Rangnick und Hoffenheim: Perspektiven in der Provinz - DER SPIEGEL
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Rangnick und Hoffenheim Perspektiven in der Provinz

Er hat den FC Schalke in der Champions League trainiert und tritt nun mit seinem neuen Team gegen Elversberg und Pfullendorf an. Doch Ralf Rangnick hat in Hoffenheim noch viel vor - der Aufstieg in die Zweite Liga soll nur der erste Schritt sein.
Von Klaus Teichmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Weiter, weiter", brüllt der Mann mit der dunkelblauen Mütze. Hinter der Tankstelle in Hoffenheim wird in einer Mulde gekickt - ein Bauernhof mit einer großen Scheune bildet die Kulisse für den Sportplatz an der Dorfstraße. Ein ungewöhnlich anmutender Ort für das Training von Fußball-Profis. Das hier ist tiefste Provinz. Der Mann, der sich mit der Kopfbedeckung gegen den Nieselregen schützt und seine Hände tief in den Taschen seiner Trainingshose vergraben hat, ist Ralf Rangnick.

Der Chefcoach des Regionalligisten TSG Hoffenheim wandelt mit einer graublauen Trainingsjacke zwischen seinen Spielern umher und gibt Anweisungen. Hier wird konzentriert gearbeitet. Ablenkung gibt es im "Trainingszentrum", wie der Drittligist sein Übungsfeld auf seiner Homepage nennt, keine. Es lauern weder Autogrammjäger noch Journalisten - nicht einmal fachsimpelnde Rentner gibt es beim ersten Training im neuen Jahr in der 3000-Seelengemeinde.

Fußball findet hier in seiner originärsten Form statt. "Die Gefahr, dass sich vor lauter Medien- und PR-Aktionen die Prioritäten verschieben, haben wir hier nicht", sagt der ehemalige Bundesliga-Trainer. Eine gewisse Uneitelkeit sei deshalb notwendig, "volle Stadien und eine deutschlandweite Berichterstattung" habe man nämlich auch keine - "noch nicht".

Verpatzter Saisonstart

Die erste Etappe seines ehrgeizigen Plans hat Rangnick bereits genommen. Auf fünf Jahre ist das Projekt angelegt, an dessen Ende der Aufstieg in die Bundesliga stehen soll. Im Sommer trat der 48-Jährige an, nach einem halben Jahr steht er auf Platz zwei, die Zweite Liga winkt. Hinter Wehen hat sich die TSG bereits ein Polster auf den nächsten Nichtaufstiegsplatz verschafft. "Jetzt wollen wir dieses Jahr schon aufsteigen", sagt Rangnick SPIEGEL ONLINE.

Es gab Zeiten, da sah es danach aus, als ob sein Masterplan schon früh scheitern könnte. In den ersten Wochen gelang seinem Team einfach kein Sieg, vor dem fünften Spieltag war die TSG Vorletzter - vor der Saison hatte die ganze Liga allein schon wegen des Startrainers und den Millionen von Mäzen Dietmar Hopp den Club als ersten Aufstiegsaspiranten gehandelt.

Spott ergoss sich über Rangnick. Plötzlich wurden Episoden hochgezogen, wonach ihm der Durchblick fehle - er hatte aufgrund einer Rot-Grün-Fehlsichtigkeit den Schiedsrichter mit seinem Spieler verwechselt. "Da gab es auch Häme, wir leben eben in einer Neidgesellschaft", sagt er. Die, die ihn gerne als arrogant und überheblich abstempeln, sahen sich bestätigt.

"Scheiß-Millionäre"

In Hoffenheim griffen seine Maßnahmen schnell. Nach einer Serie von zwölf Spielen ohne Niederlage stand er vorne. Für kein Geld der Welt würde man ihn wieder hergeben, wird SAP-Gründer Hopp zitiert. Immer noch brüllen die gegnerischen Fans "Scheiß-Millionäre", wenn es gegen die TSG geht.

Rangnick ärgert dies maßlos. Tatsächlich hat er etwa in Denis Lapazcinski oder Francisco Copado namhafte Akteure geholt, echte Stars fehlen jedoch. Transferiert werden eher Perspektivspieler - gerade hat man mit Matthias Jaissle den 18-jährigen Kapitän der A-Junioren des VfB Stuttgart verpflichtet - Rangnicks altem Verein. "Wir könnten sicher in den Poker um Patrick Helmes (Stürmer des Zweitligisten 1. FC Köln; d. Red.)einsteigen, grundsätzlich geht alles", sagt Rangnick. "Aber das wollen wir nicht. Wir wollen hier Spieler, die von ihrem Alter und ihrer Entwicklungsstufe zu unserem Projekt passen."

Rangnicks Wirken zeichnet sich nicht dadurch aus, mit Hopps Millionen Größen in die Provinz zu locken. Er arbeitet an den Strukturen. Im Sommer holte er Athletik-Trainer Rainer Schrey hinzu, die TSG erzielt nun späte Tore. Seit Oktober hat Klinsmanns verhinderter Wunschkandidat und Hockey-Weltmeister-Coach Bernhard Peters in Hoffenheim als Sport- und Jugendkoordinator seine Arbeit aufgenommen. Hans-Dieter Hermann, der Sport-Psychologe des DFB-Teams, ist seit November da. Auch eine Ernährungs-Beraterin unterstützt ihn. Die Ähnlichkeiten zur Arbeit eines blonden Wahlkaliforniers sind verblüffend.

Bundesligataugliche Arena

"Der Unterschied zu Klinsmanns WM-Projekt ist, dass ich als Trainer tatsächlich auf dem Platz stehe", stellt Rangnick klar. Und dann noch eines, so viel Zeit muss in aller Bescheidenheit sein: "Ich habe schon so gearbeitet, als Klinsmann noch am Anfang seiner Spielerkarriere stand."

Die öffentliche Aufmerksamkeit rund um das Hoffenheimer "Trainingszentrum" wird sich wohl schnell ändern. Der Weg durch die schmalen, verwinkelten Gassen zum hoch auf dem Hügel gelegenen 5000 Zuschauer fassenden Dietmar-Hopp-Stadion wird bald der Vergangenheit angehören. Der Weg der TSG zeigt nach einem halben Jahr unter Rangnick steil nach oben. Ganz so wie die riesigen Flugzeug-Schnauzen aus dem unweit gelegenen Technik-Museum in Sinsheim. Gegenüber entsteht schon bald die neue 30.000 Zuschauer fassende Arena, für 40 Millionen Euro. Sie ist selbstverständlich bundesligatauglich.