Rangnick-Interview "Auch Ailton ist wertkonservativ"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Rangnick, kennen Sie Edi Frühwirth?
Rangnick: Edi Frühwirth? Ich habe den Namen schon mal gehört, aber im Moment kann ich damit nichts anfangen.
SPIEGEL ONLINE: Der war letzter Schalker Meistertrainer, 1958. Seit 47 Jahren warten die Fans Ihres Vereins also schon auf den Titel. Spüren Sie diese Sehnsucht im Umfeld des Clubs selbst auch?
Rangnick: Natürlich. Beim Training, während der Spiele, überall ist das präsent. Die Spieler bekommen täglich Briefe und E-Mails, wir Trainer auch.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben die Meisterschaft ja auch als Ziel ausgegeben. Ist das ein Zugeständnis an die Sehnsucht der Fans nach dem Titel oder glauben Sie selbst auch daran?
Rangnick: Sicher. Wir hatten zwar vor drei Wochen noch eine bessere Ausgangsposition als jetzt, aber nach wie vor ist alles möglich. Dafür müssen wir aber am Samstag mit einem Sieg gegen Hamburg eine neue Serie starten.
SPIEGEL ONLINE: Um dieses Ziel zu erreichen müssten Sie Ihrem Manager vor wichtigen Spielen aber eigentlich das Wort verbieten.
Rangnick: Warum das?
SPIEGEL ONLINE: Vor dem Spiel in Mainz hat Rudi Assauer den Gegner wegen der Umstände des Azouagh-Transfers kristisiert. Die Partie ging verloren.
Rangnick: Spiele werden bei uns immer noch auf dem Platz entschieden. Und mit Dingen, die da im Vorfeld diskutiert passieren, hat das nichts zu tun. Gegen Mainz hatten wir das Spiel nach dem Ausgleich im Griff. Aber man muss einem Team auch mal Niederlagen zugestehen. Und wir haben immer noch genug Zeit, die Kurve zu kriegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie genau wollen Sie das tun?
Rangnick: Ganz einfach: Wir brauchen wieder Geschlossenheit und Leidenschaft. Die hat zuletzt bei der 0:3-Niederlage in Stuttgart gefehlt. Da war meine Mannschaft zum ersten Mal in dieser Saison richtig schlecht.
SPIEGEL ONLINE: Fehlen Schalke auch drei defensive Mittelfeldspieler? Immerhin haben Sie Fabian Ernst, Zlatan Bajramovic und Azouagh verpflichtet, die sich in der kommenden Saison mit Christian Poulsen und Levan Kobiaschvili um nur zwei Plätze streiten müssen.
Rangnick: Wir haben in diesem Jahr mit zwei defensiven Mittelfeldspielern gespielt - und es kann ja sein, dass wir in der kommenden Saison mit drei spielen. Die Tatsache, dass wir jetzt im 4-3-3 spielen, heißt noch lange nicht, dass wir das so beibehalten.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Bei Ihren vorherigen Stationen haben Sie immer gefordert, dass der Großteil des Kapitals in die Offensive investiert wird. Jetzt verpflichten Sie drei Defensive. Holen Sie noch einen Stürmer?
Rangnick: Das hängt von der weiteren Entwicklung unserer Spieler ab. Wenn wir demnächst wirklich im 4-4-2-System spielen, dann haben wir jetzt schon vier Stürmer für zwei Positionen. Wir werden am Ende der Saison entscheiden, wenn wir wissen, in welchem internationalen Wettbewerb wir spielen. Aber zurzeit ist es wenig wahrscheinlich, dass wir noch jemanden holen. Mike Hanke macht zum Beispiel eine tolle Entwicklung durch, auch wenn man gegen Stuttgart gesehen hat, dass da noch viel Luft nach oben ist. Und von Ailton, Ebbe Sand und Gerald Asamoah wissen wir, wo sie stehen.
SPIEGEL ONLINE: Manager Assauer gilt als bauchgesteuert. Wer Ralf Rangnick charakterisiert, spricht von einem kopfgesteuerten Analytiker mit einem gewissen Kontrollzwang. Wie passt das zusammen?
Rangnick: Das stimmt doch beides gar nicht. Das muss man mal relativieren. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl, dass das hier passt. Und das hat sich in den letzten Monaten auch bestätigt.
SPIEGEL ONLINE: Keine Kontrolle mehr? Spielen denn wenigstens die Jugendmannschaften des FC Schalke mittlerweile alle mit Viererkette und ballorientierter Raumdeckung, wie Sie das schon beim VfB Stuttgart veranlasst haben?
Rangnick: Zumindest die A-Jugend spielt auch mit einer Viererkette, aber das hat nichts mit mir oder meiner Einflussnahme zu tun - die haben vorher auch schon so gespielt. Und ich habe mich seit Amtsbeginn fast ausschließlich um die Profimannschaft gekümmert. Ich bin ja mitten in der Saison gekommen, wir hatten viele englische Wochen, da gab es anderes zu tun. Aber ich werde mich im Gegensatz zu meiner Zeit in Hannover im Jugendbereich auch nicht zu sehr einbringen. Das ist hier gar nicht notwendig, da ist alles in guten Händen.
SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen sich zurück? Das kennt man ja gar nicht von Ihnen.
Rangnick: Wenn die nächste Saison beginnt und man mich um meine Meinung bittet, werde ich sicher nicht Nein sagen.
SPIEGEL ONLINE: Man sagt von Ihnen, Sie seien wertkonservativ. Wie äußert sich das in Ihrer Arbeit?
