslawien als Militärs arbeiteten. "Ich bin stolz auf die sozialistischen Werte meiner Erziehung", sagte er noch vor zwei Jahren dem Magazin "Jotdown". Von seinen Mannschaften forderte er immer, sich nie kleiner als der Gegner zu fühlen. Selbst wurde er Verteidiger bei Partizan Belgrad, obwohl er auch Basketball gespielt, Boxkämpfe bestritten und Schachturniere gewonnen hatte. Ab dem 28. Lebensjahr durfte man damals ins Ausland, er spielte für Fenerbahce Istanbul, Real Saragossa und Luton Town, ehe er den Trainerzyklus wieder bei Partizan begann. Nach einer gewonnenen Meisterschaft im zunehmend angespannten Jugoslawien – "ich erinnere mich nicht gern an diese Zeit" – ging er 1988 vor Ausbruch der Balkankriege wieder nach Saragossa; und sollte diesmal sehr lange in Spanien bleiben.

Radomir Antic als serbischer Nationaltrainer, er führte das Team zur WM 2010

Radomir Antic als serbischer Nationaltrainer, er führte das Team zur WM 2010

Foto: ATTILA KISBENEDEK/ AFP

"Wenn du ihn nicht zahlst, tue ich das aus meiner eigenen Tasche"

Sein Double-Atlético gilt als eine der attraktivsten Mannschaften der Ligageschichte. Sie verteidigte weit aufgerückt und konterte schnörkellos nach vorn. Ihre Schlüsselfigur war Spielmacher und Freistoßspezialist Milinko Pantic, den der Trainer aus jungen Tagen bei Partizan kannte und nun mit 29 Jahren von Panionios Athen aus der Versenkung holte – entgegen allgemeiner Skepsis. "Du willst hier doch nur deine Freunde unterbringen, wie alle anderen auch", hielt Gil ihm vor. "Wenn du ihn nicht zahlst, tue ich das aus meiner eigenen Tasche", entgegnete Antic. Letztlich sorgten der feine Fuß von Pantic und die minutiöse Einstudierung unzähliger Varianten dafür, dass Atlético unglaubliche 49 Prozent seiner Tore nach Standards erzielte.

Antic blieb bis 1998 im Klub, konnte bei einer ersten Rückkehr 1999 noch mal den Abstieg verhindern, 2000 bei der zweiten aber nicht mehr. Später erfüllte er sich noch einen Traum, als er die serbische Nationalelf zur WM 2010 führte. Beim Ausscheiden in der Gruppe gelang dabei immerhin ein Sieg gegen Deutschland. Dennoch wurde Antic bei nächstbester Gelegenheit gefeuert. Dass es Serbien danach acht Jahre lang zu keiner Endrunde mehr schaffen sollte, durfte niemanden überraschen.

Radomir Antic wurde 71 Jahre alt.