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Ratloser Magath Schalke 0.4
Felix Magath gibt seinen Spielern am Montag frei, und auf den ersten Blick muss diese Maßnahme erstaunen. Schließlich hat der Schalker Trainer den Ruf, seine Fußballer eher ruppig anzupacken. Doch in diesem Fall liegen die Dinge anders, Schalke befindet sich in einer Extremsituation. "Die Spieler müssen sich erholen und den Kopf frei bekommen", sagte Magath nach dem furchtbaren 1:3 (0:1) gegen Borussia Dortmund im Revierderby, der vierten Bundesliga-Niederlage in Folge und dem schlechtesten Schalker Saisonstart der Geschichte. S04 steht ohne Punkt auf dem letzten Tabellenplatz.
Sogar seine Angewohnheit, schonungslos Schuldige zu benennen, verkniff sich Magath. Er könne nicht über Einzelne sprechen, sagte er, "heute ist jeder blass geblieben, alle waren völlig verunsichert". Zum ersten Mal sind es auf Schalke nicht die Spieler, und noch nicht einmal die widerborstigen Fans, die die Verantwortung tragen für diesen desillusionierenden Saisonstart. Es ist Magath, dessen Arbeit sich im Tabellenbild spiegelt.
Der 58-Jährige liebt das Spiel mit dem Risiko, er ist konsequent und radikal, doch was sich schon während der vergangenen sechs Wochen andeutete, wird nun mehr und mehr zur Gewissheit: Schalke 04 verkraftet Magaths Radikalität nicht. Dozierte der Trainer zuletzt noch über einen Mangel an Harmonie, die sein Team aber ganz bestimmt sehr bald entwickeln werde, sah er nun einen anderen Grund für den Katastrophenauftritt gegen die Dortmunder. "Völlig verunsichert" sei seine Mannschaft gewesen, sagte er.
Zwölf des Tages: Ausrutscher und Torgaranten
Im Vorjahr wurde Magath gefeiert, weil er Spieler wie Schachfiguren einsetzte, immer mit dem passenden Hintergedanken, mit dem richtigen Plan. Aber Fußball ist eben doch kein Schach. Spieler sind Menschen, deren Psyche sich regt, und nun haben der Prozess des Umbruchs und die in Kauf genommenen Niederlagen zu Beginn die Profis zutiefst verunsichert. "Wir waren mutlos, überhaupt nicht aggressiv", sagte Kapitän Manuel Neuer. Vieles deutet darauf hin, dass Magath diese Saison ein wenig zu technokratisch geplant hat, dass er die Dynamiken des Spielbetriebs unterschätzte.
Jürgen Klopp, der Dortmunder Trainer, mochte seinen Augen kaum trauen. "Brutale individuelle Qualität" attestierte er den Gelsenkirchenern, gesehen habe er davon aber nichts. "Ich verstehe auch nicht, warum Schalke in dieser Verfassung ist", sagte Klopp, dessen Mannschaft ein fast perfektes Fußballspiel gelungen war. "Wir haben Schalke an die Wand gespielt", sagte Innenverteidiger Mats Hummels.
Defensive ist kein ernstes Hindernis für halbwegs begabte Stürmer
Das hat auch Magath nicht anders gesehen, und deshalb will er die Situation jetzt "völlig neu bewerten". Wie genau seine Maßnahmen gegen den allgemeinen Zerfall aussehen könnten, wusste er aber noch nicht, die Bewertung werde "in Ruhe" erfolgen. "Nicht zehn Minuten nach dem Spiel". Immerhin weiß Magath inzwischen, dass andere Mittel notwendig sein werden, als ein bisschen Training und ein bisschen mehr Spielverständnis.
Denn die Defensive ist auch ohne den angeschlagenen Christoph Metzelder kein echtes Hindernis für halbwegs begabte Stürmer, mit Nicolas Plestan flog im vierten Spiel bereits der zweite Schalker mit einer Gelb-Roten Karte vom Platz, und die Offensivspieler haben sich längst anstecken lassen von der allgemeinen Paranoia. "Wir brauchen Siege, wir brauchen Punkte", sagte Magath und klang dabei ziemlich ratlos. Vielleicht ist es da ein Glück, dass die Schalker am Mittwoch zunächst in Freiburg spielen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), und dann am kommenden Samstag gegen Borussia Mönchengladbach. Diese Konstellation ist nicht ungünstig.
Der Schaden ist aber schon jetzt enorm. Statistiker haben nach der Niederlage ermittelt, dass Mannschaften, die mit vier Niederlagen in die Saison starteten, am Ende nie besser standen als auf Platz elf. "Von Europapokal brauchen wir jetzt nicht mehr zu reden", erklärte Magath kleinlaut, doch er muss den Europapokal, sogar eigentlich die Champions League erreichen.
Denn Magath hat seinen Umbruch damit begründet, dass er jetzt jene Mannschaft beisammen haben müsse, mit der er dann 2012 oder 2013 Meister werden könne. Wenn aber in der kommenden Saison Einnahmen aus dem internationalen Wettbewerb fehlen, dann ist der vermeintliche Meisterkader nicht mehr finanzierbar. Er müsste Spieler verkaufen, stünde schlimmstenfalls dort, wo er vor einem Jahr begonnen hat.