Rangnick: Erstmal: Das Wort stammt nicht von mir. Aber ich stamme noch aus einer Generation, die Disziplin, Ehrlichkeit, Offenheit oder Respekt im Umgang miteinander hochhält. Und das sind Werte, die so für mich auch immer gelten werden. Auf der anderen Seite hört sich konservativ auch so an, als würde man andauernd von alten Zeiten schwelgen - und das hat mir schon früher bei meinen Trainern missfallen. Deshalb habe ich mir geschworen, das selbst als Trainer nie zu machen. Wer will schon hören, was vor 20 Jahren toll war? Für mich ist es wichtig zu wissen, was meine Spieler umtreibt, wie sie leben, für was sie sich interessieren. Auch wenn es mir vielleicht nicht gefällt.
SPIEGEL ONLINE: Hilft Ihnen diese Einstellung auch im Umgang mit Ailton? Dem Stürmer sagt man ja nach, er habe andere Vorstellungen von Pünktlichkeit.
Rangnick: Das ist nicht wahr. Dem eilt zwar der Ruf voraus, dass er seinen Urlaub ab und an etwas verlängert, aber seit ich hier Trainer bin, war er noch nie unpünktlich, nicht beim Training noch zu irgendeiner Besprechung. Wenn man so will, ist auch Ailton wertkonservativ: Er weiß, dass er etwas zurückgeben muss, wenn man ihm entgegenkommt.
SPIEGEL ONLINE: Sportlich kann man ihm ja derzeit auch keinen Vorwurf machen. Glauben Sie, dass er es noch schafft, in die brasilianische Nationalmannschaft zu kommen?
Rangnick: Wenn man sich die Konkurrenz anschaut, glaube ich, dass das eher schwer wird. Auch wenn ich mir sicher bin, dass Ailton im nächsten Jahr, ähnlich wie in Bremen, noch stärker wird. Aber ganz ehrlich: Ich bin auch nicht böse, wenn er kein Nationalspieler mehr wird. So erspart er sich das viele Reisen und ist öfter bei der Mannschaft.
SPIEGEL ONLINE: Das Ausscheiden im Uefa-Cup gegen Donezk konnte auch Ailton nicht verhindern. Am Mittwoch ist mit Bayern München zudem die letzte im internationalen Wettbewerb vertretene Mannschaft gegen Chelsea gescheitert und die Bundesliga in der Fünf-Jahreswertung sogar von Frankreich überholt worden. Warum steht Deutschland international so schlecht da?
Rangnick: Das hat mehrere Gründe. Bei den Summen, die in England, Italien oder Spanien für Ablöse und Gehalt gezahlt werden, kann nicht mal Bayern München mithalten. Die anderen Vereine der Bundesliga noch weniger. Aber es ist nicht nur das Geld. Gestern habe ich mir das Spiel Eindhoven gegen Lyon angeschaut und mir ist aufgefallen, wie brutal athletisch die beiden Teams ausgebildet sind. Technisch war das kein Leckerbissen, aber 120 Minuten höchstes Tempo. Ich habe mir richtig Sorgen um den Schiedsrichter gemacht, weil er so viel laufen musste. Und zwischen Chelsea und Bayern gab es gerade im Hinspiel gravierende Unterschiede in Punkto Power und auch Härte. Da haben wir in Deutschland Nachholbedarf.
SPIEGEL ONLINE: Und das Modell Stuttgart? Kann man nicht auch mit wenig Geld und guter Nachwuchsarbeit Erfolg haben?
Rangnick: Das ist ein anderes Thema. Auch hier: Schauen Sie sich Chelseas Lampard, Cole oder Drogba an. Das sind Modellathleten. Wir müssen auch in Deutschland noch früher darauf achten, junge Spieler zu Athleten auszubilden. Ich habe den Eindruck, dass wir mit unseren jungen Talenten immer noch zu schonend umgehen, nach dem Motto "bloß nicht zu früh verheizen". Das muss sich ändern. In anderen Sportarten passiert das teilweise schon mit Zehnjährigen. Ich meine jetzt bewusst nicht die Methoden, die in der ehemaligen DDR angewandt wurden. In Deutschland gilt ein Spieler mit 21 noch als Talent. Mehmet Scholl zum Beispiel galt noch als Talent, da war der schon 28. Aber ein Wayne Rooney war in Everton schon mit 17 Stammspieler in der Nationalmannschaft. Und wie weit sind unsere 17-Jährigen?
SPIEGEL ONLINE: Lukas Podolski ist immerhin Nationalspieler.
Rangnick: Aber der ist ein Naturtalent, mit ganz besonderen körperlichen Voraussetzungen. Wir müssen einfach umdenken und dürfen unsere 18- und 19-Jährigen nicht weiter wie rohe Eier behandeln. Es muss die Aufgabe der Bundesliga-Trainer sein, dafür zu sorgen, dass die Talente die physischen Voraussetzungen bekommen, auf diesem Niveau mitzuhalten.
SPIEGEL ONLINE: Als Bundestrainer hätten Sie noch mehr Möglichkeiten, auf diese Entwicklung Einfluss zu nehmen.
Rangnick: Das hat noch eine Weile Zeit. Ich bin ein Trainer, der die tägliche Arbeit mit der Mannschaft braucht. Ich fühle mich auch noch so mit Energie aufgeladen, dass ich dazwischen keine zweimonatigen schöpferischen Pausen brauche.
SPIEGEL ONLINE: Aber der Job würde Sie schon reizen?
Rangnick: Fragen Sie mich in zehn Jahren noch mal.
Das Interview führte Christian Gödecke