Rassismus in den Stadien Fan-Force statt Task-Force
Die größten Probleme haben die Kleinen. Darum sollen Vereine in den unteren Ligen künftig schärfer bewacht werden. Eine gestern vom DFB und der DFL gegründete Task Force soll dafür Sorge tragen, dass potentielle Brandherde in den Amateurklassen schneller erkannt werden, damit sich Ausschreitungen wie am vergangenen Wochenende verhindern lassen.
Wer in dieser Kommission sitzt, steht noch nicht fest. Die Rede ist von "Experten aus beiden Gremien", also des DFB und der DFL. "Wir werden in den nächsten Tagen eine passende Gruppe zusammenstellen", so DFB-Präsident Theo Zwanziger zu SPIEGEL ONLINE. Auch ist das Aufgabengebiet erst sehr vage umrissen worden: Die Expertenrunde soll sich "einen Überblick über aktuelle Entwicklungen verschaffen, um kurz- und langfristige Maßnahmen gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit zu initiieren", heißt es in der Pressemitteilung des DFB. Dafür soll ein hauptamtlicher Sicherheitsbeauftragter eingesetzt werden.
Die weiteren geplanten Maßnahmen klingen mehr nach Repression als nach Prävention. So wollen DFB und DFL künftig noch mehr auf die Sicherheitsrichtlinien und die baulichen Gegebenheiten in den Stadien achten. Profivereine, die in Arenen mit mangelnder Infrastruktur spielten, müssten um ihre Ligazugehörigkeit bangen. "Es kann dann passieren, dass Vereine, die sportlich qualifiziert sind, trotzdem nicht aufsteigen", kündigte Zwanziger an. Auch wolle man sich sportrechtliche Sanktionen wie beispielsweise Punktabzüge vorbehalten. Von den verschärften Zulassungsverfahren sollen insbesondere Clubs betroffen sein, die in der zukünftigen eingleisigen 3. Liga antreten wollen.
Bleibt die Frage: Sind die Maßnahmen wirksam oder handelt es sich um puren Populismus, mit dem die Probleme noch weiter in die Niederungen des Fußballs verlagert und somit weiter aus dem Fokus des öffentlichen Interesses gerückt werden? Denn Hooligan-Ausschreitungen und rechtsradikale Vorfälle sind keine neuen Phänomene im deutschen Fußball (siehe Info-Kasten).
Dieter Bänisch kennt sich sowohl mit den Problemen in der höchsten deutschen Spielklasse als auch mit denen des Amateurfußballs aus. Seit über 14 Jahren ist der Diplom-Sozialpädagoge Geschäftsführer des Vereins Jugend und Sport, der die beiden Hamburger Fanprojekte (HSV und FC St. Pauli) betreut. Er befürchtet eine weitere Verlagerung der Konflikte in noch tiefere Regionen: "Mehr Zäune, schärfere Kontrollen, stärkere Fantrennung - solche Maßnahmen führen nur dazu, dass sich bei den Fans noch mehr Frustration aufbaut. Es wird im Amateurfußball immer Räume geben, die sich nicht kontrollieren lassen", sagt Bänisch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Zwanziger: "Kirche im Dorf lassen"
Das sieht auch Zwanziger so, trotzdem will er den Vorwurf nicht gelten lassen, der DFB verlagere das Problem nur nach unten: "Wir können natürlich nicht alle Spielklassen mit insgesamt 26.000 Vereinen bundesweit hundertprozentig sicher machen", sagt Zwanziger SPIEGEL ONLINE und fordert "alle Experten auf, die Kirche jetzt im Dorf zu lassen". Laut Zwanziger gehören "diese negativen Erscheinungen, die auch eine Folge von politischen Versäumnissen sind, leider mittlerweile zum Fußball dazu". Mit der Task Force wolle man deshalb ein klares Zeichen setzen, dass man die Augen davor nicht verschließt.
Laut Bänisch hat sich der DFB jedoch erst durch die Häufung und nicht durch die Schwere der Vorfälle in diesem Jahr (siehe Info-Kasten unten) zum Handeln gezwungen gesehen. Hinzu kommt, dass die imageschädigenden Vorfälle in den vergangenen Monaten auch wieder in die Bundesliga überschwappten. Dorthin, wo sich der DFB Rassismus und Gewalt am wenigsten leisten kann.
Den Ruf nach "Sicherheitsstandards wie in der Bundesliga", die etwa Konrad Freiberg von der Gewerkschaft für Polizei fordert, hält Bänisch für kontraproduktiv. "Ich will die guten Ansätze der Task Force gar nicht zerreden, aber mehr Einblicke in die Fanszene wären manchmal hilfreicher als eine Hundertschaft Polizisten", so Bänisch. "Wir haben dem Hamburger Fußballverband vor sechs Jahren angeboten, Vorträge über Konfliktsituationen in den Amateurspielklassen zu halten, haben aber nie eine Antwort bekommen", kritisiert der 53-Jährige.
Seiner Meinung nach wären finanzielle Investitionen in Fanprojekte wesentlich sinnvoller als der Ruf nach noch mehr Überwachung und Bestrafung. Bislang ist die Finanzierung der Sozialarbeiter unter drei Geldgebern aufgeteilt. Ein Drittel kommt dabei vom DFB, den Rest teilen sich Kommunen und Bundesländer. Zwar kündigte Zwanziger an, dass die Task Force verstärkt mit Fanprojekten zusammen arbeiten werde, von einer finanziellen Aufstockung, die "gerade in den problematischen Amateurligen dringend notwendig wäre" (Bänisch), war nach dem DFB-Gipfel nicht die Rede.
"Viele Vereine in den Ligen, in denen es zu diesen Vorfällen kommt, haben gar keine Fanprojekte. Dort muss der DFB Druck auf die Vereine und die zuständigen Landesverbände ausüben", so Bänisch, der auf Verantwortung statt Strafe setzt: "Wir müssen den friedlichen Fans mehr Verantwortung geben, damit dem kleinen Teil Rechtsradikaler oder Hooligans der Handlungsspielraum beschnitten wird", fordert Bänisch. "Es kann nicht sein, dass es immer heißt, 'das waren doch nur 50 Idioten von 5000 Mitgereisten'. Dann müssen sich eben die anderen 4950 gerade machen", fordert Bänisch.